„Der Idiot“ in Wiesbaden: Llewellyn Reichman als Nastassja. Foto: Karl & Monika Forster

Staatstheater Wiesabden

Aber Nastassja braucht ihn doch

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Dostojewskis „Idiot“, von Beka Savic auf die Bühne gebracht.

Es ist eine beigefarbene Welt aus Goldresten und Staub, in die Fürst Myschkin kommt, sie ist abgeschabt, abgewohnt, verblasst. Verdorrte Gräser ragen in Grüppchen aus dem Boden, hinten sind ebenso farblose Seile gespannt, die Wandfarbe platzt auf, Reste von Vergoldung. Im Kleinen Haus des Wiesbadener Staatstheaters rückt Céline Demars’ Bühne, rücken auch Anna Hosterts Kostüme Fjodor Dostojewskis Figuren aus „Der Idiot“ gleich ein gutes Stück weg von jeder Realitätsnachahmung, auch jeder Heutigkeit. Ihre Gesichtsfarbe ist unnatürlich weiß, ihre Augenhöhlen sind unnatürlich tief, sie sprechen weniger zueinander als zu uns, dem Publikum. Zwischen den Szenen gibt es melancholische Spieluhren-Musik (Drasko Adzic).

Auf eine Spieldauer von knapp drei Stunden (mit einer Pause) hat die Regisseurin Beka Savic Dostojewskis Roman entkernt und gleichzeitig die Eigentümlichkeit seiner Figuren mit kräftigen Strichen nachgezogen. Es geht hier nicht um psychologische Plausibilität. Eher neigt sich diese Inszenierung ins Symbolische, Stilisierte, Märchenhafte. Ein Blumengesteck-Hut, getragen, dann fallen gelassen von Nastassja, wird stoisch als „Mantel“ bezeichnet. Eine Suppenterrine – eierschalenfarben mit abgeschlagenem Goldrand – muss ein ganzes Essen symbolisieren. Wie in einer Zeremonie und doch unversehens schlägt Ganja Iwolgin seinen alkoholkranken Vater mit einem einzigen Hammer-Hieb tot, nachdem er ihm einen Laib Brot in den Nacken gelegt hat. Dann nimmt die Mutter das Brot sorgsam wieder an sich.

Fürst Myschkin kehrt also zu Beginn mit nichts aus der Schweiz – von einer Behandlung wegen Epilepsie – nach Russland, nach St. Petersburg zurück, findet schnell Anschluss, die Menschen mögen ihn auf Anhieb. Denn dieser Idiot ist beileibe kein Idiot im heute gebräuchlichen Schimpfsinn, sondern ein empfindsamer reiner Tor. Er hört zu, er hat Geduld und Menschenliebe, er vermag alles zu entschuldigen und will nur das Gute.

Und er scheitert fürchterlich: Er entscheidet sich für die Frau, Nastassja, für die sein Mitleid, wie er glaubt, lebensnotwendig ist. Und gegen die andere Frau, Aglaja, die ihm Stabilität geben könnte. Er liebt Aglaja, aber Nastassja braucht ihn, sie ist ja „wahnsinnig“.

In Wiesbaden spielt Tobias Lutze den Idioten Myschkin als großäugig, ehrlich Naiven, einen ohne Arg. „Er hat vom ersten Blick an mich geglaubt“, sagt Nastassja, Llewellyn Reichman als herrisch Auffahrende, Weggetretene, später am Boden Zerstörte. Allerdings erscheint in Wiesbaden auch Aglaja, Christina Tzatzaraki, ein bisschen seltsam zu sein, überkandidelt, manchmal puppenhaft. Atef Vogel, Rogoschin, ist die unberechenbare, aber in ihrer Unberechenbarkeit der Zuschauerin doch vertraute Freund-Figur. Thorsten Heidel, Evelyn M. Faber und Christina Tzatzaraki sind sowohl die Familie Jepantschin als auch Iwolgin, letztere trägt etwas Farbe und leicht Folkloristisches.

Beka Savics Zugriff ist beherzt und ohne Langatmigkeit. Die Linien sind da, das Personal ist passend ausgesucht, die Kürzungen sind einleuchtend. Aber Savic hält die Figuren doch auch flächig, billigt ihnen kaum Nuancen zu. Es wird viel geschrien und ausgeflippt. Vogel muss auf dem Boden toben wie ein Kind, Lutze die körperlichen Tics, das Verkrampfen und sich Winden zuletzt arg ausführlich ausspielen. Am Ende hätte man gern auch mal unter die konsequente Oberfläche geschaut.

Staatstheater Wiesbaden:3., 4., 9., 10., 16., 17., 22., 23., 29. Mai. www.staatstheater-wiesbaden.de

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