1. Startseite
  2. Hintergrund

Hinter der Bühne: Verzweiflung

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Imre Grimm

Kommentare

Ein Re-Start wurde vorbereitet, aber viele Säle sind noch ziemich leer: Puppen mit Absorptions- und Emissionseinrichtungen im März in der Oper Halle.
Ein Re-Start wurde vorbereitet, aber viele Säle sind noch ziemich leer: Puppen mit Absorptions- und Emissionseinrichtungen im März in der Oper Halle. © dpa

Helene Fischer zieht 130.000 Fans nach München – viele Musikschaffende aber spielen weiter vor halb leeren Sälen oder müssen ihre Tournee absagen.

Köln kocht. 41 000 Menschen recken ekstatisch die Arme in den Nachthimmel, Feuerwerksraketen explodieren. Auf der Bühne im ausverkauften Rheinenergie-Stadion steht Bastian Campmann, Frontmann der kölschen Mundartband Kasalla, und schwelgt und schweigt. „Dankeschön!“, ruft er dann. „Zusammen sind wir eins!“ Das Publikum rast. Das war im Juni.

Acht Wochen nach dem Stadiontriumph ist Campmann gedrückter Stimmung. Kasalla, gerade zehn Jahre alt, wollten im Herbst auf Europatournee gehen. Man plante 27 Konzerte. Keines davon wird stattfinden. „Am Ende mussten wir der Realität in die Augen schauen“, konstatiert Campmann. Kasalla strich die „Rudeldiere“-Tour und entschied sich für maximale Offenheit, was den Grund angeht: Der Vorverkauf läuft nicht. Trotz eines Albums, das die Top Ten erreichte. Trotz eines umjubelten Auftritts beim Parookaville-Festival im Juli, der wegen Überfüllung abgebrochen werden musste.

Und Kasalla sind nicht allein. Auch Revolverheld um Sänger Johannes Strate haben ihre Arena-Tour 2023 abgesagt. „Ich könnte gerade kotzen und heulen gleichzeitig, aber es führt leider kein Weg dran vorbei“, so Strate in einem Instagram-Video. Starten sollte die Tour am 24. Januar in Leipzig. Auch Sänger Philipp Dittberner („Wolke 4“) strich seine Tournee. Sie sei „aus rein wirtschaftlichen Aspekten nicht möglich“. Die Hardrockband Der Weg Einer Freiheit, eine feste Größe im Black Metal, schrieb bei Instagram: „Die Fotos auf Social Media von ausverkauften Festivals und Hallen spiegeln leider für die meisten kleinen und unabhängigen Festivals und Promoter nicht die Realität wider.“

Was ist bloß passiert? Die Hoffnungen auf einen kulturellen Neustart waren so groß. Der Impfstoff ist da. Der Sommer ist da. Und nach zwei Jahren Teilisolation müsste die Lust der Menschen auf gemeinsame Liveerlebnisse, kollektives Weinen, Schwärmen, Genießen und Lachen doch gewaltig sein? So hofften die Künstler, Künstlerinnen und Veranstalter. Doch das Gegenteil scheint der Fall. Der WDR meldet: 65 Prozent aller geplanten Veranstaltungen werden derzeit abgesagt.

Überall ist in diesen Wochen entschuldigend von „produktionstechnischen Gründen“ die Rede, von erkrankten Musikern oder logistischen Problemen. Doch Campmann kennt die Chiffren: „Produktionstechnische Gründe? Das ist geschönter Branchensprech für leere Säle.“ Schleppender Kartenverkauf ist ein großes Tabu in einer Branche, die um jeden Preis den schönen Schein zu wahren versucht.

