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„Acht Berge“ im Kino: Der Berg ruft

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Von: Daniel Kothenschulte

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Alessandro Borghi (l) als Bruno und Luca Marinelli als Pietro in einer Szene des Films „Acht Berge“.
Alessandro Borghi (l) als Bruno und Luca Marinelli als Pietro in einer Szene des Films „Acht Berge“. © dpa

Felix van Groeningen und Charlotte Vandermeersch führen mit „Acht Berge“ das Genre des epischen Naturdramas in luftige Höhen.

Natur? Dieses Wort benutzen wir hier nicht in den Bergen“, unterbricht Bruno, der sein Dorf im italienischen Aostatal nie verlassen hat, die Komplimente der Gäste aus Turin. Mit eigenen Händen haben er und sein Freund Pietro in luftiger Höhe ein Steinhaus errichtet. Und nun wollen es ihnen die enthusiastischen Hipster sofort gleichtun und noch dazu eine Bio-Alm anlegen. „Was sagt ihr denn dazu?“, fragt einer höflich zurück. „Wir sagen dazu: ein Berg, eine Wiese oder ein Weg.“

Vermutlich hätten schon Johanna Spyri und Ludwig Ganghofer ihren Bergbauern nicht unterstellt, dass ihnen die Worte ausgehen, sobald etwas nicht mit Händen zu greifen ist. Sonst hätten sie ja auch die Liebe nicht unterbekommen. Aber der prosaische Bruno meint es durchaus ernst und ebenso das belgische Filmemacher-Ehepaar Felix Van Groeningen und Charlotte Vandermeersch, die in „Acht Berge“ von der ungleichen Freundschaft zwischen ihm und dem Stadtjungen Pietro erzählen. Über eine Laufzeit von knapp zweieinhalb Stunden führen sie die schmale Romanvorlage von Paolo Cognetti zurück in das, was man noch immer erlesene Landschaften nennen darf – Brunos Protest einmal in Kauf genommen. Und da es die Zeit erlaubt, unterlegen sie Ruben Impens bewundernswert unpathetische Fotografie mit großzügig bemessenen Auszügen der aus Pietros Perspektive verfassten Ich-Erzählung.

Ebenso findet der mit dem musikalischen Melodram „The Broken Circle“ bekannt gewordene van Groeningen auch hier reichlich Raum für melancholischen Folk-Rock, diesmal vom schwedischen Singer-Songwriter Daniel Norgren. Auch in glücklichen Momenten ist man nicht sicher vor düsteren Verheißungen wie: „Everything you know/ melts away like snow./ Everyone you love/ grass will grow above.“ Doch soweit muss es ja nicht kommen: Pietro ist knapp zwölf, als er Bruno bei einem Berg-Urlaub mit seinen Eltern begegnet. Sie scheinen unzertrennlich, doch wie es bei Urlaubsbekanntschaften oft ist, sehen sie sich kaum wieder. Erst zwanzig Jahre später, nach dem Tod seines Vaters, erneuert Bruno die Bekanntschaft. Erst da erfährt er, dass seine Eltern eine enge Beziehung zu dem intelligenten jungen Mann aus schwierigen Familienverhältnissen unterhielten und ihm oft behilflich waren. Was sie nun zusammenbringt, ist Pietros Erbe: Die Ruine eines Berghauses, das sie einen Sommer lang gemeinsam neu errichten.

Auf dem vergangenen Festival von Cannes war „Acht Berge“ nur eines von drei Werken belgischer Filmkünstler, die nicht nur im Wettbewerb liefen, sondern auch noch mit Preisen nach Hause gingen; in diesem Fall dem Jurypreis, geteilt mit Jerzy Skolimowskis jüngst angelaufenem Esel-Drama „EO“. Eine Suche nach dem Urtümlichen eint beide Filme, ebenso wie eine kunstvolle Wiederentdeckung des alten 4:3-Kinoformats. Während Fritz Lang seinerzeit über das CinemaScope-Format erklärte, es eigne sich vorzüglich für Beerdigungen und Schlangen, ist man dafür bei Bergen eindeutig im Vorteil.

Neben der unprätentiösen Fotografie ist es vor allem das Spiel der Kinderdarsteller Lupo Barbiero (als Pietro) und Cristiano Sassello (Bruno), das dem ersten Akt einen fast schwerelosen Ton verleiht. Schon hier hält die Melancholie Einzug, und sie wirkt weit stimmiger als später, wenn die erwachsenen Charaktere tatsächlich etwas Weltschmerz angesammelt haben. Aber was ist melancholischer als die Rückschau auf kindliches Glück, auf die Kostprobe des Einzelkinds von brüderlicher Freundschaft? Das ist nichts, was das Kino nicht schon oft beschworen hätte, doch hier, im italienischsprachigen Film eines belgischen Paares mit den englischsprachigen Songs eines Schweden wird doch etwas Ungewöhnliches daraus.

Auch die Episode des Hausbaus fasziniert noch einmal, man lernt die erwachsenen Darsteller Luca Marinelli und Alessandro Borghi in ihren Rollen kennen, und es ist ein wenig so, als beginne ein zweiter, ähnlich vielversprechender Film. Die Probleme beginnen erst nach der Mitte – Filmdramaturgien sind dann leider noch nicht „über den Berg“, sondern verlangen in der Regel nach Konfliktstoff. Doch genau den bleiben die Filmemacher schuldig, oder wenigstens ist das, was sie dafür ausgeben, nicht abendfüllend.

Bruno, der sich in eine Freundin Pietros verliebt hat, die zusammen mit den Hipstern zur Haus-Einweihung gekommen war, erkundigt sich höflich nach Pietros Absichten. Hier könnte Konfliktstoff lauern, doch der unstete Pietro winkt ab – noch lange hat der ruhelose Weltenbummler seinen Platz im Leben nicht gefunden. Leider muss man ihn dann noch lange bei der Weltenbummelei begleiten, die ihn an einen Ort führt, wo sein Berg-verliebter Vater auch gerne gewesen wäre, den Himalaya. Dessen knappe Aufzeichnungen, die Pietro auf einem einst gemeinsam bestiegenen Gipfel in einem Gästebuch findet, dient als Inspiration für eine fast spirituelle Passage, die ihrerseits vermutlich eher von Hermann Hesse inspiriert wurde.

Alles Sentiment, das der Film in seiner ersten Hälfte mit Bedacht vermieden hatte, kommt doppelt zurück, wenn Pietro auf den Pfaden seiner über zwei Jahrzehnte verschmähten Eltern wandelt. Er beginnt eine Beziehung mit einer Frau, die wie seine Mutter Lehrerin ist, und drängt dem in der Liebe wie als Bergbauer glücklos gebliebenen Bruno seine Hilfe auf. Erst jetzt, wenn diese beiden Filmfiguren endlich an Profil gewinnen, wird aus dem elegischen Film tatsächlich so etwas wie ein Drama. Doch es ist eine lange Bergwanderung bis dahin.

Acht Berge. Belgien, Italien, Frankreich 2022. Regie: Felix van Groeningen und Charlotte Vandermeersch. 147 Min.

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