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Alexander von Humboldt ist einer der großen Denker der Globalisierung.

Natur und Technik

Zum 250. Geburtstag von Alexander von Humboldt: Der Traum von einer Sache

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Der Naturforscher entdeckte früh globale ökologische Zusammenhänge. Eine Wiederbegegnung mit dem Visionär zum 250. Geburtstag.

Zu Lebzeiten soll Alexander von Humboldts Weltruhm nur von dem Napoleons übertroffen worden sein. Der derzeitige Rummel um seinen 250. Geburtstag ist damit verglichen kaum mehr als ein Säuseln. Wir sollten deutlich mehr Wind um ihn machen. Nicht nur weil wir fasziniert sind vom Leben des großen Reisenden, von seiner alles umfassenden Neugierde, sondern weil wir ihn heute mehr brauchen denn je.

Man kann die Geschichte des 19. und des 20. Jahrhunderts lesen als eine Abwendung von Alexander von Humboldt. Sie hat nicht darum stattgefunden, aber zu den fatalen Nebenwirkungen von Nationalismus und Naturverachtung gehört das Abrücken nicht nur vom grundsätzlichen Forschungsinteresse Humboldts sondern auch von einer ganzen Reihe seiner Einsichten.

Unser heutiges Bewusstsein vom globalen Zusammenhang, in dem, von dem wir leben, rührt her von unserer „Overview“-Erfahrung, Am 24. Dezember 1968 lieferte William Alison „Bill“ Anders, Astronaut der Mond-Mission Apollo 8, die erste von einem Menschen gemachte Aufnahme der Erde. „Earthrise“ heißt sie. Sie zeigt unseren Planeten in seiner vollen Schönheit. Erst diese Aufnahme, nicht die schon mehr als ein Jahr zuvor gelieferten Satellitenfotos, veränderte den Blick auf die Welt. „Plötzlich diese Übersicht.“ Mit einem Male war das Ganze sichtbar geworden. Frank White prägte 1987 den Begriff Overview-Effekt für jenes bei diesem Anblick aufkommende Gefühl der Ehrfurcht vor dem Leben. Seitdem ist uns nicht mehr nur bewusst, wie prekär unsere Lage im Kosmos ist; von nun an können wir es sehen.

Zeigt das nicht eher den Abstand zu Alexander von Humboldt? Nein, es macht seine Größe sichtbar. Ein deutlich jüngerer Zeitgenosse Humboldts schrieb 1843, „dass die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von dem sie nur das Bewusstsein besitzen muss, um sie wirklich zu besitzen“. Humboldts Traum war der vom Zusammenhang, vom – wenn ich so schreiben darf – Großenganzen. Marx war Revolutionär. Er dachte in Gegensätzen. Wie dem von Traum und Bewusstsein. Humboldt, der das Ganze nie aus den Augen verlor, verstand sich auf die Kunst der kleinen Schritte. So und nur darum hatte er mehr als einen Traum. Humboldt kannte den Zusammenhang, lange bevor man ihn sehen konnte.

Alexander von Humboldt, hier auf einem Gemälde von Georg Friedrich Weitsch (Ausschnitt).

Humboldt hatte ihn erforscht. Er wusste, was wir erst wieder zu ahnen beginnen: Natur und Geschichte sind nicht zu trennen. Das war die Einsicht vieler Vertreter der europäischen Aufklärung. Die Vorstellung, man könne den Menschen begreifen ohne die Natur, deren Geschöpf er ist und deren Schöpfer auch ab und zu, wäre ihnen verrückt vorgekommen. Sie konnten nicht die von Umweltforschungssatelliten zusammengetragenen Daten auswerten, die aus 400 Kilometer Entfernung Zusammenhänge sichtbar machen, die am Boden nicht zu entdecken sind. Dennoch war ihnen klar, dass zum Beispiel zur Universalgeschichte das Universum dazu gehört.

