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Martina Weinhart plädiert für die politische Beteiligung heutiger Künstler.

1968

"1968 hat man im guten Glauben Agitprop gemacht"

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Ein Gespräch mit Martina Weinhart, der Kuratorin der Ausstellung "Power to the People" in der Schirn Kunsthalle Frankfurt, über politische Kunst, ihren Anspruch und Wirkung.

Frau Weinhart, Sie kuratieren eine Ausstellung über aktuelle politische Kunst unter dem Titel „Power to the People“. Heißt das, es gibt derzeit eine Art Politkunst-Revival?
Das ist mein Eindruck. In den letzten Jahren ist sehr viel passiert. Einerseits waren wir in einer Art bleiernen Zeit, einem Neo-Biedermeier, in dem der Rückzug ins Private eine starke Rolle gespielt hat. Gleichzeitig hat es global etliche politische Eruptionen gegeben, die auf der Straße stattgefunden haben: den Arabischen Frühling, die Anti-Brexit-Kampagnen, die Austeritätsdebatte, die auch den „kleinen Mann“ auf der Straße mobilisiert hat. Dann diese riesige Welle der Anti-Trump-Proteste oder Stuttgart 21 oder die Anti-G20-Gipfel-Proteste – all diese Beispiele zeigen, dass breite gesellschaftliche Schichten politisch interessiert sind. Auch in der Kunstwelt und hier vor allem auf verschiedenen Biennalen der letzten Jahre konnte man erkennen, dass eine gewisse Politisierung stattgefunden hat und immer noch stattfindet. Das heißt: Man spürt einen gewissen Druck, und der wird an die Künstler und Künstlerinnen weitergegeben.

Der Künstler als Seismograf?
Genau. Die Künstler sind Seismografen dieser politischen Bewegung. Ich bin natürlich auch skeptisch, wenn es darum geht, politische Fragen an die Kunst zu delegieren. Aber gleichzeitig stehen der Kunst auch ganz andere Mittel zur Verfügung. Die Kunst ist kein parteipolitisches Organ, kein politischer Aufsatz, keine wissenschaftliche Analyse. Die Kunst kann Diskurse auf ihre ganz eigene Art bearbeiten und Denkanstöße liefern, Erfahrungen und Sinneswahrnehmungen mitgeben, die in der Lage sind, Themen freier zu denken, ganz andere Prozesse anzustoßen oder auch Themen ansprechen, für die es an anderer Stelle keine Öffentlichkeit gibt.

Ist denn die jetzige Zeit mit der von 1968 vergleichbar – im Hinblick auf diese Protestkultur?
Vielleicht. Wir waren zwar nicht dabei, aber die 68er haben uns zumindest stark geprägt. Vieles, was unsere Gesellschaft heute als selbstverständlich ansieht, viele Strategien der Protestkultur und des bürgerlichen oder auch anti-bürgerlichen Engagements wurden damals etabliert. Das sind Errungenschaften, von denen wir zum Teil heute noch profitieren. Die 68er-Bewegung stand am Anfang meiner Überlegungen zu dieser Ausstellung. Sehr rasch aber habe ich festgestellt, dass es viel spannender ist, der heutigen Situation nachzugehen. Welche Wege haben sich erhalten? Und welche Mittel der politischen Beteiligung präsentieren uns die Künstler heute? 

Welche sind das denn?
Sehr unterschiedliche. Das beginnt mit Guillaume Bijls „Wahlkabinenmuseum“, also der Musealisierung eines zentralen Instruments der Demokratie. Heute ist oft die Rede von der Post-Democracy. Dann gibt es eine ganze Reihe von Arbeiten, die Demonstrationen entweder dokumentieren oder anderweitig thematisieren. In der Rotunde gibt es eine gigantische Installation, die „100 Banners“ von Phyllida Barlow. Und wir zeigen aktivistische Werke wie die „Radical Feminist Pirate Ship Tree Sitting Platform“ von Andrea Bowers, oder auch ein Video der Gruppe Forensic Architecture, die im strengen Sinne gar keine Künstler sind, sondern eine research group, die von der Goldsmith Academy in London aus gegründet worden ist und die eine intensive, investigative Forschung zu konkreten politischen Missständen betreibt, die dann im Kunstkontext ihre Sichtbarkeit erhalten.

