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„Wie diese Dinge weitergehen und die Verantwortung dafür, wie sie weitergehen, das ist in letzter Instanz an uns“, schreibt Adorno.

Adorno über Rechtsradikale

Nazis in der Mitte der Gesellschaft: Adorno bleibt erschreckend aktuell 

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In Theodor W. Adornos Vorlesung über den „neuen Rechtsradikalismus“ aus dem Jahre 1967 steht bereits alles: Die Ursachen, die Lügen, die Präsenz in der Mitte.

Am 6. April 1967 hielt Theodor W. Adorno (1903-1969) an der Wiener Universität den Vortrag „Aspekte des neuen Rechtsredaikalismus“. Eingeladen hatte das Haupt der Kritischen Theorie der Verband Sozialistischer Studenten Österreichs. Dem Abdruck des Textes, wie er am heutigen Montag bei Suhrkamp erscheint, liegt eine Tonaufnahme zugrunde. Der 1972 geborene Historiker Volker Weiß hat ein lesenswertes Nachwort dazu geschrieben.

Man nimmt den mehr als 50 Jahre alten Text in die Hand und ist nach wenigen Sätzen erschrocken über die Aktualität der von Adorno herausgegriffenen Aspekte. Und mehr noch über das eigene schlechte Gedächtnis. Adorno spricht zum Beispiel vom Gefühl der Deklassierung, das die Rechtsradikalen ergriffen habe. Aber er stellt diese Empfindung nicht als irrationale Angst, sondern als eine vernünftige Reaktion auf den Konzentrationsprozess des Kapitals dar. Die Menschen, die zwar noch in Arbeit sind, sich aber dennoch als potenziell überflüssig begreifen, erliegen nicht einer gesellschaftsfeindlichen Agitation, sondern sie haben ihre Lage erkannt.

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Allerdings verkennen sie diese sofort wieder, wenn sie sie einzubetten versuchen in die Ideologie eines längst überholten Nationalismus. „Europa“ spielte schon damals eine zentrale Rolle in der rechtsradikalen Propaganda. Lange vor der Europäischen Union wurde bereits die Angst vor der EWG geschürt.

Zum Hintergrund der Ausführungen Adornos gehörte seine jahrelange Arbeit an einem Fragebogen, der so geschickt komponiert war, dass sich bei seiner Auswertung auch dann eine autoritäre Persönlichkeit erkennen ließe, wenn sie das verbergen wollte.

Adorno war vertraut mit der Propaganda der Rechtsradikalen

Erich Fromm hatte noch in der Weimarer Republik für das Frankfurter Institut für Sozialforschung einen solchen Fragebogen entwickelt. Angesichts erster Ergebnisse bei der Auswertung waren die damaligen Chefs des Instituts so entsetzt, dass sie dessen Vermögen noch vor 1933 in die Schweiz transferierten. Im späteren US-amerikanischen Exil wurde weiter an der „Authoritarian Personality“ geforscht, und nach dem Krieg und der Rückkehr nach Frankfurt galt die Arbeit an einer „A-Scale“ lange als eine der wesentlichen Aufgaben des Instituts. Die voller Skepsis zurückgekommenen Emigranten wollten rechtzeitig Bescheid wissen über das, was in den Menschen vorging, mit denen sie zu tun hatten und von denen sie in der noch immer sehr deutschen BRD gar zu abhängig waren.

Adorno kannte aus diesen und anderen empirischen Untersuchungen des damals von ihm geleiteten Instituts sehr genau die Einstellungen der bundesrepublikanischen Bevölkerung zu zentralen Themen. Er war auch vertraut mit der Propaganda der Rechtsradikalen. Er kam zu dem Schluss, dass „die Anhänger des Alt- und Neufaschismus heute quer durch die Gesamtbevölkerung verteilt sind“. Sie waren keine Außenseiter, keine Deklassierten und Beiseitegeschobenen. Der Neofaschismus, erklärte Adorno 1967, sei anders als oft vermutet eben gerade keine spezifisch kleinbürgerliche Bewegung.

Theodor W. Adorno: Aspekte des neuen Rechtsradikalismus. Nachwort von Volker Weiß, Suhrkamp 2019. 87 S., 10 Euro.

