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„Wir hatten das beste Leben. Dann kam der Krieg“

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Von: Jan Sternberg

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In einem Wald bei Saporischschja stapeln ukrainische Soldaten Haubitzen-Munition.
In einem Wald bei Saporischschja stapeln ukrainische Soldaten Haubitzen-Munition. © dpa

Warum kehren Geflüchtete aus der Ukraine mitten im Krieg zurück? Weil sie Heimweh haben – und weil sich alles besser gemeinsam an einem Ort ertragen lässt, sagt Darina Kostuchenko

Sonntag, 6 Uhr, ein Hostel in Berlin-Charlottenburg: Darina Kostuchenko hat ihre Sachen gepackt. Ein kleiner Rollkoffer, ein Rucksack, ein Beutel, mehr ist es nicht nach drei Monaten im Exil. Um sieben Uhr fährt der Bus ab. Im Fernsehen, in den Telegram-Gruppen flimmern schlechte Nachrichten: Wieder schießen die Russen Raketen auf Kiew, wieder gibt es Luftalarm in Kostuchenkos Heimat, wieder ist der Krieg nah.

Soll sie wirklich fahren? Ihre Großmutter hatte ihr ins Gewissen geredet, hatte ihr fast täglich Artikel in die Familien-Chatgruppe geschickt: Die Russen würden eine erneute Offensive auf Kiew vorbereiten, es sei noch nicht sicher, zurückzukehren. Die Großeltern haben sich entschieden, vorerst in Deutschland zu bleiben. Sie haben eine Wohnung gefunden, sich im Exil eingerichtet. Ihre Enkelin aber will zurück, ihr Freund feiert am Dienstag Geburtstag, sie wollen sich endlich wiedersehen.

Sonntag, 7 Uhr, Zentraler Omnibusbahnhof Berlin: Der Bus startet und Darina ist an Bord. Der grüne Flixbus fährt nach Przemysl in Südostpolen. Seit Kriegsbeginn ist die Grenzstadt die Drehscheibe zwischen der Ukraine und der EU. Spät am Abend fährt hier der direkte Zug nach Kiew ab. Kostuchenko teilt ihr Ziel mit vielen Mitreisenden: „Es waren viele Ukrainerinnen und Ukrainer an Bord“, erzählt die 22-Jährige dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Aus der Flucht vor dem russischen Überfall auf die Ukraine ist längst eine Pendelbewegung geworden. Busse und Züge Richtung Ukraine sind an vielen Tagen ausgebucht. Der polnische Grenzschutz gibt täglich die Zahlen der Grenzübertritte wie Wasserstandsmeldungen an. Seit Kriegsbeginn sind mehr als vier Millionen Menschen aus der Ukraine Richtung Polen ausgereist, mehr als zwei Millionen fuhren in die Gegenrichtung. Aktuell halten sich die Zahlen die Waage: An einem normalen Montag passierten jeweils rund 20 000 Menschen die Grenzkontrollen in beide Richtungen. Am vergangenen Wochenende hat die ukrainische Eisenbahn zwei neue tägliche Nachtzüge von Przemysl in den Fahrplan aufgenommen, einen Richtung Kiew, einen Richtung Dnipro und Saporischschja.

850 719 Geflüchtete aus der Ukraine sind seit Kriegsbeginn bis Mitte Juni im deutschen Ausländerzentralregister erfasst worden. Wie viele davon weitergereist oder zurückgekehrt sind, erfasst die Statistik nicht. „Die meisten Ukrainer kehren zurück, schon längst. Es sind mehr Menschen, die abreisen aus diesem Land, als zu Ihnen kommen“, sagte der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk kürzlich. Man sollte sich in Deutschland Gedanken darüber machen, wieso viele Ukrainer:innen „keine Lust haben, hier zu bleiben“, fügte er hinzu.

