Philosophie

Adorno war kein Mephisto

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Peter E. Gordons Frankfurter Adorno-Vorlesungen hinterfragen philosophische Routinen.

Schon Adorno selbst bemängelte die Bedingungen in diesem Raum, und auch diesmal war die Luft im Hörsaal IV auf dem ehrwürdigen Bockenheimer Uni-Campus nicht besonders gut. Aus Anlass des 50. Jahrestages von Adornos Tod am 6. August 1969 war er bis auf die letzten Plätze gefüllt. Angekündigt waren Peter E. Gordons Vorlesungen über die „Quellen der Normativität in Adornos Philosophie?“ An drei Abenden behandelte der Historiker, der zugleich Mitglied des Instituts für Philosophie an der Harvard-Universität ist, die Frage unter den Aspekten Materialismus, Metaphysik und Ästhetik.

Gordon begann mit einer Einführung in die Grundlage der Philosophie Adornos, dessen „Negative Dialektik“. Diese habe den Anspruch gehabt, Unwahres dort aufzuzeigen, wo Wahres nicht hinterfragt werde. Doch wie über das hinausweisen, das nicht ist, während unsere Gedanken gleichzeitig vom Bestehenden stark beeinflusst werden? Adornos Philosophie lasse Möglichkeiten offen, wenn auch nur kleine „Risse und Schründe“. Gleichzeitig bleibe jede rationale Begründung von Normativität unsicher, sei nicht komplett „bedeckt“ von Vernunft. Das Werk Adornos sei allgemein fragil, unsicher, zudem beschädigt. Es gäbe keine Sicherheiten, keine festen Wahrheiten.

Um über die gegebenen Verhältnisse hinaus zu weisen, die Quellen einer Normativität zu finden, entwickle Adorno eine eigene Metaphysik. Metaphysik? War Adorno etwa Theologe, und das als Materialist? Beileibe nicht, betonte Gordon. Für ihn schlüpfe die Metaphysik bloß in die materielle Welt, beides gehöre zwingend zusammen, um über das Gegebene hinauszuweisen. Die Metaphysik verweise aber nicht auf ein Jenseits, sondern sei in der sozialen Realität zu verorten.

Adorno habe, in Abgrenzung zum orthodoxen Marxismus, seinen ganz eigenen Materialismus entwickelt, welcher auf dem „Primat des Objekts“ beharre. Subjekte hätten nur einen eingeschränkten freien Willen, die materielle Welt beeinflusse sie zum großen Teil. Für Adorno habe dies bedeutet, das menschliche Leiden unter den Bedingungen der „instrumentellen Vernunft“ zu erkennen. Die menschliche Beherrschung der Natur sei nicht widerspruchsfrei, den Subjekten entgleite ein Teil dieser Herrschaft.

Durch das wahrscheinlich berühmteste Zitat Adornos, dass es „kein richtiges Leben im falschen“ gebe, sei Adorno allgemein zu negativ interpretiert worden. Gordon nutzte die Adorno-Vorlesungen, um dem Auditorium keinen nihilistischen Denker vorzuführen, vielmehr bestand er darauf, diesen nicht als „stets verneinenden“ Mephistopheles wahrzunehmen. Wie könnte es sonst sein, fragte Gordon, dass Adorno, auch wenn er in einer positivistischen, alles affimierenden Welt lebte, weiterhin forschte und politisch aktiv war, als Kritiker der Kulturindustrie etwa Radiointerviews gab? Adorno habe in der Gegenwart „flüchtige Blicke“ der Zufriedenheit ausgemacht, beispielsweise spielende Kinder, welche ihre Umwelt völlig im Gebrauchswertmodus wahrnahmen und den Tauschwert nicht verstanden. Vor allem in der Kunst erkannte er eine Möglichkeit, der instrumentellen Vernunft zu entkommen. In seiner Vorlesung zur Ästhetik machte Gordon vor allem die Musik als normative Kraft stark. Theorie und Kunst seien für Adorno nur zusammen zu denken, die Kunst sei eine Quelle, sich der bestehenden Herrschaft zu entziehen. Anhand von Beispielen aus Beethovens 9. Symphonie oder der „Cavatina“ aus dessen 13. Streichquartett zeigte Gordon auf, wie Musik den Hörer regelrecht „erschüttert“ und dabei Kritik übe. Adorno sehe Kunst in einer Verantwortung Kritik zu üben, einen Standpunkt zu haben und emanzipatorisch zu sein. Wir hätten durch die Musik die Möglichkeit, ein Glück zu erleben, das in der modernen Welt verloren gegangen sei, in der Kunst jedoch weiterlebe.

Seit 2002 werden die Adorno-Vorlesungen vom Institut für Sozialforschung in Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag veranstaltet. In diesem Jahr stand das philosophische Erbe des Philosophen im Mittelpunkt. Im Sinne Adornos beendete Gordon seine Erwiderungen auf Publikumsfragen meistens mit den Worten: „Ich hoffe, es war so etwas wie der Beginn einer Antwort.“

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