Wir lesen in unseren Zeitungen, hören in unseren Nachrichten, der Rechtsradikalismus sei „in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen“. Als handele es sich um eine Invasion. Adornos Analyse sah anders aus: Der Produktionsprozess selbst schaufelte die Gesellschaft um. Seine Verwerfungen zeigten sich überall. Ich formuliere es einmal so: Die Mitte war niemals nazifrei. Und schon gar nicht die Parteien der Mitte. Als im November 1966 die NPD in den hessischen Landtag einzog, erklärte einer meiner Onkel, er war ein Prokurist der FAZ: „Endlich gibt es wieder eine Partei, die man wählen kann.“ So wie er mochten viele gedacht haben, aber so viele dann doch nicht. 1970 schaffte die Partei es nicht mehr in den Wiesbadener Landtag. Die SPD war 1966 auf 51 Prozent der Stimmen gekommen, die CDU auf 26,4, die FDP auf 10,4, die NPD auf 7,9. Diese Zahlen muss man sich vor Augen halten, um zu sehen, in welcher Wählerwelt Adorno lebte und wie radikal sich die Wahl-Verhältnisse im vergangenen halben Jahrhundert geändert haben.

Adorno: „Alte nationalsozialistische Zentren wie Nordhessen besonders anfällig“

Ich las Adornos Vortrag ein paar Tage nach der Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. „Politische Gruppierungen“, erklärte Adorno 1967, „überdauern Systeme und Katastrophen. In Deutschland scheinen zum Beispiel alte nationalsozialistische Zentren wie Nordhessen, wo es bereits in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine wilde antisemitische Bewegung gab, oder wie Nordbayern besonders anfällig zu sein.“ Um Kassel herum liegen die Märchenwälder der Brüder Grimm, die Welt, in der man das Gruseln lernte. Zur rechtsradikalen Hetze gehörte schon damals die Phrase „Man darf es ja nicht sagen, aber...“. Damit wurde und wird Mut simuliert. Den man aber nicht braucht. Allerhöchstens drohen kleinere Geldstrafen. Aber so zu tun, als breche man gewaltige Tabus, gehörte und gehört zum Kerngeschäft neofaschistischer Propaganda. Ohne dieses Moment von Grenzüberschreitung ging und geht es nicht.

Was tun? Man zögert, Adorno danach zu fragen. Er gilt ja als einer, der zurückschreckte vor der Praxis. Hier tut er das nicht. Er empfiehlt, den Lügen der NPD-Propaganda entgegenzutreten. Sie hatte die Wiedergutmachungszahlungen Deutschlands an Israel einfach mal verzehnfacht.

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Davon musste sie dann abrücken. Diesen Lügen und Tricks – wie zum Beispiel auch der vorgeblichen „Überfremdung durch Gastarbeiter“, schon damals ein Riesenthema – „sollte man dingfest machen, ihnen sehr drastische Namen geben, sie genau beschreiben und gewissermaßen versuchen, dadurch die Massen gegen diese Tricks zu impfen, denn schließlich will niemand ein Dummer sein oder, wie man in Wien sagen wird, niemand will die ‚Wurzen‘ sein. Und dass das Ganze auf eine gigantische psychologische Wurztechnik, auf einen gigantischen psychologischen Nepp herausläuft, das ist wohl durchaus zu zeigen.“

Ein handfester, praktischer Adorno zeigt sich hier

Die Vorlesung von 1967 zeigt einen sehr handfesten, praktischen Adorno, der fest entschlossen ist, es zu keiner Wiederholung von 1933 kommen zu lassen. Dabei weiß er sehr genau, nicht nur, dass die gesellschaftlichen Voraussetzungen, die zum Faschismus führten – da ist er sehr orthodox –, nach wie vor bestehen, sondern auch, dass die Voraussetzungen für einen neuen Faschismus jeden Tag neu geschaffen werden. Es besteht wenig Hoffnung, ihm ein für alle Mal den Garaus machen zu können.

Die Frage aber, was er über die Zukunft des Rechtsradikalismus denke, hält Adorno für falsch. „Sie ist viel zu kontemplativ. In dieser Art des Denkens, die solche Dinge von vornherein ansieht wie Naturkatastrophen, über die man Voraussagen macht wie über Wirbelwinde oder über Wetterkatastrophen, da steckt bereits eine Art von Resignation drin, durch die man sich selbst als politisches Subjekt ausschaltet, es steckt darin ein schlecht zuschauerhaftes Verhältnis zur Wirklichkeit. Wie diese Dinge weitergehen und die Verantwortung dafür, wie sie weitergehen, das ist in letzter Instanz an uns.“

Es hat sich so wenig geändert. Schon vor mehr als fünfzig Jahren war klar, womit man es zu tun hatte und was dagegen zu tun war. Im Großen und Ganzen und auch bei sehr speziellen Fragen. Wenn zum Beispiel die größten Feinde der Verfassung unter denen sind, die diese schützen sollen, was ist dann zu tun? Das sind alles keine neuen Probleme. Dass Rechtsradikale die Staatsorgane infiltrieren, versteht sich von selbst. Dass so getan wird, als wäre das eine völlig überraschende Neuheit, kommt einem selbst vor wie eine rechtsradikale Inszenierung.

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