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„Wir sollten Panikmache vermeiden“

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Von: Tim Szent-Ivanyi

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Geflüchtete afghanische Kinder auf einem Friedhof nahe der iranischen Stadt Maschhad.
Geflüchtete afghanische Kinder auf einem Friedhof nahe der iranischen Stadt Maschhad. © imago images/Xinhua

In Afghanistans Nachbarländern fehlt es an Geld, um die Flüchtlinge zu versorgen. Fachleute halten die aktuelle Lage kaum für vergleichbar mit der Situation im Jahr 2015.

Es war Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU), der im Frühjahr 2015 Klartext redete. Es sei eine „Schande“, dass das Welternährungsprogramm in syrischen Flüchtlingslagern die Essensrationen halbieren müsse und viele Familien dort gar nicht mehr versorgt werden könnten, weil das Geld fehle. Zuvor hatte die UN-Organisation angekündigt, die Hilfen für Hunderttausende Flüchtlinge in der Türkei, in Jordanien und im Libanon müssten gekürzt werden, weil die internationale Staatengemeinschaft zu wenig Mittel zur Verfügung stelle.

Die zunehmende Ausweglosigkeit in den Flüchtlingslagern gilt als eine der Ursachen dafür, dass sich im Sommer 2015 Hunderttausende Menschen aus Syrien auf den Weg nach Europa machten. Die Mehrzahl von ihnen wurde schließlich in Deutschland aufgenommen. Die Entwicklungen in Afghanistan wecken nun die Erinnerungen an diese Zeit.

Politiker:innen der großen Koalition mahnen, es gelte, die Fehler von 2015 nicht zu wiederholen. Sie hätten mit dem „mangelnden humanitären Schutz in den Flüchtlingscamps“ des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR begonnen, so Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet am Montag. „Deshalb müssen wir jetzt sehr rechtzeitig das UN-Flüchtlingshilfswerk und alle Institutionen, die rund um Afghanistan humanitäre Hilfe leisten, so unterstützen, dass sich Menschen nicht erst Tausende Kilometer auf den Weg Richtung Deutschland und Europa machen“, forderte der CDU-Politiker.

Tatsächlich ist die Lage in und um Afghanistan prekär. Nach Angaben des UNHCR leben derzeit etwa 1,5 Millionen Flüchtlinge aus Afghanistan in Pakistan, rund 800 000 im Iran und rund 6000 in Tadschikistan. Etwa 3,5 Millionen Afghan:innen sind Binnenvertriebene, also im eigenen Land auf der Flucht. Allein seit Anfang des Jahres flohen laut UNHCR mehr als 120 000 Menschen vor den vorrückenden Taliban in die vermeintlich sichere Region der Hauptstadt Kabul.

Das UNHCR hilft den Flüchtlingen unter anderem mit Zelten und Nahrungsmitteln. Doch die Finanzen reichen längst nicht aus: Den Angaben der Organisationen zufolge sind bisher von der internationalen Staatengemeinschaft nur 43 Prozent aller geplanten Hilfen für Binnenflüchtlinge in Afghanistan finanziert: Von veranschlagten 337 Millionen Dollar (286 Millionen Euro) hat das Flüchtlingshilfswerk erst 144 Millionen Dollar erhalten.

Ähnlich sieht die Lage beim Welternährungsprogramm (WFP) aus, das sich in Afghanistan um die 14 Millionen Menschen kümmert, die zu wenig zu essen haben. Die UN-Organisation schätzt den Bedarf bis Ende des Jahres auf 371 Millionen Dollar, wovon aber erst 125 Millionen Dollar – als etwa ein Drittel – zur Verfügung stehen.

Für Pakistan fehlt ebenfalls Geld: Das UNHCR braucht rund 110 Millionen Dollar, hat aber bisher erst Zusagen über die Hälfte der Summe. Schlimmer noch die Situation im Iran: Hier stehen von veranschlagten 102 Millionen Dollar erst 26 Millionen zur Verfügung.

Angesichts dieser Situation mahnte UN-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi bereits: Die internationale Reaktion auf die tragische Krise in Afghanistan könne sich nicht darauf beschränken, einige wenige Gefährdete zu evakuieren. „Millionen von Menschen, insbesondere Frauen, stehen vor einer ungewissen Zukunft“, sagte er.

Die Migrationsexpertin Victoria Rietig von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik erwartet gleichwohl keine Flüchtlingsbewegung wie 2015. „Wir sollten Panikmache vermeiden“, sagte sie. Nötig seien allerdings Hilfen für die Aufnahmeländer von Flüchtlingen, vor allem für Pakistan und Iran. „Ob die Flüchtlinge in der Region um Afghanistan bleiben oder verstärkt nach Europa gehen, hängt davon ab, wie wir politisch reagieren“, betont Rietig.

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