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Agnes Heller bei der Gedenkstunde zu Anne Franks 90. Geburtstag am 12. Juni in der Frankfurter Paulskirche.

Philosophin

Agnes Heller ist tot

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Zum Tod der Philosophin Agnes Heller.

Vor fünf Jahren beantwortete Agnes Heller die Frage nach einem „typischen Tag von Agnes Heller“ so: „Ich stehe gegen sieben Uhr auf und gehe runter zum Schwimmen.“ Sie wohnte in einem Neubau in Budapest, in dessen Keller ein Schwimmbad war. Vergangenen Freitag ging Agnes Heller im Plattensee schwimmen – sie machte dort Urlaub im Heim der Budapester Akademie der Wissenschaften – und kam nicht mehr zurück. Hoffentlich ging es blitzschnell, denke ich.

Nichts ging schnell bei ihr, bin ich versucht zu sagen. Am 12. Mai 1929 wurde sie in Budapest geboren. Sie überlebte mit viel Glück den Holocaust, 1947 wurde sie Mitglied der Kommunistischen Partei, studierte zunächst Chemie und Physik, wechselte unter dem Eindruck einer Vorlesung von Georg Lukács zur Philosophie, wurde dessen Assistentin, geriet immer wieder auf Kollisionskurs mit der Kommunistischen Partei bis sie 1977 nach Australien emigrierte und in Melbourne eine Soziologie-Professur erhielt. 1986 wechselte sie nach New York, wo sie an der New School for Social Research den Hannah Arendt Lehrstuhl für Philosophie einnahm.

Kaum jemand hatte so gründlich über die Freiheit nachgedacht wie Agnes Heller. Die Erfahrung der Unfreiheit hatte sie geprägt. Weniger vielleicht die, die sie erlitten hatte, als vielmehr, die, die sie anderen bereitet hatte. Sie war schließlich freiwillig in die Kommunistische Partei eingetreten, in die stalinistische KP.

Ihr bewunderter Lehrer Georg Lukács (1885-1971), der sein Leben lang immer wieder die KP kritisierte, ohne je von ihr loszukommen, wird dabei eine Rolle gespielt haben. Agnes Heller folgte nach dem Zweiten Weltkrieg den Spuren Lukács’, der sich nach dem Ersten aus einem Ästheten nicht nur in einen der einflussreichsten Vordenker des Klassenkampfes, sondern auch in einen Klassenkämpfer verwandelt hatte.

Aber Agnes Heller gelang es, sich freizumachen von ihrem eigenen Ideal. Sie entdeckte die Freiheit. Sie entdeckte sie – ich weiß nicht wo. Aber dargestellt hat sie sie – gewissermaßen auf den Spuren des Basler Bürgersohnes Jacob Burckhardt – im „Mensch der Renaissance“. Das erste Buch, das ich von ihr las, war „Alltag und Geschichte – Zur sozialistischen Gesellschaftslehre“. Eine Antwort aus dem Jahre 1970, kein Echo, auf Georg Lukács’ 1923 den Marxismus revolutionierendes Werk „Geschichte und Klassenbewusstsein“. Thema war nicht mehr die Ergründung der Voraussetzung für die Revolution, sondern das Begreifen des Alltags.

Der wurde bald ein Zauberwort, das Linken dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs hinaushalf aus ihren selbstverschuldeten Unmündigkeiten. Agnes Hellers Stimme wurde schon gehört, als sie noch in Ungarn war. Ihre Bücher halfen auch der westlichen Linken beim Abnehmen der einst so stolz angelegten parteitreuen Scheuklappen. Noch erfolgreicher war der 1976 erschienene Band „Theorie der Bedürfnisse bei Marx“. Es war die Zeit der sich entfaltenden Alternativbewegung. „Bedürfnisse“ war eines der magischen Wörter jener Jahre. Agnes Heller sah zurück und mobilisierte noch einmal die Einsichten des von vielen schon beiseitegelegten Trierer Philosophen für die neuen Aufgaben.

Agnes Heller war immer – bis zuletzt – aktuell. Aber sie hatte die Begabung, alles, auch die eigenen Gedanken zu kritisieren – zum Beispiel in dem 2017 erschienenen Band „Eine kurze Geschichte meiner Philosophie“ – ohne etwas wegzuwerfen. Das Neu-Entdeckte immer auch durch die Brille des bis dahin für richtig Gehaltenen sehen zu können, war ihre Stärke. Mit andern Worten: die Reflexion.

Agnes Heller war eine zierliche Dame von unverwüstlicher Robustheit. Das stimmt für ihre Physis, aber noch deutlicher war sie es als Autorin. Den Begriff „Populismus“ lehnte sie ab. „In einer Demokratie“, erklärte sie, „müssen alle Populisten sein.“ Sie liebte es, einen klaren Kopf zu behalten. So forderte sie uns auf, statt in schönen Aussichten zu schwelgen, die Gegenwart daraufhin abzuklopfen, was sie an schlimmsten Möglichkeiten biete. Nur so könnten wir verhindern, dass sie Wirklichkeit werden.

Ihr Realismus mochte der Sieg ihrer Vernunft über ihre Ideologie gewesen sein. Er war aber auch Ausdruck ihres Temperamentes. 2013 erklärte sie, Viktor Orbán sei ein Diktator, aber Ungarn sei keine Diktatur. Eine dialektische Finte? Nein, eine sehr genaue Beschreibung der Lage von 2013, wie wir Beobachter mit deutlich längeren Leitungen als Agnes Heller, erst im vergangenen Jahr begriffen.

„Nichts ging schnell bei ihr“, schrieb ich am Anfang dieses Nachrufs. Ganz falsch. Sie dachte schneller als die meisten Zeitgenossen. Zum Beispiel auch in ihrem jüngsten Essay, „Paradox Europa“, das im Februar in der Edition Konturen erschien. „Europa hat doch die Aufklärung entdeckt, der Universalismus war von Europa entdeckt. Auch der Begriff des Fortschritts ist ein europäischer Begriff. Und doch hat dasselbe Europa Totalitarismus entdeckt. Totalitarismus ist eine europäische Idee. Nazismus, Bolschewismus, Faschismus. Alle waren europäische Entdeckungen. Das ist ein Paradox, das ist unauflösbar. Wir können diesen Gegensatz nicht auflösen, weil es überhaupt keinen Kompromiss zwischen den beiden gibt und geben kann.“ Man liest diese Sätze, glaubt, ihr beim Denken zuzusehen. Wie sie sich steigert und radikalisiert. Das „geben kann“ ist dann ein Donnerwort.

„Schreiben, nachdenken, sprechen, das ist mein Leben.“ In dieser Reihenfolge. Der Leser hat recht mit seinem Eindruck. Agnes Heller hielt es nicht mit der Schulmeisterlehre: erst denken, dann schreiben. Sie dachte schreibend, so wie sie auch – das erklärte sie in einem Interview – gerne beim Schwimmen dachte. Am Ende, so hoffe ich, war sie eine nicht nur im Plattensee, sondern auch in ihren Gedanken glückliche Schwimmerin.

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