Alexander von Humboldt ist einer der großen Denker der Globalisierung. Die ist nämlich nicht, wie man uns einzureden versucht, etwas später Hinzugekommenes. Sie ist von Anfang an da. Menschen, Tiere, Pflanzen, Steine sind nicht Einzelne, die erst vergesellschaftet werden mussten, um dann in einem Prozess der Globalisierung zusammen zu kommen. Das Ganze ist nicht nur mehr als die Summe seiner Teile. Es ist auch älter. Schon 1801 schrieb Humboldt bedauernd: „Wir kennen uns aus mit Steinen, aber nicht mit Gebirgen, wir haben Materialien vor uns, aber wir wissen nichts über ihren Zusammenhang.“ Ich weiß nicht wie viel Hunderte von Objekten Humboldt im Laufe seines langen Lebens untersuchte: Meeres- und Bergeshöhen, Infusorien, die Temperatur von Regentropfen und des Erdinnern, Meteorsteine usw. usw. Aber bei all seiner Vertiefung ins Einzelne ging es ihm doch immer darum, das Ganze zu begreifen, hinter, wie er es sagte, „die Konstruktion des Globus“ zu kommen. Dass die Gebirge nahezu überall auf der Welt gleich gebaut waren, führte er auf einen Parallelismus zurück, der bewirkt werden müsse von der Erdanziehung und der Erdrotation.

Der Idee, Amerika sei ein junger Kontinent tritt er 1806 in einem Vortrag energisch entgegen: „Das Meer kann die unermesslichen Ebenen am Orinoko und Amazonenstrome nicht dauernd überschwemmen, ohne zugleich unsre baltischen Länder zu verwüsten. Auch zeigt die Folge und Identität der Flözschichten in Caracas, Thüringen, und Niederägypten, dass jene großen Niederschläge auf dem ganzen Erdboden gleichzeitig erfolgt sind.“

Ob die einzelnen Ansichten – ein Wort das er mochte – Humboldts stimmen, weiß ich nicht. Aber sein Bestreben, noch das Entfernteste zusammenzudenken, rückt ihn in unsere Gegenwart. Mehr noch: Alexander von Humboldt ist unsere Zukunft. Nur wenn wir lernen, in großen Zusammenhängen nicht nur zu denken, sondern uns auch darin üben, sie Stück für Stück zu erforschen, haben wir eine Chance, eine sich ständig verändernde Welt zu begreifen und uns in ihr einzurichten.

Alexander von Humboldt wusste: die unterschiedlichsten Kräfte haben auf höchst unterschiedliche Weise in den verschiedenen Erdwinkeln gewirkt. Sie müssen, will man sie begreifen, genau untersucht werden. Aber sie agierten immer auf der Grundlage jener großen global wirkenden Konstellationen, die wir über den vielen kleinen oft übersehen. Wie viel wir über Bäume wussten, bevor wir auch nur eine Ahnung davon hatten, wie Wälder funktionieren!

Humboldt zitierte gerne Condorcets Satz, „Theorien aufstellen zu wollen ohne die Fakten zusammengestellt, ohne selbst Beobachtungen angestellt zu haben, ist ein Fehler, der zu allen Zeiten den Gang unserer Erkenntnisse aufgehalten hat“. Aber er schrieb auch Sätze wie diese: „Der nördlichste Teil des neuen Kontinents, Grönland, Labrador, und das große Westland bis an den Mackenzie Fluss, ist von Eskimos bewohnt, einer kleinen kurzleibigen Menschenrasse, die wir in den Europäischen und Asiatischen Polarländern, in den Lappen und Samojeden wiederholt finden, und deren Existenz, wie die Talform des Atlantischen Ozeans zwischen Amerika und Europa, auf einen ehemaligen allgemeinen Zusammenhang aller Weltteile gegen Norden zu, hinweiset.“

Man mag die Geschwindigkeit, mit der Humboldt von der Menschheitsgeschichte auf die Geologie kommt, übereilt finden. Aber man darf nicht vergessen, dass nicht nur die Ausdehnung des Weltalls, sondern auch dessen Alter seit Humboldts Zeiten gigantisch zugenommen hat. Was ihm damals vorschwebte, ist heute so nicht mehr zu haben. Seine berühmten, die ganze Berliner Gesellschaft adressierenden Vorlesungen, die er 1827/28 nicht nur an der Universität, sondern auch in den Räumen der Singakademie (heute: Maxim Gorki Theater) hielt, heißen in der fünfbändigen Buchfassung, die in den Jahren 1845-1862 erschien, „Kosmos – Entwurf einer physischen Weltbeschreibung“. Gleich auf den ersten Seiten erläutert Humboldt: „Physische Weltbeschreibung ist Beschreibung alles Geschaffenen, alles Seienden im Raume (der Natur-Dinge und Natur-Kräfte) als eines gleichzeitig bestehenden Natur-Ganzen.“

Die Anderen: Alexander von Humboldt (2.v.r.) mit Schiller (l.), seinem Bruder Wilhelm und Goethe (r.) in Jena.

