Neo Rauch, Bilder-Regisseur.
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Neo Rauch, Bilder-Regisseur.

Werkstattgespräch mit Neo Rauch

Adieu, Monsieur Courbet

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Die wunderbare Courbet-Ausstellung in der Frankfurter Schirn geht zu Ende. Durch den Auftritt des Malers Neo Rauch wurde das Ereignis zum Gesamtkunstwerk. Beim Expertengespräch kam man dem Künstler ungewöhnlich nahe.

Dem Maler Neo Rauch zuhörend, kann man durch ihn hindurchsehen und Gustave Courbet erkennen. Dazu bestand am Freitag im Frankfurter Haus am Dom die Möglichkeit, als Neo Rauch sagte: „Was mich näher an ihn heranführte, das war die Regieführung.“

Ein erstaunlicher Satz, denn bedeutet Regieführung nicht planvolle Herbeiführung, bewusste Inszenierung? Courbet, auch damit hat die ihm gewidmete Ausstellung in der Frankfurter Schirn vertraut gemacht, nahm sich manche Freiheit, darunter diejenige, weitgehend ohne Vorzeichnungen zu malen. Und nimmt nicht gerade Rauch für sich in Anspruch, die Malerei auf sich zukommen zu lassen? Rauch sprach vom Gewährenlassen des Unbewussten. Es gehe um die „Neigung, der Malerei das zukommen zu lassen, dessen sie bedarf.“ Nein, ergänzte Rauch: „dessen sie im jeweiligen Augenblick bedarf“.

Der Kunstkritiker Eduard Beaucamp moderierte, der Kunsthistoriker Klaus Herding unterstrich, was ihm bereits als Kurator der Courbet-Ausstellung wichtig gewesen war. Gustave Courbet, 1819 geboren, 1877 gestorben, bisher ausschließlich im Ruf eines Realisten stehend, war eben auch eine wahrhaftig abschweifende Seele. Für Courbet wie für seinen „Ururenkel“ (Beaucamp) gilt, dass sich manche Figur mit traumwandlerischer Unsicherheit durch eine Parallelwelt bewegt.

Courbet stellte Figuren collageartig in die Landschaft, maßte sich eigenwillige Proportionen an, erklärte die Unschärfe zum Stilprinzip. Courbets Realismus setzte sich über die wirklichkeitsgetreue Wiedergabe hinweg, angefangen von Licht und Schatten. Der Aktivist einer sozial engagierten Malerei war auch ein Auskundschafter des Entlegenen, wenn er Welten der Versunkenheit schuf, Wirkungskreise einer traumwandlerischen Sinnlichkeit. Courbets Bilderwelten nehmen den Betrachter zur Versenkung ins Abgelegene mit. Denn der Schlummer des Verstands gebiert Untergründiges.

Neo Rauch, von dem Kritiker und dem Kunsthistoriker praktisch gerahmt, befragt nach dem sozialen Gehalt seiner eigenen Werke, sah sich mit der Standortfrage konfrontiert. Der Realismus und die Grenzen des Realismus stimulierten den Fortgang des Gesprächs, ohne dass dabei das eine Wort auch wirklich fiel, das Zauberwort: magischer Realismus. Vielmehr sprach der Maler von einer „Spielautomatensituation“, mit der der Betrachter die Gelegenheit vorfinde, „eine Münze einzuwerfen“. Und Rauchs Metapher, nahezu eine anarchische Abschweifung, wurde ausgemalt, wenn Rauch meinte: die Münze, „das ist die Aufmerksamkeit, die geistige Wachheit und die Fantasie des Betrachters“.

Die wunderbare Courbet-Schau geht zu Ende

Einmal, während Rauch sich mal nach links, mal nach rechts wandte, weil sich Herding und Beaucamp die Bälle zuwarfen und ihn nicht mitspielen ließen, als es um die Isolation des modernen Menschen (Herding) und die höchst hinfällige Plattform sozialer Interaktion (Beaucamp) ging, konnte man dem Maler zusehen, wie er den Kopf senkte. So tun es auch seine an die Einsamkeit Verlorenen. Und im Frankfurter Haus am Dom sah das Publikum einen Künstler mit hellblauem Tuch im Revers des schwarzen Sakkos. Umgerempelt die tiefblauen Jeans über den Schuhen, das Hemd aufgeknöpft zu einem fabelhaften V-Ausschnitt, am Handgelenk eine sehr große Uhr, wie bei Alain Delon.

Doch schon konnte der Maler aus seinem roten Ledersessel heraus erneut sehen, was sich hinter ihm auf der monumentalen Projektionswand tat. Im gegenüberliegenden Panoramafenster, hinter dem Frankfurts Kaiserdom wie eine schwarze Wand stand, spiegelten sich für Rauch die eigenen Bildwelten und diejenigen Courbets. Darunter war auch dessen programmatisches Gemälde „Die Begegnung oder Bonjour Monsieur Courbet“, mit dem der Maler 1855, selbstbewusst, anmaßend sich von seinem Auftraggeber und Gönner devot grüßen lässt. Verkehrte soziale Verhältnisse, ein bizarres Bild, mit sehr eigenwilligen Maltechniken. Der zartblaue Himmel wie ein Bühnenprospekt.

Je länger man dem zuschaute, wurde es desto wunderlicher, dass Rauch dem in der Panoramascheibe vermittelt zusah. Widerspiegelten sich für den Protagonisten der „Leipziger Schule“ doch so unstimmige Perspektiven und merkwürdige Kompositionen, dazu seine eigenen Werke mit ihren szenischen Überlagerungen und dramatischen Zuspitzungen, mit collageartig exponierten Figuren.

Heute geht die wunderbare Courbet-Schau, für die über hunderttausend Menschen in Frankfurts Schirn geströmt sind, zu Ende. Um das Ereignis zum Gesamtkunstwerk zu machen, konnte der sich rar machende Neo Rauch gewonnen werden. Sein Auftritt wurde zum tastenden Werkstattgespräch.

Aufschlussreich war es schon wegen der beiläufig-leisen Bemerkung, dass Ironie seine Werke grundiere. Ironie als Regieführung, Ironie als das planvolle Prinzip unbewusster Prozesse. Aus der Optik der eigenen Bildwelten entwickelte der Künstler die knappe Bilanz: „Da sind wir dann wieder bei der modernen Bruchhaftigkeit.“

Wie anders der Realist Courbet, bei aller Romantik.

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