1968 gab es so provokative Aktionen wie Valie Exports „Tapp- und Tastkino“. Die Künstlerin hatte sich einen Kasten vor die Brüste geschnallt, in den Männer hineingreifen konnten. Es gab die so genannte Uni-Ferkelei der Wiener Aktionisten, da wurde sich erbrochen, gekackt und masturbiert. Dagegen wirkt die heutige Kunst verhältnismäßig brav. 
Ich glaube, damals war es einfach wichtiger zu schockieren. Die 68er haben sich ja am Faschismus abgearbeitet, das musste radikal sein. Das war ein unglaublich grausames und monströses Unternehmen, da konnte man nur mit monströsen Mitteln antworten. Außerdem sind wir heute auch schon einiges gewohnt.

War damals nicht auch mehr Leidenschaft im Spiel?
Es war sicher damals eine kleinere, kompromisslose Gruppe von Künstlern, aber ich denke, das kann man nicht so pauschal beantworten. In den stark katholischen Ländern waren die Künstlerinnen und Künstler oft radikaler, zum Beispiel in Italien, wo Gina Pane über Rasierklingen lief. Oder eben in Österreich. In Deutschland waren die Künstler in dieser Beziehung gemäßigter. Sie sind andere Wege gegangen, man agitierte eher wie etwa Jörg Immendorff mit seinem Bild „Wo stehst du mit deiner Kunst, Kollege?“.

Wenn man an aktuelle politische Kunst denkt, fällt den meisten Menschen vermutlich zuerst der Chinese Ai Weiwei ein, der in der Ausstellung gar nicht präsent ist.
Ich habe mich vor allem auf Arbeiten konzentriert, die die Dinge differenziert betrachten. Es gibt ja auch viele linke Künstlergruppen und Künstler, die sehr populistisch arbeiten.

Sie meinen das Zentrum für politische Schönheit, das dem AfD-Politiker Björn Höcke ein „Denkmal der Schande“ vor die Tür gestellt hat?
Genau. In dem Moment, in dem ich entscheide, in eine Themenausstellung das Zentrum für politische Schönheit aufzunehmen, überlagert das alles. Dann generiere ich vor allem einen Skandal, was heutzutage relativ einfach ist. Ich bin sehr gespalten, wie viel er nutzen würde. Ich bin eher dafür, sich die Dinge genauer anzuschauen. Die Ausstellung soll ein Panorama entfalten. Sie soll zum Nachdenken darüber anregen: Wie könnte mein eigener Beitrag aussehen? Bin ich politisch engagiert? Wie weit kann ich oder will ich gehen? Es ist ja eine traurige Tatsache, dass sich viele überhaupt nicht mehr für unsere Demokratie engagieren, die Wahlbeteiligung immer neue Tiefstände erreicht. Ein wichtiger Aspekt sind dabei auch die neuen medialen Möglichkeiten politischer Beteiligung. Eine Arbeit wie „5000 Likes“ von Mark Flood reflektiert beispielsweise die oft manipulative Meinungsproduktion in den sozialen Medien. Dabei geht es darum, dass es durch neue Technologien sehr einfach geworden ist, sich politisch zu engagieren, indem man einfach nur den Like-Button betätigt – der sogenannte Slacktivism. 

Aber auch heute findet politischer Protest noch vorwiegend auf der Straße statt.
Wir zeigen in der Ausstellung auch eine Arbeit von Ahmet Ögüt, der immer an das jeweilige Land angepasst aus Polizeischilden eine Art Western-Saloontür baut, durch die sich der Besucher durchquetschen muss und so eine ziemlich bedrückende körperliche Erfahrung macht. Wie repressiv oder brutal der Polizeiapparat agiert, ist oft ein Gradmesser dafür, wie demokratisch ein Staat ist. Es gibt aber auch sehr spielerische Arbeiten etwa von Marinella Senatore, die ein Protest-Bike zur Verfügung stellt, das man benutzen kann. Und es gibt eine Arbeit von Rirkrit Tiravanija, wo sich der Besucher ein T-Shirt mit dem Spruch „Freedom cannot be simulated“ mitnehmen kann. 

