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„Was heißt springen?“

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Von: Jan Sternberg, Tobias Peter

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Gemischte Schulklasse in Hildesheim. Nach den Kriegs- und Fluchterfahrungen ist das Erleben von Normalität wichtig.
Gemischte Schulklasse in Hildesheim. Nach den Kriegs- und Fluchterfahrungen ist das Erleben von Normalität wichtig. © epd-bild/Nancy Heusel

Wie ukrainische Lehrkräfte in Deutschland geflüchtete Kinder unterrichten.

Jeden Schultag beginnt Liudmyla Mashkova mit einer kurzen Abfrage unter ihren Schülerinnen und Schülern. Was habt ihr von euren Verwandten gehört? Hat jemand schlechte Nachrichten, hat jemand gute Nachrichten? Die 37-jährige Kiewerin teilt ein Schicksal mit dem guten Dutzend Jugendlicher zwischen zwölf und 16 Jahren in ihrer Klasse im Potsdamer Helmholtz-Gymnasium. Sie alle sind vor dem Krieg in der Ukraine geflohen. Sie alle wissen nicht genau, wie es weiter gehen soll in Deutschland. Also lernen sie jetzt erst einmal Deutsch, fünf Stunden am Tag.

Die Lehrbücher eines deutschen Fachverlags hat Mashkova bereits in Kiew genutzt, auch die Software für Computer und Beamer hat sie bereits verwendet. Dort hat sie Jugendlichen und Erwachsenen Deutsch beigebracht. Als sie im März in Potsdam ankam, wusste die zierliche Frau mit Kurzhaarschnitt und dunkler Brille sofort, was sie wollte. „Ich war mir sicher, ich kann hier helfen, ukrainische Kinder zu unterrichten. Und ich wollte meine zwei Kinder in Sicherheit bringen.“ Drei Tage war sie mit dem Auto unterwegs. In Potsdam hat sie Verwandte, dort konnten die drei zunächst unterkommen.

Mashkovas Mann kämpft beim Militär. Sie telefonieren fast täglich, darüber sprechen darf sie nicht. Bei Kriegsbeginn floh die ganze Familie erst einmal aufs Land ins Haus der Großeltern, 14 Personen auf engstem Raum, nichts zu tun, und die Befürchtung, dass die Russen näher kommen könnten. Ein Jahr lang wolle sie jetzt in Deutschland unterrichten, sagt Mashkova, und dann weitersehen.

42 Lehrkräfte und pädagogisches Personal aus der Ukraine hat Brandenburg bislang eingestellt. Bundesweite Zahlen gibt es nicht, aber alle Bundesländer werben um Lehrerinnen und Lehrer aus der Ukraine und stellen ein, einige schon seit März, andere erst jetzt.

Vorbereitungsgruppen wie die altersgemischte Klasse, die Liudmyla Mashkova unterrichtet, sind deutschlandweit die Ausnahme. Geflüchtete Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine lernen einer Umfrage zufolge in Deutschland vorrangig gemeinsam mit Schüler:innen aus Deutschland und nicht in gesonderten Klassen. In einer repräsentativen Befragung von Lehrkräften für die Robert-Bosch-Stiftung gaben 78 Prozent derjenigen, deren Schulen bereits ukrainische Kinder oder Jugendliche aufgenommen haben, an, dass diese ganz oder teilweise in Regelklassen unterrichtet würden. Ausschließlich Unterricht in separaten sogenannten Willkommensklassen gab es lediglich bei 18 Prozent der Befragten.

Im Umfrage-Zeitraum Anfang bis Mitte April hatten die Schulen in Deutschland nach Erhebungen der Kultusministerkonferenz etwa 60 000 Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine aufgenommen. In der ersten Woche im Mai gab es nach Daten der Kultusministerkonferenz mehr als 105 000 geflüchtete Kinder und Jugendliche aus der Ukraine, die an allgemeinbildenden oder berufsbildenden Schulen aufgenommen worden sind. Die meisten von ihnen, mehr als 101 000, wurden nach Angaben der Länder auch bereits unterrichtet.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert eine schnelle Integration von geflüchteten Kindern und Jugendlichen in den normalen Unterricht. „Mit Blick auf das kommende Schuljahr muss sichergestellt sein, dass die Kinder und Jugendlichen, die aus der Ukraine geflüchtet sind, in den Regelunterricht an den Schulen in Deutschland integriert werden“, sagt GEW-Chefin Maike Finnern dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Willkommens-, Intensiv- oder Sprachklassen können nur eine Übergangslösung sein.“