Das ist das Großartige und das ist die Grenze des Humboldtschen Blicks auf die Welt. Seine Stärke: Globus und Kosmos gehören zusammen. Die Erde hängt ab von ihrer Position im All. Aber Humboldts All ist noch das von „Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne“. Er hatte keine Vorstellung davon, wie weit entfernt selbst die Sterne sind, die wir sehen können. Und schon gar nicht vom Alter des Universums.

An anderer Stelle schreibt Humboldt: „Die natürliche Reihenfolge der Pflanzen- und Tierbildungen wird wird hier als etwas Gegebenes betrachtet. So ist es die Aufgabe der physischen Geographie, nachzuspüren, wie auf der Oberfläche der Erde sehr verschiedenartige Formen, bei scheinbarer Zerstreuung der Familien und Gattungen, in geheimnisvoller genetischer Beziehung zu einander stehen; wie die Organismen ein tellurisches (irdisches) Naturganzes bilden, durch Atmen und leise Verbrennungsprozesse den Luftkreis modifizieren und, vom Lichte in ihrem Gedeihen, ja in ihrem Dasein prometheisch bedingt, trotz ihrer geringen Masse, doch auf das ganze äußere Erden-Leben einwirken.“ Wie soll man an diesem Passus nicht die „leisen Verbrennungsprozesse“ und die Modifikation des Luftkreises lieben? Wie sehr nimmt Humboldt einen nicht für sich ein, durch seine Art, die Erde als Ganzes zu sehen, in dem alle Teile auf einander wirken? Gaia steht gleich hinter der nächsten Ecke.

Aber es ist eine sehr einfache Gaia. Humboldt erklärt die Welt nicht, indem er ihre Geschichte erzählt. Die genetischen Beziehungen waren ihm nur ein Geheimnis. Der historische Zusammenhang, in dem alles erst sich konstituiert, als Einzelne und das jeweilige Ganze, entging ihm. Das Ganze ist für ihn nichts als ein Funktionszusammenhang. Keine historisch flüchtige Konstellation. Der Status quo ist für Alexander von Humboldt trotz seiner Einsicht in die geologischen Revolutionen keine prekäre Gemengelage. Er steht nicht auf der Kippe: Die Welt ist die Welt ist die Welt. Sie ist Kosmos, ein hervorragend organisiertes Schmuckkästchen.

Heute erscheint sie mehr als Bastelstube, in der die verschiedensten Teile immer wieder neu organisiert werden. Nicht nur der berühmte Sternenstaub – also alle Elemente außer Wasserstoff –, sondern auch jede seiner Weiterentwicklungen steht Millionen Jahre zur Verfügung und wartet auf Wiederverwendung.

Ist Humboldt doch ein Mann der Vergangenheit? Natürlich ist er das. Wir dürfen das nicht übersehen. Aber wir müssen ihn dennoch auch zu unserem Future-Man machen. In Deutschland studieren 150 000 Menschen Biologie, Physik oder Chemie und 60 000 Mathematik. 240 000 dagegen Betriebswirtschaftslehre und 116 000 Jura. Nichts belegt besser den Mangel an Neugierde in unserer Gesellschaft. Ich gehörte zu denen, die 1966 ihre Neugierde ganz auf die Gesellschaft konzentrierten und Soziologie studierten. Definitiv ein Fehler, denke ich heute. Vielleicht habe ich mich darum in Alexander von Humboldt verliebt.

Die Ferne: Eduard Ender zeigt Humboldt und den Botaniker Aimé Bonpland auf ihrer Venezuela-Reise am Orinoco, 1799/1800.

Er ist der Andere. Der zu werden man sich selbst nicht traute. Humboldts sind Mangelware. Aber sie sind es generell. Wir werden ein solches Genie nicht aus dem Boden stampfen können. Aber wir – jeder Einzelne und die Gesellschaft – könnten uns dazu entschließen, seinen Weg zu gehen. Wir könnten damit anfangen, uns als ein Stück Natur zu betrachten. Nicht nur im Großen und Ganzen, sondern auch gerade in dem, worauf wir besonders stolz sind. Wir werden entdecken, dass es nahezu nichts Menschliches gibt, das wir nicht auch bei Tieren und sogar bei Pflanzen finden können.

