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Aug in Aug mit dem Oktoberfest: Das neue Stadtquartier "Theresie" an der Bruchkante zur Theresienwiese, entworfen vom Architekturbüro KSP Engel und Zimmermann.

Abschied vom reinen Pragmatismus

Langsame Rythmen und bewusste Brüche - "die Theresie", ein neuer Münchner Stadtteil, weckt Emotionen

Von OLIVER HERWIG

Theresienhöhe heißt das Münchner Experimentierfeld für Architekten und Stadtplaner. Das Viertel zwischen Sendling und dem Westend setzt Energien frei, die über die Grenzen des Neubaugebiets hinausschießen. Wie am Alten Messeplatz. Gründerzeitfassaden spiegeln sich dort in einem gläsernen Solitär. Seine Zacken rotieren wie die Ketten eines umgekippten Panzers. Fünf Stockwerke hoch pflügen sie durch den Raum und reißen die Augen gleich mit, hinein in einen Canyon aus Glas, Stahl und Steinfassaden. Die von KSP Engel und Zimmermann inszenierte Schlucht soll die Münchner ins neue Quartier locken und zu Komplizen des Modernisierungsschubs machen.

Den Stadtraum verflüssigen

Die Büro- und Wohnimmobilie besetzt den nordöstlichen Rand der Theresienhöhe, einen neuralgischen Punkt oberhalb der Festwiese. Sie markiert den Anfang des Neuen, setzt sich aber zugleich vom Rest des Quartiers ab. 105 000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche, 50 Wohnungen samt Supermarkt und Einkaufsmeile machen aus der so genannten Theresie einen Stadtstaat. So viel Eigenständigkeit haben ihr die Architekten auf den Weg gegeben, so viel Schwung, dass ihre Rundungen anecken.

Der Anfang März plötzlich verstorbene Otto Steidle, der Chefplaner der Theresienhöhe, hat gegen das Projekt gekämpft - und verloren. Denn die Theresie bricht mit dem Gesetz des rechten Winkels, das Steidle über das Quartier legte. KSP Engel und Zimmermann haben Bauteile regelrecht verflüssigt, neu zusammengesetzt und wieder aufgesprengt. Nichts kennzeichnet das Objekt so sehr wie seine heterogenen Teile, die sich im Inneren begegnen, wieder auf Distanz gehen und Bruchlinien ausbilden.

Das Thema lautet: Widersprüche verbinden, und die Theresie exerziert es in verschiedensten Varianten durch. Brücken vernetzen einzelne Häuser, und eine Glasfassade umgürtet den mäandernden Bürotrakt als "transparente Stadtmauer". Wohnen und Arbeiten, Büros und Kneipen, Kindertagesstätte und Supermarkt sind in der Anlage verbacken. Eine Wohnstraße läuft durch das Gelände, mit Geschäften und Cafés, geradewegs auf Steidles Wohnturm zu. Um 90 Grad verschoben zieht sich der bereits angesprochene Canyon durchs Areal, vom Alten Messeplatz im Norden hin zur Ausstellungshalle des Deutschen Museums.

Gegensätze bestimmen das Bild, Kanten und Rundungen, lange Blicke und unterbrochene Perspektiven, graue Steine und roter Verputz. Erst aus der Luft zeigt sich, was der Fußgänger nur ahnt: Die Gebäudeteile passen zusammen wie Stücke eines Riesenpuzzles. Im Zentrum pulsiert ein gläsernes Herz aus Büros, dessen Kammern von einem Netzwerk linearer Baukörper und breiten Brücken durchzogen sind. Drei kubische Solitäre schirmen es zur Theresienwiese ab, ein separater Streifen aus Geschäften und Wohnbauten steht gegen Süden. Der herausfordernd rot gestrichene Wohnabschnitt ist gelungen. Vier vor- und zurückspringende Kuben sorgen für Privatheit. Hinter großen, gestapelten Balkonen, die wie massive Schubfächer aus einer Kommode ragen, liegen lichte Apartments, die raumhohe Schiebetüren nach Süden öffnen.

Hier folgen KSP Engel und Zimmermann den Leitlinien des Quartiers. Harte Kanten stabilisieren es an den Hauptverkehrswegen, Blöcke, die sich nach innen, zum Grün des Bavariaparks, auflösen. Einem ähnlichen Prinzip folgen die drei Bürohäuser zur "Wiesn", nur dass Dynamik und Energie des Ensembles hier abfallen und in der Randbebauung untergehen.

Ganz anders der Auftritt an der Heimeranstraße und am Alten Messeplatz. Die gewundene Glasfassade wurde hier ausgereizt, überdramatisiert. Was dahinter liegt, ein großes Bürozentrum mit breiten, öffentlichen Plätzen und Atrien, bleibt den Blicken verborgen. Die gläserne Barriere zu durchbrechen, die Rolltreppe in den ersten Stock zu nehmen und diesen Raum zu besetzen, dazu gehört Mut. Wohl mehr Mut, als viele Passanten und Nachbarn aufbringen werden. Die Bürowelt bleibt für sich, daran ändern auch die Gärten nichts, die hinter der gläsernen Hülle liegen.

Ort energetischer Widersprüche

Mit Niederlassungen in Braunschweig, Köln, Frankfurt a.M., Berlin und München zählen KSP Engel Zimmermann zu den Großen der deutschen Szene. 2002 belegten sie beim Wettbewerb um das Grand Egyptian Museum in Kairo unter 1557 Mitbewerbern einen der ersten fünf Plätze - ein Adelsschlag für das Büro, das auch in China plant und baut. Als "pragmatische Baumeister" bezeichnet Ingeborg Flagge Jürgen Engel und Michael Zimmermann in ihrem Buch complex. Ihre technisch orientierten, funktionalen und rationalen Bauten seien auf "sachliche Weise beeindruckend".

Offenbar haben KSP Engel Zimmermann den reinen Pragmatismus aufgegeben. Wie schon der Entwurf für das Grand Egyptian Museum wagt und weckt die Theresie Emotionen. Ihre Dramaturgie vermischt langsame Rhythmen und schnelle Beats, bewusste Brüche und verbindende Brücken. "Die reine Funktion interessiert doch keinen Menschen", behauptete Jürgen Engel unlängst. Die Theresie bildet das gebaute Exempel dazu: ein Ort energetischer Widersprüche, wie die Theresienhöhe als Ganzes.

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