Mittelgroße Bands wie Kasalla oder Revolverheld also müssen Tourneen absagen. Gleichzeitig feiern 130 000 Menschen Helene Fischer und 90 000 Robbie Williams in München. Nur die ganz Großen baden im Licht einzelner, als Megaevent inszenierter Konzerte, umsorgt von einem Heer aus bis zu 5000 Technikern, Sicherheitsleuten und Stagehands, das dafür sorgt, dass auch eine 1,58 Meter große Helene Fischer auf einer 150 Meter breiten Bühne perfekt zu sehen ist. Derweil hängen verzweifelte Musikerinnen und Musiker aus den unteren Ligen ihre Gitarren an den Nagel, kehren in ungeliebte Brotberufe zurück und begraben ihre Träume. Wie passt das zusammen?

Die Jubelfotos täuschen. Die Szene ist von Normalität weit entfernt. Oder wie Revolverheld-Sänger Stratmann sagt: „Unsere gesamte Branche leidet offensichtlich an Long Covid“.

Mehr als eine Million Menschen arbeiten in Deutschland in der Veranstaltungsbranche. Musiker und Musikerinnen, Promoter, Technikerinnen und Techniker, Soundingenieure, Eventmanager, Zauberer, Tänzerinnen, Schauspielerinnen, Theaterpädagogen, Comedians. Es war vor Corona, so meldet das Kulturbündnis Alarmstufe Rot, die sechstgrößte Branche des Landes, wenn man die Peripherie aus Hochzeitsfotografen, Schaustellern oder Eventmanagern dazuzählt. Allein mit Liveveranstaltungen setzte man sechs Milliarden Euro im Jahr um. Nun aber stagniert das Publikumsinteresse auf sehr niedrigem Niveau. „Es läuft schlechter als in den Corona-Jahren 2020 und 2021“, sagt der Kabarettist Matthias Brodowy. Angst vor Ansteckung? Das allein kann es nicht sein. Selbst Open-Air-Veranstaltungen verkauften sich nicht. Er appelliert bei Facebook: „Wir brauchen euch!“.

„Die Rahmenbedingungen für wirtschaftlich profitable Veranstaltungen sind miserabel“, sagt Jens Michow, Präsident des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BdKV). Die Branche habe große Angst vor der Zukunft. Derzeit sage sie mehr Konzerte ab als sie durchführe.

Die Gründe für die chronische Verunsicherung sind vielschichtig. Die Kosten für Veranstalter sind enorm gestiegen. Tickets, die 2020 gekauft wurden, bringen 2022 keinen neuen Umsatz – die Shows aber sind viel teurer. Ein nachgeholtes Konzert ist bis zu 30 Prozent teurer; vom Diesel der Trucks über die Saalmiete bis zum Catering für die Crew. So machte das Fusion Festival Ende Juni etwa bis zu zwei Millionen Euro Verlust, trotz 70 000 Besucherinnen und Besuchern. Equipmentverleiher haben dichtgemacht, dringend benötigte Scheinwerfer oder Mischpulte hängen in chinesischen Containern irgendwo auf den Weltmeeren fest.

Und weil sich nicht nur Kellner und Köchinnen in der Krise neue Jobs gesucht haben, sondern auch Beleuchterinnen, Roadies und Rigger, spricht Michow von einem drohenden „personellen Kollaps“. Mögen auf der Bühne tapfer die Puppen tanzen – dahinter herrscht Verzweiflung.

Und die Zuschauerinnen und Zuschauer? Richtig voll sind nur Megaevents und nachgeholte Shows, für die Tausende Menschen längst Karten hatten. Aber warum laufen kleinere Shows so schlecht? „Ich glaube, dass es noch immer einen gewissen Anteil an Menschen gibt, die vorsichtig sind, was Indoorveranstaltungen im Herbst angeht“, sagt Campmann. „Zweitens ist das Geld aktuell weniger wert. Die Leute fragen sich: Wie hoch wird meine Gasrechnung? Worauf kann ich verzichten? Und drittens sind einfach die Kühlschränke noch vollgepinnt mit alten Konzerttickets und Einladungen für verschobene Hochzeiten und runde Geburtstage. All das spielt eine Rolle.“

