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Wo die Deutschen sparen

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Von: Johanna Apel

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Ein Apfel am Tag?
Ein Apfel am Tag? © imago images/Shotshop

Zurückhaltung beim Kauf von Fleisch und große Lust aufs Reisen.

Angesichts der steigenden Energiepreise und der hohen Inflation hat sich das Konsumklima in Deutschland deutlich verschlechtert. Nach einer aktuellen Studie des Marktforschungsinstituts GFK hat der sogenannte Konsumklimaindex im Juni ein historisches Tief erreicht. So sparen die Deutschen beispielsweise bei größeren Anschaffungen wie Möbeln oder Elektrogeräten: Hier gaben nach GFK-Erhebungen 22 Prozent der Konsumentinnen und Konsumenten an, weniger zu kaufen als zunächst geplant.

Der Konsumklimaindex wird seit 1991 erhoben. Um ihn zu berechnen, werden Verbraucherinnen und Verbraucher nach Konsum, Einkommen und ihrer Sicht auf die wirtschaftliche Lage gefragt. Und die sind denkbar pessimistisch: Seit Beginn der Erhebung wurde nie ein niedriger Wert gemessen als im Juni 2022.

Deutlich ist der Knick im Konsumverhalten auch bei Lebensmitteln. Hier zeigen jüngste Zahlen des GFK – diesmal aus dem Consumer Index – dass es besonders beim Konsum von Fleisch und Wurst einen Rückgang gab. Im Vergleich zum Mai 2021 seien die Mengen um fast 26 Prozent geschrumpft, heißt es. Hanna Kehl, GFK-Expertin für Verbraucherverhalten, führt das auf die Teuerung zurück, die viele Menschen zurückhaltender einkaufen lässt. Sie gibt allerdings auch zu bedenken, dass im Mai 2021 noch mehr Menschen im Homeoffice gewesen seien und der Außer-Haus-Konsum seitdem zugenommen hat. Konkret heißt das: Wer jetzt öfter in der Kantine isst, kauft manche Waren zu Hause auch seltener ein. Bezüglich des Fleisch- und Wurstkonsums sei auch zu beobachten, dass dieser generell in der Gesellschaft zurückgehe.

Die Deutschen verzichten offenbar aber auch zunehmend auf Obst und Gemüse: In diesem Bereich verzeichnet das Institut im Vergleich zum Mai 2021 ein Umsatzminus von neun Prozent. Auch bei Brot und Backwaren geht er zurück: Dort brach im Mai 2022 der Umsatz im Vergleich zum Mai 2021 um 7,3 Prozent ein. Hier verweist Kehl allerdings ebenfalls auf die Beobachtung, dass die Leute vermehrt außer Haus essen – und somit manche Produkte auch seltener im Einkaufskorb landen.

„Wir sehen, dass zu günstigeren Produkten gegriffen wird“, sagt sie. Außerdem sei zu beobachten, dass sich viele Verbraucher:innen vermehrt nach Rabatt-Angeboten umsehen oder auf Discounter umsteigen. Es ist Kreativität gefragt: „Die Leute werden sehr kreativ, um ihre sozial-ökologischen Ansprüche zu halten, indem ein Haushalt beispielsweise anstatt im Biofachhandel nun Bio-Produkte im Discounter kauft.“

Doch nicht überall geht die Nachfrage zurück: Die GFK-Zahlen zeigen, dass der Reisemarkt boomt. Die Buchungszahlen seien vergleichbar mit 2019, heißt es. Hanna Kehl merkt an, dass es von Mensch zu Mensch variieren kann, wo letztendlich gespart wird. „Was als Luxus definiert wird, ist ganz individuell“, sagt sie. Für die einen sei es eine Reise, auf die sie sich lange gefreut haben, für andere beispielsweise ein alkoholisches Getränk. „Das ist eine hochsensible Frage“.

Ein Blick in die Glaskugel

Kehl hat schon einmal einen Einbruch im Konsumklima erlebt: „Zu Beginn der Pandemie, im Mai 2020, ging das Konsumklima schon einmal drastisch nach unten“, sagt sie. Dennoch gibt es jetzt neue Dimensionen: „Aber was wir jetzt haben, hatten wir so noch nie: Inflation, Krieg und Pandemie“.

Für die kommenden Wochen und Monate sei eine Prognose deshalb schwierig. Das sei wie ein Blick in die Glaskugel, sagt Kehl. So sei das Konsumverhalten von der Entwicklung weiterer Faktoren – wie beispielsweise der Heizölpreise – abhängig.

Um beim Konsumklima eine Trendwende zu erreichen, ist nach GFK-Ansicht nicht nur ein Ende des Ukraine-Krieges entscheidend, sondern vor allem, dass die Inflationsraten „zurückgeführt werden“, wie es in einer Mitteilung heißt. „Hier ist in erster Linie die Europäische Zentralbank gefordert, dies durch eine angemessene Geldpolitik zu begleiten“. Gleichzeitig sollten die Maßnahmen gut abgewogen sein, um die ohnehin schon angeschlagene Wirtschaft nicht in eine Rezession zu schicken.

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