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James Lovelock 2009 in Paris.

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Zum 100. von James Lovelock: Mutter Erde mit Hilfe von Cyborgs retten

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James Lovelock, der Erfinder der Gaia-Lehre, wird einhundert Jahre alt.

Am Freitag wird James Lovelock 100 Jahre alt. Am 4. Juli erschien sein neuestes Buch „Novacene – The Coming Age of Hyperintelligence“. Es ist wach, hell und klar, witzig und streitbar. Wie man Lovelock seit mehr als vierzig Jahren kennt.

Man kennt ihn seit 1979, als er in seinem Buch „Gaia: A New Look at Life on Earth“ die These vertrat, die Erde und die sie umhüllende Atmosphäre sei ein Lebewesen. Er wurde verspottet dafür. Heute gibt es keinen Wissenschaftler mehr, der nicht davon ausgeht, dass unser Planet und seine Umgebung ein komplexes, interagierendes System bilden, das das Leben nicht nur hervorgebracht hat, sondern auch von ihm geprägt ist.

Lange vor „Gaia“ war James Lovelock bereits in den verschiedenen Fachwelten eine bekannte Größe, in denen der Chemiker, Mediziner, Biophysiker – drei Studienabschlüsse – und Erfinder sich bewegte. Er wuchs fünfzig Kilometer nördlich von London, in Letchworth, einer der ersten Gartenstädte der Moderne, Vorbild für zum Beispiel Hellerau, in einer Quäkergemeinde auf.

Im Zweiten Weltkrieg verweigerte James Lovelock zunächst den Wehrdienst, meldete sich aber, angesichts der Untaten der Nazis, später freiwillig. Seine medizinische Arbeit sei zu wichtig, um ihn in den Krieg zu schicken, wurde ihm mitgeteilt.

James Lovelock untersuchte „Mutter Erde“ geophysikalisch

1957 hatte er den Elektroneneinfangdetektor gebastelt. Mit diesem Instrument erst wurde es möglich, ohne großen Aufwand viele Umweltschadstoffe nachzuweisen. 1961 engagierte ihn die NASA: Lovelock entwickelte Instrumente zur Analyse extraterrestrischer Atmosphären.

Seit 1964 hat Lovelock – auf deutsch heißt das „Liebesschloss“ – ein eigenes Labor. Seine Erfindungen machten ihn unabhängig von den Institutionen – Harvard, Oxford usw. –, in denen er arbeitete.

Es waren die Forschungen bei der Nasa, die ihn auf die Gaia-Idee brachten. Dass das Leben sich nicht auf totem Material bewegt, sondern, dass es dieses Material selbst mit Leben erfüllt, wurde ihm klar, als er den Mars analysierte. Das war ein Planet, den das Leben nicht hatte umgestalten können. Hier regiert Kohlenstoffdioxid, CO². Und es gibt keine Photosynthese betreibenden Pflanzen, Algen oder Bakterien, die mit Hilfe des Sonnenlichts das energiearme, anorganische CO² in ein organisches, energiereiches Kohlenhydrat verwandeln könnten.

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Der Blick aus dem Weltraum auf die Erde, die, man sieht das jetzt sehr gut, eigentlich „das Wasser“ heißen müsste, hatte Lovelock die Augen geöffnet für die einmalige Konstellation, in die sie eingebettet ist. Er hält „Leben“, wie wir es kennen, für eine einmalige Angelegenheit. Die Entdeckung der Möglichkeit von Milliarden, Billionen von Exoplaneten ändert nichts an seiner Ansicht. Der richtige Abstand zur jeweiligen Sonne hilft noch nicht viel weiter. Es muss eine Atmosphäre entstehen, die den Planeten vor der immer wärmer strahlenden Sonne schützt, sonst stirbt das Leben – falls es denn einmal da war – wieder sehr schnell.

Dass James Lovelock das unablässig agierende, sich selbst erhaltende System nach der griechischen Göttin der Erde „Gaia“ nannte, war, was sein Ansehen in der Wissenschaft anging, eher schädlich. Er wurde in die New- Age-Ecke abgeschoben. Man betrachtete ihn gerne als einen, der sich um die alte Dame, die Mutter Erde, kümmern wollte. Das war nicht falsch. Aber Lovelock war nicht nur Liebhaber. Er war auch Wissenschaftler und er untersuchte „Mutter Erde“ geophysikalisch, ein Mediziner fürs Ganze. Auf die Idee, sie Gaia zu nennen, hatte ihn sein Nachbar und Freund gebracht, der spätere Literaturnobelpreisträger William Golding. Wir kennen ihn alle als Autor von „Der Herr der Fliegen“.

