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Katharina Sieverding: "Nachtmensch / Weltlinie", 1982.

Katharina Sieverding

Vom Abbild zum Inbild

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Die Bonner Kunsthalle ist zum Ort einer Rückschau auf das Werk Katharina Sieverdings geworden.

Ein viermotoriger Bomber hebt ab, bläulicher Schimmer auf Kanzel und Propellern, sonst ringsum Nacht, am unteren Bildrand aber in weißen Lettern „Die letzten Knöpfe sind gedrückt“ und am oberen Rand, dunkler die Schrift, „Bombensicher Bundeskunsthalle Bonn“. Es ist ein Foto-Plakat im Großformat, 1983 von Katharina Sieverding entworfen auf Anregung einer Bürgerinitiative, die sich für Bonn eine Kunsthalle wünschte. Ein Jahrzehnt später war die Halle gebaut und ist jetzt der Ort der Rückschau auf Arbeiten von Sieverding zwischen 1967 und 2017.

Schon das Plakat von damals, das diese Retrospektive eröffnet, war vieldeutig, es konnte an Krieg und sogar den Atom-Bomber über Hiroshima denken lassen, zugleich kam aber durch die Inschrift oberhalb auch ein ironisches Element zum Zug: Eine Kunsthalle und bombensicher? Nach diesem Auftakt konfrontiert die Ausstellung in der Folge immer wieder mit Realitäts-Segmenten der unterschiedlichsten Art, marschierenden Trupps chinesischer (oder vietnamesischer?) Soldaten, Figuren auf einem Hochseil, deren Körper leuchten, bewusst unscharf gehaltenen Massenszenen, auch einer Darstellung, die mit der RAF zu tun haben könnte. Vor allem aber sind viele Gesichter zu sehen, die in den bearbeiteten Porträtfotos zuweilen ungewohnte, die Züge verändernde Farben annehmen, so, als würde der Lichtblitz eines Atomschlags sie beleuchten. Eine mehrteilige Komposition zeigt zur Linken die Porträts von Gesichtern und im rechten Teil nur ringende Hände, kleiner werdend. Es ist oft auch die Künstlerin selbst, die sich vorführt in wechselnden Stimmungen.

Ihr Stoff ist die Welt. Von der Welt, wie wir sie leben, handelt Katharina Sieverding in ihren fotografischen, oft durch farbige Eingriffe malerisch überformten Werken mit der während fünf Jahrzehnten erworbenen Fähigkeit zur Transformation konkret gegebener Wirklichkeit in Konstellationen, die vordringen wollen zu Wahrheiten jenseits unmittelbarer Eindrücke. Es sind Verwandlungen des Abbilds, das Inbild wird.

Dabei ist Sieverdings Welt-Wahrnehmung eine letztlich immer kritische. In den Bildern hält sich – gegen die Versuchung zur Verdrängung im individuellen Bewusstsein – präsent, was die Epoche entscheidend bestimmt: die anhaltende Bedrohung durch (auch mit atomaren Mitteln geführte) Kriege, durch Unterdrückung und Ausbeutung, durch Mord und Totschlag aus welchen Beweggründen auch immer. Weil Sieverding diese Phänomene der Gefährdung als lebensbedrohend wertet, formuliert sie – durchaus schlüssig – deren Kommentierung vor allem in bedrängend großen Formaten. Und mit dem bravourösen, hoch professionellen Einsatz aller technischen Mittel, die der Fotografie heute verfügbar sind.

Weit wichtiger jedoch als die daraus gewonnene Souveränität in jeder Ausdrucksform Sieverdings ist die grundsätzliche Entscheidung für das Prinzip der Umschreibung von Realität mit dem Ziel nicht der Verschlüsselung, sondern der Absicht, der Wahrheit näher zu kommen. In der von Susanne Kleine inszenierten Ausstellung der Bundeskunsthalle erkennt man als Grundgedanken den Vorsatz, auf extrem vielschichtige Zustände, Verfassungen und gesellschaftspolitische Prozesse der Gegenwart gleichsam parataktisch, nämlich mit einer Komplexität zu reagieren, die derjenigen der Wirklichkeit nicht nachsteht. Es geht nicht anders: Mit den überbrachten Mitteln der Beschreibung würde die Kunst fast notwendig nur beim Plakat enden. Darum sind eben auch Gerhard Richters Birkenau-Bilder nicht Übernahmen der Fotos, die sie veranlasst hatten, sondern umschreibende Abstraktionen.

Die Formen der Umschreibung eröffnen dem Publikum der auf vier hohe Säle großzügig, das heißt: mit viel Abstand zwischen einzelnen Bildern und Bildgruppen verteilten Arbeiten Anstöße und Vorstellungsräume für die eigene Phantasie und spontane eigene Assoziationen. Leicht macht diese Kunst den Zugang allerdings nicht. Es gibt Arbeiten, deren Gehalt derart weiträumig umschrieben ist, dass sie auch bei einiger Mühe, sie zu verstehen, Verschlusssache bleiben. Oder mindestens eine ebenso von weit her geholte Auskunft auch nur möglicherweise vermitteln.

So zeigt zum Beispiel eine Installation die durchweg frohgemuten Physiognomien von anonymen Leuten, die einem auf der Straße täglich begegnen könnten – und dann findet Sieverding dafür als Titel den Namen des Attentäters vom 20. Juli, „Stauffenberg“. Will das nun sagen, die Figuren der Installation seien längst unfassbar weit entfernt ohne Erinnerung an das vergebliche Opfer jenes Offiziers von damals? Ist das so nachvollziehbar? Es kann im Umgang mit Kunst die Erwartung generell keineswegs sein, dass jedes Geheimnis sich auflösen lässt. Aber eine Ausstellung wie jetzt diese, die so nachdrücklich – und auch ganz zu Recht – auf Umschreibungen setzt, könnte womöglich doch in gebotener Kürze die eine oder andere motivbezogene Hilfe geben.

Ganz unbedingt hätte das für einen Raum geschehen müssen, in dem Bertolt Brecht eine Rolle spielt. Es sind da nämlich in Projektionen visuell allerhand Asiaten zugange – zu hören ist aber aus einem Lautsprecher die ins gänzlich Unverständliche verzerrte Stimme von Brecht in der Aufzeichnung des Verhörs, das die McCarthy-Kommission zur Aufdeckung anti-amerikanischer Umtriebe 1947 mit dem Dramatiker veranstaltete und das durch Brechts Antworten zu einer wunderbar absurden Farce wurde. Auf Youtube ist das nachzuhören, in der Ausstellung ist es nur ein unsinniges Geräusch. Warum?

Gleichviel – auch wenn das Verständnis mitunter große Mühe macht, was schon beim Titel „Kunst und Kapital“ beginnt, ist die Ausstellung sehenswert. Sie gilt einer selbstbewussten Künstlerin, die weltweit Anerkennung gefunden hat. Der Katalog enthält eine Liste mit Hunderten von Einzelausstellungen und Beteiligungen im Verlauf von fünfzig Jahren – mehr ist an Erfolg kaum vorstellbar.

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