Angelika Overaths „Alle Farben des Schnees“

Aber mein Vater hat 200 Schafe

Angelika Overaths Tagebuch „Alle Farben des Schnees“ ist ein Versuch, in der vertrauten Fremde anzukommen. Eine auf charmante Weise geglückte Chronik von allem, was vorkommt: der Jahreszeiten und derer, die mit und in ihnen Leben; der Farben, Gerüche, Geräusche.

Von Christoph Schröder

Alles begann mit einem T. Genauer gesagt, mit einem fehlenden T. „Ja, das können wir machen“, sagt Manfred, der Ehemann der Schriftstellerin Angelika Overath, als diese ihm vorschlägt, nach Sent zu ziehen. Sent im Unterengadin. Urlaubsziel, Dorfidylle, knapp 900 Einwohner. Fremdes Land mit einer fremden Sprache: Romanisch.

Kein Konjunktiv also, kein Ausweichen, sondern eine Entscheidung. 2002 hat das Paar in Sent ein leer stehendes, traditionelles Bauernhaus gekauft und mit wenig Geld zu einem Feriendomizil umgebaut. Drei Jahre später beschließen Angelika Overath und ihr Mann, den Urlaubs- zum Wohnort zu machen. Die beiden größeren Kinder werden dann aus dem Haus sein; der siebenjährige Nachzügler Matthias soll auf die Dorfschule in Sent gehen. Der ein oder andere aus dem akademischen Bekanntenkreis von Angelika Overath ist irritiert, nicht nur über diese Entscheidung.

Ein Jahr lang, vom 1. September 2009 bis Ende August 2010, hat Overath Tagebuch geführt. Ausgangspunkt war eine Auftragsarbeit für die Zeitschrift „Piz. Magazin für das Engadin und die Bündner Südtäler“. Die nun auf Buchform erweiterte Fassung ist eine eigenwillige Mischung sämtlicher Gattungen: In der präzisen, liebevollen und treffenden Schilderung des Senter Lebens, seiner Bewohner, ihrer Geschichte und Geschichten (die den überwiegenden Teil des Buches ausmacht) zeigt sich die ausgezeichnete Journalistin und Reporterin Angelika Overath.

Aber der Blick geht darüber hinaus; es es ist und bleibt eine genuin literarische Perspektive, die hier eingenommen wird; wobei der Blick auf das Fremde in seinem Reflexionsniveau den Blick auf das Eigene noch übertrifft.

„Alle Farben des Schnees“ ist eine auf charmante Weise geglückte Chronik von allem, was vorkommt: der Jahreszeiten und derer, die mit und in ihnen Leben; der Farben, Gerüche, Geräusche. Ein sinnliches Buch und ein Buch, in dem jemand das Dorf und seine Bewohner auf eine angenehme Weise Ernst nimmt.

Die Verschiebung der Werte

Angelika Overath betrachtet die Einheimischen nicht als exotische Streicheltiere, sondern als etwas, was man sich aneignen, erarbeiten (und auch verdienen) muss, so wie die Sprache und den Alltag insgesamt. Als zum ersten Mal ein Mädchen aus dem Dorf zu Besuch kommt, erblickt sie die langen Bücherregale. Das Kind staunt, dann dreht es sich um und ruft: „Aber mein Vater hat 200 Schafe!“ Die Werte verschieben sich schnell in der neuen Umgebung.

Ohne in ihrer Darstellung einer kitschigen Heimatidylle in die Falle zu gehen, kreist Angelika Overath in ihrem Tagebuch permanent um den Begriff der Heimat und des Daheimseins. Und ohne in lamentierende Kulturkritik zu verfallen, entlarvt „Alle Farben des Schnees“ durch den Entwurf von Gegenbildern die vermeintlichen Errungenschaften der Zivilisation als das, was sie in Wahrheit sind: Perversionen. Der Kauf eines T-Shirts in der Stadt wird bereits nach kurzer Zeit in Sent aufgrund der Vielfalt des Angebotes nahezu unmöglich, ebenso wie die Auswahl einer PC-Maus unter 20 gleich aussehenden PC-Mäusen oder der Verzehr einer Ananas mitten im Winter. „Auf einmal“, so notiert Angelika Overath, „habe ich das Gefühl, an Reinheitsbehinderung zu leiden.“ Wunderbares Wort.

Mit dem Erlernen des Romanischen tut Overath sich schwerer als gedacht, doch zeigt sich Sent mit der Zeit überraschenderweise nicht als hinterwäldlerisches Dorf, sondern entpuppt sich als ein Kulminationspunkt von sich weltweit verzweigenden Biografien. Wie schnell man hier Gemeinsinn entwickelt, wie schnell die Touristen als solche und mithin als lästig wahrgenommen werden, wie sich die Wahrnehmung schärft und die Empfindlichkeiten für Störungen zunehmen – all das lässt sich Tag für Tag nachverfolgen. Manfred, Overaths Mann, zog sich früher hin und wieder zum Schreiben nach Sent zurück. Jetzt, in Sent lebend, träumt er von einer ruhigen Hütte auf dem Berg. Alles ist eben eine Frage der Maßstäbe.

Angelika Overath liest am 31.01.2011 um 20 Uhr im Literaturhaus Frankfurt aus „Alle Farben des Schnees“.

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