James Lovelock hatte mit Gaia recht

Da wir schon einmal beim Promi-Namedropping sind. Der junge, in Oxford arbeitende Mediziner James Lovelock wollte 1942 herausfinden, bei welchen Temperaturen Zellen beschädigt werden. Das sollte er an anästhesierten Kaninchen ausprobieren. Der Quäker-Sohn widersprach. Er nahm seine eigenen Hautzellen dafür. Der die Versuche begleitende Arzt lud ihn zu sich nach Hause ein. Seine Frau begrüßte Lovelock: „Können Sie bitte einen Moment das Kind halten, ich muss in der Küche nach dem Essen sehen.“ So kam es, dass James Lovelock ein paar Minuten lang Stephen Hawking in seinen Armen hielt.

Mit Gaia hatte er recht. Zu sagen „die Erde lebt“ ist präziser als der Satz „es gibt Leben auf der Erde“. Leben besteht nicht nur aus Lebendigem. Es verändert auch das Anorganische.

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Genau darum geht es in James Lovelocks neuestem Buch „Novacene“. Es ist noch nicht auf Deutsch erschienen. In den USA wird es erst im August herauskommen, aber die englische Ausgabe bei Allen Lane erschien drei Wochen vor seinem Geburtstag. Sie haben vom Anthropozän gehört? Das ist, so seine Verfechter, jene geologische Epoche, der der Mensch seinen Stempel aufgedrückt hat. Die stolpert bereits ihrem Ende entgegen in ein neues Zeitalter, das Novazän. So James Lovelock.

Der entscheidende Faktor des Novazän wird nicht mehr der Mensch sein, sondern die künstliche Intelligenz, von Lovelock „Cyborg“ genannt. Bei Menschen wie allen Lebewesen muss Information durch biochemische Prozesse aus chemischen in elektronische Signale verwandelt werden. Dieser Zeit und Energie kostende Aufwand entfällt bei der künstlichen Intelligenz. Hier spielt sich alles elektronisch ab. Also eine Million mal schneller. Da können wir strampeln, wie wir wollen, wir werden daran nichts ändern können. Die Evolution ist mit unserer Hilfe über uns hinaus gegangen.

James Lovelock ist energischer Befürworter der Atomenergie

James Lovelock, der Jahrzehnte lang uns beschwor und agitierte, uns um das Überleben der Erde zu kümmern, glaubt jetzt, Bundesgenossen in unseren hyperintelligenten Geschöpfen gefunden zu haben. Sie werden uns hinaushelfen aus der Grube, die wir uns gegraben haben. Lovelock, der felsenfest davon überzeugt ist, dass Intuition in allen kreativen Prozessen eine wichtige Rolle spielt, geht davon aus, dass auch die Cyborgs lernen, nicht nur Programme durchzuspulen, sondern Aha-Erlebnisse zu haben.

James Lovelock könnte man einen mystischen Ingenieur nennen, beseelt von dem festen Glauben an die Möglichkeit der Perfektionierung von Natur und Mensch. Lovelock ist energischer Befürworter der Atomenergie. Nur mit ihrer Hilfe sind wir in der Lage, den CO²-Ausstoß schnell deutlich zu senken, sagt er. Lovelock braucht die Atomenergie und die Raketentechnik aber noch aus einem anderen Grunde. Sie gibt Mutter Erde das erste Mal die Möglichkeit, sich gegen Meteoritenbefall zur Wehr zu setzen. Man könnte die Leben vernichtenden Himmelskörper rechtzeitig, bevor sie in die Erdatmosphäre eintreten, mit Atombomben zerstäuben. Das wäre ein epochaler Einschnitt im Selbstbewusstwerdungsprozess der Erde, der einsetzte, als der Mensch nicht mehr nur in den Himmel schaute, sondern zu verstehen begann, wie seine Heimat, der blaue Planet, sich darin bewegte.

Als James Lovelock 97 Jahre alt war, berichtete Stefanie Bolzen in der „Welt“ über ihn: „Das hohe Alter scheint seinem Körper nichts anzuhaben, er braucht keinen Stock, steht behände aus dem Sessel auf und ist am Wochenende erst zwölf Kilometer die Küstenhänge hinausmarschiert.“ James Lovelock ist ein Wunder.

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