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Dauer-Chaos: Die Bahn ist wieder mal nicht krisenfest

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Von: Jan Sternberg, Matthias Halbig, Johanna Apel

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Mitarbeiter der Deutschen Bahn arbeiten an der Unfallstelle voraussichtlich noch bis zum 16. Dezember. Foto:Moritz Frankenberg/dpa.
Mitarbeiter der Deutschen Bahn arbeiten an der Unfallstelle voraussichtlich noch bis zum 16. Dezember. Foto:Moritz Frankenberg/dpa. © dpa

Das Chaos nach dem Güterzug-Unfall von Gifhorn wirft ein Schlaglicht auf die Probleme der Bahn: Der Fokus liegt auf den Hauptstrecken, was das System anfällig macht.

Am Gleis 14 des Berliner Hauptbahnhofs nimmt eine Reisende die ganze Sache mit Galgenhumor. „Selbst schuld, wenn man da fährt“, sagt die junge Frau, bevor sie ihren Zug nach Düsseldorf besteigt. Fast zwei Stunden mehr Fahrzeit muss sie einrechnen – notfahrplanmäßig. „Katastrophe“, schimpft ihr Begleiter. Dass seine Geduld arg strapaziert wird, lässt sich schon am Infopunkt neben den Rolltreppen erahnen. „Streckensperrung bei Wolfsburg“ steht auf einer weißen Tafel, die über Alternativen informiert und Passagiere auf manchen Umstieg einschwört. Denn wer in diesen Tagen vom Berliner Hauptbahnhof in den Westen fahren will, muss flexibel sein – oder ganz umplanen.

Am Dienstag fuhren die Züge, also diejenigen die nicht ausfielen, von Berlin Richtung Westen immerhin wieder größtenteils pünktlich. Pünktlich, das heißt jetzt: Fahrplanmäßig ist man nun bis zu zwei Stunden länger unterwegs, bekommt dafür aber eine Rundfahrt durch die Altmark und die Rübenregion Niedersachsens geboten, inklusive Zwischenhalten in Stendal, Salzwedel und Uelzen.

Bis zum 16. Dezember, so hat es die Bahn angekündigt, werde die ICE-Strecke zwischen Hannover und Berlin „höchstwahrscheinlich“ gesperrt bleiben. Viele Tausend Fahrgäste aus der ganzen Republik mit Start oder Ziel Berlin müssen nun weitere drei Wochen ihre Pläne ändern.

Fahrgäste, die ihre Reise verschieben möchten, können ihr Ticket laut der Bahn flexibel im Fernverkehr nutzen. „Reisenden wird je nach Abfahrts- oder Zielort in NRW empfohlen, Verbindungen mit Umstieg in Frankfurt bzw. Hamburg als mögliche schnellere Alternative zu prüfen“, teilte die Bahn weiter mit.

Die Ursache für das Dauer-Chaos am Berliner Hauptbahnhof ist schon fast zwei Wochen alt: Am 17. November war um 3.41 Uhr nachts nahe Leiferde im Landkreis Gifhorn in Niedersachsen ein Zug mit gefüllten Propangaskesseln auf einen auf dem Streckenabschnitt stehenden Güterzug aufgefahren. Seitdem ist die Hauptstrecke zwischen Wolfsburg und Hannover gesperrt. Und da auch auf den Umleitungsstrecken via Braunschweig gebaut wird, zuckeln die Hochgeschwindigkeitszüge nun auf dem eingleisigen Abschnitt zwischen Salzwedel und Uelzen über die einstige innerdeutsche Grenze.

Das führt zu weiteren Verzögerungen: Viele Minuten steckt am Dienstagmorgen der ICE 841 von Hannover nach Berlin vor Uelzen fest. „Vor uns ist Stau wegen eingleisiger Strecke“, sagt der Zugbegleiter durch. Die Fahrgäste starren teilnahmslos in den grauen Morgen. Kurz nach Uelzen gibt er die Ankunftszeit für Salzwedel durch. Nach einer Minute schaltet er sich erneut ein: „Laut Fahrplan sollen wir zwischen Uelzen und Salzwedel zwei Minuten brauchen. Das ist natürlich nicht ganz realistisch.“ Zwischen den beiden Bahnhöfen liegen gut 40 Kilometer.

Niemand lacht. Dass Fahrpläne realistisch sind, erwarten Bahnreisende schon lange nicht mehr. Gerade hat sich die Pünktlichkeitsquote der Bahn im Fernverkehr wieder knapp oberhalb von 60 Prozent eingependelt. Im Oktober waren 63,2 Prozent aller Fernzüge nicht mehr als fünf Minuten verspätet. Die Sperrung auf einer der wichtigsten Hauptstrecken wird die Quote höchstwahrscheinlich wieder abstürzen lassen.

