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Wasser mit schlechtem Image

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Von: Christoph Höland

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Eine Menge Plastik.
Eine Menge Plastik. © AFP

Nestlé nimmt die stark kritisierte Marke Vittel vom deutschen Markt. Womöglich ist das ein Erfolg für Umweltschützer:innen – über den der Lebensmittelkonzern nur ungern spricht.

Wenn Grundwasser durch französisches Vulkangestein gesprudelt ist, muss es gut sein: So dachten über Jahrzehnte deutsche Verbraucher:innen, die Vittel zum zweitbeliebtesten stillen Mineralwasser in der Bundesrepublik gemacht haben. Nun will Nestlé aufhören, den deutschen Markt mit den populären Plastikflaschen zu beliefern. Womöglich ist das ein Erfolg für Umweltschützer:innen – über den der Lebensmittelkonzern nur ungern spricht.

Dass das Geschäft mit Vittel und der kleineren Marke Contrex in Deutschland und Österreich eingestellt wird, bestätigte ein Sprecher von Nestlé Waters dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Statt auf Privatkunden setzt der Konzern stärker auf Marken wie S. Pellegrino und Acqua Panna für die Gastronomie. Ein „fokussierter Ansatz, der das Out-of-Home-Geschäft stärkt und kommende Verbrauchertrends aufnimmt“, wie es bei Nestlé heißt.

Was genau die Trends sein könnten, beschreibt Nestlé nicht. Die Deutsche Umwelthilfe dagegen erklärt den Strategiewechsel vor allem mit wachsendem Umweltbewusstsein. 2019 hatte sie Nestlé wegen der Einweg-Plastikflaschen mit langem Transportweg bereits den Negativpreis „Goldener Geier“ verliehen. 2020 folgte eine Petition mit knapp 160 000 Unterschriften.

Doch beim „Plastik-Bashing“, wie es der deutsche Nestlé-Waters-Chef Marc Honold damals nannte, blieb es nicht: Aus dem Boden gepumpt wird Vittel im gleichnamigen Ort in den westfranzösischen Vogesen. Einst ein bekanntes Heilbad, machte es zuletzt wegen des sinkenden Grundwasserspiegels Schlagzeilen. Und dann entdeckten Umweltschützer:innen in der Umgebung auch noch mehrere illegale Mülldeponien voller Plastikflaschen von Vittel. „Das ramponierte Image hat eine Rolle gespielt, das wissen wir aus Branchenkreisen“, sagt Thomas Fischer von der Umwelthilfe.

Schmale Gewinnmarge

Gründe für den Vittel-Rückzug finden sich aber auch in der Nestlé-Bilanz. Die Wassersparte hat mit neun Prozent die mit Abstand niedrigste operative Gewinnmarge. Süßgetränke bringen es hingegen auf 23,5 Prozent, Milchprodukte und Speiseeis auf 25,3 Prozent und Fertiggerichte immerhin auf 16,8 Prozent. Schon länger betont deshalb Nestlé-Chef Mark Schneider, dass sich die Wassersparte auf das Geschäft mit Premiummarken wie eben S. Pellegrino konzentrieren werde.

Weniger lukrative Geschäfte überlässt Nestlé der Konkurrenz. Für 4,3 Milliarden Dollar verkaufte das Unternehmen im vergangenen Jahr etliche regionale Wassermarken in den USA, in China lief es ein Jahr zuvor ähnlich. Nun folgt – französischen Medienberichten zufolge gegen Ende des Sommers – der Vittel-Rückzug vom hiesigen Markt, in Frankreich wird Vittel aber weiterhin erhältlich sein.

Auf dem deutschen Markt ist das Umfeld ohnehin rauer geworden: Nicht zuletzt wegen der Schließung der Gastronomie in der Pandemie ist der Mineralwasserkonsum zuletzt deutlich gesunken, wie es beim Zentralverband der Mineralwasserhersteller heißt. Hierzulande hat Lidl das Nestlé-Wasser schon im Herbst 2021 ausgelistet.

Aus Fischers Sicht stellt das allerdings kaum eine Verbesserung dar: Denn stattdessen verkauft der Discounter nun Volvic von Nestlé-Konkurrent Danone. Dessen Einwegflaschen werden Fischer zufolge noch 400 Kilometer weiter gefahren. „Der Zirkus mit französischem Wasser in Plastikflaschen ist überflüssig wie ein Kropf“, ärgert sich der Umweltschützer.

Fischer rät Verbraucherinnen und Verbrauchern deshalb zu hiesigen Produkten: „Es gibt in Deutschland rund 150 regionale Brunnen, die nicht nur bezüglich des Transports und der Mehrwegverpackung, sondern auch bei der Wasserentnahme nachhaltig sind.“ Dabei weiß er die Stiftung Warentest an seiner Seite: Die hat im vergangenen Jahr diverse stille Mineralwässer verglichen. Testsieger waren nicht die französischen Plastikflaschen, sondern hierzulande abgefüllte Hausmarken von Discountern.

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