1. Startseite
  2. Hintergrund

Weniger Wohnungen

Erstellt:

Von: Frank-Thomas Wenzel

Kommentare

Rohstoffe wie Holz sind deutlich teurer geworden.
Rohstoffe wie Holz sind deutlich teurer geworden. © dpa

Die Immobilienbranche und Gewerkschaften schlagen Alarm -und fordern einen Kraftakt von der Bundesregierung.

Bezahlbarer Wohnraum wird dringend benötigt. Doch statt mehr wird weniger gebaut. Und die Anzeichen werden deutlicher, dass in der Baubranche eine Art perfekter Sturm aufzieht. Die Immobilienbranche und Gewerkschaften schlagen Alarm. Und fordern einen Kraftakt von der Bundesregierung. „Die Ampel ist heute immerhin genau 166 Tage im Amt. Doch von einer Umbau-Offensive: keine Spur“, sagt Robert Feiger, Chef der Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt.

Das Statistische Bundesamt (Destatis) hat am Montag ernüchternde Zahlen vorgelegt. Im vorigen Jahr wurden nur rund 293 000 neue Wohnungen fertiggestellt. Das sind gut vier Prozent weniger als in den zwölf Monaten davor. Damit ist ein positiver Trend, der seit 2011 wirksam war, abgerissen. Dabei hatte sich die alte schwarz-rote Bundesregierung noch für 2021 vorgenommen, die Zahl auf 350 000 nach oben zu schrauben, die Ampel-Koalitionäre haben sogar auf 400 000 erhöht.

Und auch für dieses Jahr sieht es nicht gut aus. Die Zahl der Baugenehmigungen ist rückläufig – um etwa vier Prozent. Im März waren es sogar neun Prozent weniger als im Vorjahresmonat. „Diese Trends können leichte Besorgnis auslösen.“ So vorsichtig formulieren es die drei Verbände der Immobilienwirtschaft (ZIA, IVD, VDIV) in einer gemeinsamen Mitteilung.

Und eine Baugenehmigung bedeutet noch nicht, dass dann auch gebaut wird. Die Destatis-Fachleute weisen darauf hin, dass sich der „Bauüberhang“ deutlich vergrößert hat. Damit sind die genehmigten aber noch nicht fertiggestellten Wohnungen gemeint. Deren Zahl ist im Jahr 2021 um 67 000 auf rund 846 000 gestiegen.

Die Wiesbadener Statistiker:innen führen als Begründung „angebotsseitige Störungen“ an. Gemeint sind Lieferengpässe und Rohstoffknappheit, was die Preise in die Höhe getrieben hat.

Inzwischen sind die Folgen des Ukraine-Krieges noch dazu gekommen. Die Materialengpässe am Bau hätten sich nochmals deutlich verschärft. Gleichzeitig hätten sich die Erwartungen in der Branche dramatisch verschlechtert, meldete das Ifo-Institut schon Ende April. Russland und die Ukraine waren insbesondere wichtige Lieferanten für Holz und Baustahl.

Leben im Parkhaus

Zudem wird die Finanzierung von Projekten teurer. Nach den Daten des Internetportals Interhyp sind die Bauzinsen von durchschnittlich 1,3 Prozent zu Jahresbeginn enorm schnell auf gut drei Prozent geklettert. Die Folge: Der Ifo-Umfrage zufolge ist die Zahl der Auftragsstornierungen von März auf April schon deutlich gestiegen. Dahinter stecken Vorhaben die geplatzt sind, weil sie zu teuer geworden sind.

Die drei Immobilienverbände machen darauf aufmerksam, dass mit der Ankunft hunderttausender flüchtender Menschen aus der Ukraine sich der Bedarf nach bezahlbarem Wohnraum deutlich erhöht habe.

Was tun? Das Trio verlangt gemeinsam mit dem Hauptverband der Bauindustrie ein Aktionsprogramm mit zehn Punkten. Unter anderem soll es einen Material- und einen Finanzierungsgipfel geben.

Es werden dringlich bundesweit vereinheitlichte und einfache Baugenehmigungs- und Planungsverfahren angemahnt – auch um das Personal in den Kommunen zu entlasten. Um schnell neuen Wohnraum zu schaffen, gelte es in Städten nicht nur Lücken zu schließen, sondern auch zu verdichten, Gebäude aufzustocken und umzunutzen“, sagte Carolin Hegenbarth, Geschäftsführerin des Immobilienverbandes Deutschland (IVD).

IG-Bau-Chef Feiger haut in die gleiche Kerbe. Ihm liegen dabei günstige Behausungen besonders am Herzen: Die Politiker seien gut beraten, auf Umnutzung zu setzen. Millionen Wohnungen könnten mit dem Umbau von Büros oder Parkhäusern sowie der Dachaufstockung von Altbauten geschaffen werden. Feiger macht sich für ein „Sonderpaket sozialer Wohnungsbau“ von Bund und Ländern stark. Allein die Reduzierung der Mehrwertsteuer von 19 auf sieben Prozent beim sozialen Wohnungsbau würde einen „enormen Zuschusseffekt bringen.“

Kommentar Seite 11

Auch interessant

Kommentare