Bei einer Inflation von 7,5 Prozent im Juli erscheint Kultur verzichtbar im Vergleich zu Milch und Brot. Hinzu kommt: Nachgeholte Konzerte auch von Superstars verstopfen die Eventkalender. Und viele Kunden und Kundinnen warten noch immer auf Rückerstattung für ausgefallene Konzerte. Da investiert man nicht gern in neue in ungewisser Zukunft. Vor allem die Älteren, melden Veranstalter, hätten zudem noch immer Bedenken, was vor allem Theater und Kleinkunstbühnen spürten. Im St.-Pauli-Theater in Hamburg liegt die Auslastung bei 60 Prozent. Wenn die Förderung Ende des Jahres wegfalle, sagt Besitzer Thomas Collien im NDR, werde es für viele Theater schwer zu überleben.

„Der Herbst und der Winter werden sehr hart“, befürchtet auch Campmann. „Jedem, der bis drei rechnen kann, dürfte klar sein: Es wird keine neuen Kulturhilfen geben. Da gibt es ganz andere Baustellen. Da geht es um Gas, um Energiehilfen, um Dinge, die – das muss ich auch als Kulturschaffender sagen – für den sozialen Frieden dringlicher sind. Man kann Geld eben nur einmal ausgeben.“

Die bange Frage auf den Bühnen lautet: Wie nachhaltig ist das Problem? Wird das Publikum eines Tages in alter Stärke zurückkehren? Oder was passiert, wenn eine ganze Generation ihre musikalische Livesozialisation in einer prägenden Zeit ihres Lebens verpasst? Wie soll sich da jemals Loyalität zwischen Fans, Musikerinnen und Musikern entwickeln, die zu anderen Zeiten über Jahrzehnte trägt (und die Stadien der Rolling Stones bis heute füllt)? Nikita Kamprad von der Band Der Weg Einer Freiheit nimmt an, dass sehr viele Menschen während der langen Konzert- und Festivalpause ihre Freizeitinteressen umgestellt haben. Er glaube, sagte er im Bayerischen Rundfunk, „dass sich die Menschen ein Stück weit unbewusst abgewöhnt haben, auf Konzerte zu gehen“.

Das wäre verheerend für die kulturelle Buntheit des Landes. Das „Liveerlebnis“ galt als letzte Bastion, mit der sich die Kulturwelt gegen globale Menschenfischer wie Netflix oder Disney noch würde behaupten können. Die Zukunft des Entertainments liege im Live-Gig, hieß es. Denn der ist nicht kopierbar und bleibt damit einzigartig. Für Megastars wie Robbie Williams scheint das weiterhin zu gelten. In vielen Fällen aber greift Panik um sich.

Wenn sich nur noch Mainstreamshows ab 10 000 Zuschauerinnen und Zuschauern rechnen, gehen zahllose ungeplante Zaubermomente verloren – in der Kleinkunst, im Jazz, im Kabarett, im Varieté oder bei Lesungen. Dann droht ein kultureller Winter, dessen Dauer niemand kalkulieren kann. Viel zu lange hat es zu Beginn der Pandemie gedauert, bis die Politik verstand, dass allein die Förderung von Fixkosten der Kreativbranche mit ihrem besonderen Charakter nicht hilft. Viel zu lange galt die Kultur als lässlicher Luxus der Gesellschaft – nett zu haben, aber nicht lebenswichtig.

Wenn sich die Frage, ob Kultur systemrelevant ist, aber erst beantwortet, sobald man als treuer Kulturkonsument bereits Phantomschmerzen verspürt, ist es womöglich zu spät. Er wünsche sich, sagt Campmann, „dass die Leute, statt das dritte Netflix-Abo plus Disney+ und Amazon Prime abzuschließen, wenigstens einmal im Monat ein Kulturevent besuchen. Dass man sich wieder traut rauszugehen und damit die Vielfalt der Kulturlandschaft unterstützt“. Denn eines sei klar: „Wenn es wirklich einmal leise ist, dann wird’s auch leise bleiben.“

Auch interessant

Kommentare