Alexander von Humboldts Vorsprung gegenüber den meisten aktuellen Globalisierungsdenkern sehe ich darin, dass er vom Globus ausgeht und nicht vom Warenverkehr. Die natürlichen Grundlagen unseres Lebens sind global. Sie müssen erkannt, genutzt und – wo möglich – erhalten werden. Mehr als sieben Milliarden Menschen leben heute auf der Erde. Als ich 1946 auf die Welt kam, waren wir etwas mehr als zwei Milliarden. Wir werden unseren Lebensstandard nicht halten, geschweige denn verbreiten können. Das war die Illusion, in der die heute Siebzigjährigen aufwuchsen. Manche von ihnen wollen sie mit Klauen und Zähnen verteidigen. Alexander Gauland zum Beispiel.

Humboldt war nicht nur Weltreisender und Naturforscher. Er war auch ein Erfinder. Nicht nur der Natur, wie Andrea Wulf ihn in ihrem gleichnamigen Buch beschreibt. Er beschäftigte sich auch mit der Verbesserung von Spinnmaschinen und Grubenlampen, Technik gehörte bei ihm dazu. Er war eingebettet in eine internationale Forschergemeinschaft, die sich informierte über die neuesten Entwicklungen. Ein World Wide Web im Kutschenzeitalter.

Alexander von Humboldt interessierte sich nicht nur für Luftdruck, für Steine, Pflanzen und Tiere. Er studierte auch die Menschen, auf die er bei seinen Fahrten stieß. Dabei kam er mit vielen seiner Zeitgenossen zu einem Verständnis vom Menschengeschlecht, gegen das in den ihm folgenden Jahrzehnten immer wieder Sturm gelaufen wurde.

Das Innere: Die Bergbauorte rund um Goldkronach im heutigen Oberfranken, wo Humboldt in den 1790er Jahren tätig war.

Hier am Ende mögen Alexander und Wilhelm von Humboldt noch einmal das Wort haben. In einem Artikel, der 1845 in der „Allgemeinen Zeitung“ erschien, erklärte Alexander von Humboldt: „Indem wir die Einheit des Menschengeschlechtes behaupten, widerstreben wir auch jeder unerfreulichen Annahme von höheren und niederen Menschenrassen. Es gibt bildsamere, höher gebildete, durch geistige Kultur veredelte, aber keine edleren Volksstämme. Alle sind gleichmäßig zur Freiheit bestimmt – zur Freiheit welche in roheren Zuständen dem Einzelnen, in dem Staatenleben bei dem Genuss politischer Institutionen der Gesamtheit als Berechtigung zukommt.“

Und jetzt fährt er, seinen Bruder Wilhelm (1767-1835) zitierend fort: „Wenn wir eine Idee bezeichnen wollen, die durch die ganze Geschichte hindurch in immer mehr erweiterter Geltung sichtbar ist, wenn irgend eine die vielfach bestrittene, aber noch vielfacher missverstandene Vervollkommnung des ganzen Geschlechtes beweist, so ist es die Idee der Menschlichkeit: Das Bestreben, die Grenzen welche Vorurteile und einseitige Ansichten aller Art feindselig zwischen die Menschen gestellt, aufzuheben, und die gesamte Menschheit, ohne Rücksicht auf Religion, Nation und Farbe, als Einen großen nahe verbrüderten Stamm, als ein zur Erreichung Eines Zweckes, der freien Entwicklung innerlicher Kraft, bestehendes Ganzes zu behandeln. Es ist dies das letzte äußerste Ziel der Geselligkeit, und zugleich die durch seine Natur selbst in ihn gelegte Richtung des Menschen auf unbestimmte Erweiterung seines Daseins. Er sieht den Boden so weit er sich ausdehnt, den Himmel so weit ihm entdeckbar als er von Gestirnen umflammt wird, als innerlich sein, als ihm zur Betrachtung und Wirksamkeit gegeben an. Schon das Kind sehnt sich über die Hügel, über die Seen hinaus welche seine enge Heimat umschließen; es sehnt sich dann wieder pflanzenartig zurück: denn es ist das Rührende und Schöne im Menschen, dass Sehnsucht nach Erwünschtem und nach Verlornem ihn immer bewahrt, ausschließlich an dem Augenblick zu haften.“

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