Bei der jungen Kiewerin Kostuchenko und ihren ebenfalls zurückgekehrten Freundinnen mischt sich Enttäuschung über Deutschland unter die anderen Motive: Heimweh, Sehnsucht nach dem Freund und den Freunden – und ein Gefühl, dass ein gemeinsames Schicksal besser an einem Ort zu ertragen ist.

„Immer, wenn ich von einem Angriff auf Kiew hörte oder auf Dnipro, wo ich aufgewachsen bin, habe ich alle meine Freunde kontaktiert, weil ich mir Sorgen gemacht habe“, berichtet sie. „Aber für sie war das Alltag und meistens weit weg. Bitte ruf nicht mehr jedes Mal an, haben sie irgendwann gesagt.“ Doch die Sorgen blieben – und das Gefühl, im Exil ausgeschlossen zu sein. „Meine Freundinnen in der Ukraine treffen sich jeden Tag, kochen, unternehmen etwas zusammen. Das Leben geht weiter. Sie fühlen den Krieg, aber sie sind nicht im Krieg.“ Kostuchenko fuhr Ende Mai für ein paar Tage an den Comer See – und dachte lange darüber nach, ob sie Fotos von der Reise in den sozialen Netzwerken zeigen sollte. Vielleicht würde ihr jemand einen Vorwurf machen, dass sie es sich auf der Flucht zu gut gehen ließ.

Sonntag, 21 Uhr, Bahnhof Przemysl Glowny: Die Schlange vor der Passkontrolle ist fast einen halben Kilometer lang, aber sie bewegt sich schnell. In zwei Stunden fährt der Zug nach Kiew. Der IC 716 ist ein moderner Schnellzug aus südkoreanischer Produktion mit Großraum-Sitzwagen. Liegen gibt es nicht für die Fahrt, die bis zum Mittag dauern soll.

Montag, 11.25 Uhr, Bahnhof Kyiv-Passazhyrskyj: „Es ist eine schwere und lange Reise, aber sie lohnt sich“, sagt Kostuchenko. „Viele kehren wie ich zurück nach Monaten im Ausland. In Kiew standen die Männer, Brüder und Söhne am Bahnsteig, um sie willkommen zu heißen. Das war ein sehr schöner Anblick.“ Die 22-Jährige hat ein Tiktok-Video von ihrer Rückreise gedreht und einen Song der ESC-Siegerband Kalush darunter gelegt. „Do domu“, heißt er: Nach Hause.

Doch nach Hause ist nicht die einzige Richtung, in welcher die Menschen aus der Ukraine unterwegs sind. Allein in Berlin kamen am Montag laut Senatsverwaltung 828 Geflüchtete neu an.

Vor dem Berliner Hauptbahnhof steht immer noch ein großes weißes Zelt, die „Welcome Hall“. Täglich wird sie von 2000 bis 3000 Menschen aufgesucht, berichtet Barbara Breuer von der Berliner Stadtmission, welche die Halle betreibt. Es sind Neuankömmlinge, Rückreisende, Hilfesuchende. Die Neuen sind oft zu erkennen an Taschen und Tüten und einem suchenden Blick. 300 bis 500 Menschen pro Tag schicken die Helferinnen und Helfer weiter ins Ankunftszentrum im ehemaligen Flughafen Tegel.

Andere haben ein klares Ziel, sie reisen Verwandten hinterher, die irgendwo in Deutschland eine Bleibe gefunden haben. Einige Dutzend nutzen allabendlich die „Welcome Hall“ als letzte Bleibe vor dem Abschied, verbringen hier eine kurze Nacht und steigen morgens um 5.15 Uhr in den ersten Zug nach Warschau.

Wieder andere wollen bleiben, sie kommen mit Formularen und Aufforderungen der Behörden und suchen Rat. Zurzeit sitzen einige Geflüchtete finanziell auf dem Trockenen: Seit Juni ist das Jobcenter für die Hilfen zum Lebensunterhalt zuständig, nicht mehr die Asylbehörden. Wenn sich die Prüfung verzögert, fließt auch das Geld später.