Die Besucher sollen also nicht einfach nur durch die Ausstellung gehen und alles richtig finden, sondern sich beteiligen, zumindest sich Gedanken machen.
Genau, es gibt ja ganz unterschiedliche Ebenen der Beteiligung. 

Müssen Künstler auch deshalb ganz anders vorgehen als 1968, weil die Welt heute komplexer geworden ist?
Ich glaube schon, dass die Welt komplexer geworden ist. Wir befinden uns in einer absoluten Informationsgesellschaft. Damals musste man mit einer Demo erst einmal in die Nachrichten kommen. Es gab die große Auseinandersetzung um die Springer-Presse. Man musste sich gegen eine einseitige Berichterstattung wehren. Das ist heute anders. Jeder kann sich zeitnah über die ganze Welt informieren. Für den Einzelnen lässt sich in dieser verwirrenden Gemengelage häufig nur schwer etwas ausmachen, für das es sich zu engagieren lohnt. Dazu haben wir heute vielleicht eher das trügerische Gefühl, wir könnten das, was in der Welt vorgeht, umfassend beurteilen. Das halte ich für gefährlich und sehr naiv. 

Die schiere Menge der Informationen macht es heute auch viel schwieriger, konkrete Positionen zu beziehen. Zu allem gibt es ein Für und Wider.
Damals, 1968, hat man im guten Glauben Agitprop gemacht. Die linke Seite war eindeutig die gute Seite, und dafür musste man mobilisieren, komme, was da wolle. Das löst sich heute auf. Und man sieht ja auch diese Naivität dahinter. Heute schauen wir mit einigem Entsetzen darauf, wie viele von der Linken nach rechts abgebogen sind, auch große Figuren der Apo.

Spielt Feminismus in Ihrer Ausstellung eine Rolle?
Sicher, zum Beispiel in der Arbeit der irischen Künstlerin Katie Holten, von ihr gibt es einen sehr schönen Zyklus, der heißt „She Persisted“. Das sind gezeichnete Porträts von weiblichen Identifikationsfiguren, die in bestimmten politischen Auseinandersetzungen eine starke Rolle übernommen haben, die Whistleblowerin Chelsea Manning oder Anita Hill, die als Erste eine Öffentlichkeit für das Thema der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz sensibilisierte, aber auch Angela Davis oder die amerikanische Lyrikerin Emily Dickinson. Holten porträtiert Frauen, die Geschichte geschrieben haben.

Politische Kunst kommt ja meist aus repressiven Staaten, etwa aus Russland, wo Pjotr Pawlenski seine Hoden auf den Roten Platz genagelt hat. Oder aus China.
Natürlich. Ich hätte eine ganze Ausstellung zum Thema nur mit türkischen Künstlerinnen und Künstlern bestücken können und es sind tatsächlich auch einige vertreten. Wir zeigen „Ballerinas and Police“ des türkischen Künstlers Halil Altindere, der mit einer fast poetischen Form der Kritik politischen Pomp ironisiert. Man sieht Ballerinas zu Tschaikowskis „Schwanensee“ tanzen und auf tanzende Polizeitruppen stoßen. Es entsteht eine Choreografie, mit der sich beide Gruppen bekämpfen, das ist sehr metaphorisch. Da ist man an einer Demarkationslinie: Wie viel politische Kunst ist in einem Staat möglich, der politisch bedroht ist?

Verfehlt politische Kunst im Ausstellungsraum nicht die Adressaten? Die, die in die Schirn kommen, bei denen rennt man mit Menschenrechtsforderungen ja vermutlich offene Türen ein.
Aber man sollte jede Chance nutzen, sich für politische Bildung einzusetzen und die Öffentlichkeit zu motivieren, sich zu engagieren. Man kann nicht oft genug wiederholen, wie wichtig es ist, sich für Politik zu interessieren. Was wir wirklich von den 68ern mitnehmen können, ist ihr Engagement.

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