An der Unfallstelle im Wald bei Meinersen gehen die Aufräumarbeiten aber immerhin zügig voran. Mittels riesiger mobiler Großfackeln wurde das Gas aus den Propangaskesseln verbrannt. 50 Tonnen Propangas fasst ein Güterwaggon. Die Fachleute der Werksfeuerwehren aus Marl, Ludwigshafen und Dormagen konnten ihren Einsatz am Freitagmittag vergangener Woche abschließen, berichtet Carsten Schaffhauser, Pressesprecher der Freiwilligen Feuerwehr der Samtgemeinde Meinersen, im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Die Freiwilligen Feuerwehren hätten im Anschluss die Einsatzstelle aufgeräumt, die dann am Samstagmittag an die Deutsche Bahn übergeben worden sei. Seitdem seien die Bahnteams im Gange. DB-eigene Schwerlastkräne mit den sprechenden Namen „Phoenix“ (160 Tonnen) und „Bulldog“ (100 Tonnen) sind nahe der Gleise im Einsatz.

Da die Feuerwehr am Montag noch einmal wegen eines Ölaustritts an der aufgefahrenen Lokomotive alarmiert worden sei, konnte Schaffhauser die Kraftpakete in Aktion sehen. „Da hing die Lok auch schon am Kran“, sagt der Feuerwehrsprecher, „und einige der Waggons waren auch schon weg.“ Definitiv gingen die Arbeiten zügig voran, so Schaffhausers Einschätzung.

Ein Besuch an der Unglücksstelle ein paar Tage zuvor ließ ahnen, welche Kräfte wirkten, als die beiden Güterzüge aufeinanderprallten. Der Ort mitten im Wald sah aus wie ein Schlachtfeld, so als habe der liebe Gott auf dem Gleis alle Neune gekegelt. Die gewaltigen Waggons mit ihren Gaskesseln lagen ineinandergeschoben auf der Seite, Radstände waren brutal herausgerissen, links davon schaute über die Waggonwracks des anderen Frachtzugs die grüne „Nase“ der aufgefahrenen Lok.

Die Schuldfrage ist noch nicht abschließend geklärt. „Die Ermittlungen, wie es genau zu dem Unfall kam, laufen derzeit auf Hochtouren, um am Ende der Staatsanwaltschaft übergeben zu werden“, sagt ein Bundespolizei-Sprecher. Auch dass die Aufräumarbeiten lange dauern, ist nachvollziehbar. 30 bis 40 Mitarbeiter:innen von Bahn und Technischem Hilfswerk sind jetzt an der Strecke im Einsatz. „Die ineinander verkeilten Wagen zu lösen war Millimeterarbeit“, sagt ein Bahnsprecher. Der 16. Dezember wird angepeilt und ist vermutlich auch ausreichend.

„Für uns ist unverständlich, wieso die Sperrung noch so lange dauern soll“, kritisiert Daniela Morling vom Netzwerk „Die Güterbahnen“, einem Zusammenschluss privater Cargo-Bahnbetreiber. „Es hieß, dass die Wiederherstellung von Oberbau und Oberleitung nach Beräumung der Unfallstelle vielleicht zwei Tage dauert – das wäre üblich. Vielleicht möchte die DB die Umleiterverkehre offiziell so lange weiterlaufen lassen, um auf jeden Fall früher und nicht später als angekündigt wieder freizugeben“, glaubt Morling. Auch Güterzüge müssen teils extreme Umleitungsstrecken fahren.

Grund für die teils stundenlangen Verspätungen ist erstens Terminpech – und zweitens jahrelange Vernachlässigung. Und hier beginnen die hausgemachten Probleme des Systems Bahn in Deutschland zu wirken. Denn eigentlich hätten die Züge zwischen Berlin und Hannover nur mit geringer Verspätung die Unfallstelle umfahren können – würde nicht gerade in der Region an zwei Ausweichstrecken zugleich gebaut. Zwischen Braunschweig und Wolfsburg ist die so genannte „Weddeler Schleife“ gesperrt, weil hier nach 20 Jahren nun doch ein zweites Gleis verlegt wird. Und auch zwischen Braunschweig und Magdeburg ist aktuell die Strecke dicht.

Nun räche sich zudem, dass die Nebenstrecke Uelzen-Salzwedel nicht früher ausgebaut wurde. 2025 muss die Strecke wieder als Umleitung für die dann wegen Generalsanierung gesperrte Schnellfahrstrecke Hamburg-Berlin dienen. „Die Konzentration auf Hauptnetze ist einfach zu wenig“, kritisiert Güterbahnen-Sprecherin Morling.

Die Generalsanierung ist das Vorzeigeprojekt von Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) und Bahnchef Richard Lutz. Die am stärksten belasteten Strecken sollen zu Hochleistungskorridoren werden. Doch nicht wenigen Verkehrspolitiker:innen graut es bereits vor der Bauphase – weil Ausweichstrecken fehlen oder nicht belastbar sind. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Martin Kröber sagt: „ Uns fehlen Umläufe rund um Baustellen und Unfallstellen. Die Bahn hat seit der Ära Mehdorn so viele Weichen aus dem Betrieb genommen, dass Züge nicht mehr so einfach umgeleitet werden können.“

Der ICE 841 auf seinem morgendlichen Weg durch die Altmark erreicht irgendwann, befreit von seinem illusorischen Fahrplan, die Baumkuchenstadt Salzwedel. „Hier gibt es keinerlei Anschlusszüge“, gibt der Zugbegleiter bekannt.

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