Am ersten Kriegstag, dem 24. Februar, hatten sich Darina Kostuchenko, zwei Freundinnen und zwei Freunde frühmorgens ins Auto gesetzt. Sie waren vorbereitet, die Taschen seit Tagen gepackt, die Wohnungen geputzt. Nach Putins Reden in den Tagen zuvor begannen sie das zuvor Undenkbare für möglich zu halten. Kostuchenkos Großmutter hatte schon seit Wochen gewarnt und gedrängt: Verlasst das Land! Aber sie blieben. Sie waren jung, hatten gute Jobs in der Medien- und Start-up-Branche der quirligen Hauptstadt. Sie kannten Krieg nur aus den Erzählungen der Weltkriegs-Veteranen, die in der Grundschule in die Klassen kamen. Sie glaubten an das „Nie wieder“ und daran, dass Europa ihnen helfen würde.

Und dann saßen sie im Auto. Im Stau. Stundenlang bewegte sich gar nichts, sie sahen Flugzeuge am Himmel und gepanzerte Fahrzeuge der ukrainischen Armee in der Gegenrichtung. Sie hatten vollgetankt, fuhren 24 Stunden ohne anzuhalten, schauten unentwegt auf ihre Handys. Dann kamen sie an, völlig übermüdet, im Kurort Truskavets in der Westukraine. Er schien weit genug weg von der Front. Doch als auch Lwiw bombardiert wurde, fuhren die Männer ihre Freundinnen an die polnische Grenze und machten ein Abschiedsfoto.

Vorbei war später die Schlacht um Kiew, aber nicht der Krieg. Kostuchenko fuhr zu ihren Eltern, die in Dormagen am Rhein gelandet waren, sie lebten zwei Monate in einer Massenunterkunft in einer Schule. Die Behörden verloren fünf Mal ihre Papiere, sagt die junge Frau. Und als es eine Woche lang nur Sandwiches im Heim gab und sie sich beschwerten, habe die Antwort gelautet: Seid froh, dass ihr nicht im Bunker sitzt. „Wir sind nicht gekommen, weil wir auf der Suche nach einem guten Leben waren“, sagt Kostuchenko. „Wir hatten das beste Leben, das wir uns vorstellen konnten. Und dann kam der Krieg.“

Ihre Freundin Liliia Bondarenko saß mit im Auto auf der Flucht aus Kiew am ersten Tag des Krieges. Sie ist schon seit Wochen zurück in Kiew, sitzt in ihrer Wohnung vor dem Bildschirm für ein Videotelefonat. „Ich hätte in Berlin bleiben können“, sagt Bondarenko. „Ich hatte einen Aufenthaltsstatus, eine Wohnung und einen Job in Aussicht.“ Wochenlang schlug sie sich mit den Papieren herum, dann half sie anderen Geflüchteten bei Behördengängen. „Ich hatte so viel zu tun, dass ich nicht nachdenken musste“, sagte sie. Doch als alles geregelt war, zögerte sie. „Als noch Frieden war, wäre das der Hauptgewinn gewesen: Ich bin in Europa, ich habe es geschafft. Doch nun war Krieg, ich machte mir täglich Sorgen, und es fühlte sich falsch an, zu bleiben.“

Zurück in Kiew schreckte sie am ersten Morgen um 5.30 Uhr der Luftalarm aus dem Schlaf. „Fast täglich heulen die Sirenen“, berichtet sie. „Aber ich habe mich lange nicht mehr so ruhig gefühlt.“ Sie ist den Deutschen dankbar, sagt sie, den vielen freiwilligen Helfern auf dem Weg und in Berlin. Über die deutschen Politiker hingegen kann sie nicht viel Gutes berichten. „Mich interessiert es nicht mehr, ob Scholz jetzt nach Kiew kommt“, sagt sie. „Alles, was Macron und er tun, ist reden und reden und mit Putin telefonieren.“

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