Nach den traumatischen Kriegs- und Fluchterfahrungen sei es wichtig, den Schülerinnen und Schülern wieder Normalität anzubieten und den sozialen Kontakt zu Gleichaltrigen zu ermöglichen, sagte sie zur Begründung. Das klappe jedoch nur, wenn Regel-, Sprach- und Willkommensklassen nicht dauerhaft völlig überfüllt seien und die Fördermaßnahmen längerfristig liefen. „Für ein gutes Integrationsangebot, zu dem auch herkunftssprachlicher Unterricht gehört, brauchen die Schulen dringend Unterstützung: mehr Personal, zusätzliche Räume und eine Aufstockung der Sachmittel lauten die Forderungen an die Politik.“

In ihrer Klasse laufe der Unterricht trotz der Altersunterschiede gut, sagt Liudmyla Mashkova. „Die Älteren helfen den Jüngeren, und diejenigen, die bereits in der Ukraine Deutschunterricht hatten, helfen denjenigen, die ganz am Anfang stehen.“ Mit den gleichaltrigen deutschen Schülern kommen Mashkovas Schützlinge bisher nur zur Sport-AG am Nachmittag zusammen.

Die Schülerinnen und Schüler lernen in einem Schwebezustand. Viele halten über Videokonferenzen noch Kontakt zu ihren alten Klassen, einige legen dort auch Prüfungen ab, dafür werden sie von Mashkova freigestellt. Bis zu den Sommerferien will sie mit der Gruppe das A1-Niveau erreichen. Ein ehrgeiziger Plan, schließlich haben sie auch erst nach Ostern angefangen. Aber dann hätten die Schülerinnen und Schüler etwas in der Tasche, egal, wo es sie nach den Ferien hin verschlägt. „Was heißt springen?“, fragt ein Mädchen, Mashkova antwortet auf Ukrainisch. „Was heißt Gitarre spielen?“, fragt ein Junge kurz drauf. Die Jugendlichen sollen bei einem Würfelspiel deutsche Sätze bilden, sie haben ein Blatt mit Pronomen und Tätigkeiten vor sich.

Die 16-jährige Lena muss nicht nachfragen. Das Mädchen mit dunklen Zöpfen und großer Brille hat bereits zu Hause in Odessa Deutschunterricht gehabt. Die Familie will in Deutschland bleiben, die Mutter ist Ärztin. Auch Lena bereitet sich auf einen Abschluss in Deutschland vor.

Der Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann, warnt: „Die Schulen sind personell seit zwei Jahren am Limit.“ Er fordert: „Mit Blick auf das kommende Schuljahr brauchen Schulen, insbesondere jene, die zusätzlich ukrainische Kinder und Jugendliche aufgenommen wurden, dringend Unterstützung durch zusätzliche Lehrkräfte, unter anderem auch durch die Einstellung geflüchteter ukrainischer Lehrkräfte.“ Aber auch der Einsatz von multiprofessionellen Teams sowie von Dolmetscherinnen und Dolmetschern müsse schnellstmöglich ausgebaut werden.

„Wir werden in den Schulen zu Beginn des neuen Schuljahres weiterhin sowohl die Auswirkungen der Pandemie als auch den Zuzug aus der Ukraine spüren“, sagt Beckmann. „Die politisch Verantwortlichen sind in der Pflicht, vor Beginn des neuen Schuljahrs schonungslos offenzulegen, zu welchen Einschränkungen es angesichts des nicht kurzfristig aufzulösenden Personalmangels und der fehlenden Raumkapazitäten kommen wird“, fordert er. „Es kann und darf nicht allein Aufgabe von Schulleitungen und Lehrkräften sein, derartige Zusammenhänge vermitteln und hierdurch entstehende Konflikte bewältigen zu müssen“, sagte Beckmann.

Niemand weiß genau, wie groß die Herausforderung für das deutsche Schulsystem sein wird. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Karin Prien (CDU), hat vorgerechnet, Deutschland müsse sich auf bis zu 400 000 geflüchtete Schüler einstellen und bräuchte dafür 24 000 Lehrkräfte.

Das Credo von Prien und den anderen Bildungsministerinnen und Ministern in den Ländern: Integration ist untrennbar mit dem Erlernen der deutschen Sprache verbunden. Allen ist klar: Es weiß zwar momentan niemand, wie lange die Menschen bleiben. Aber bei Kindern, die Anfang des nächsten Schuljahres noch da sind, könnten es – das ist allen bewusst – mehrere Jahre sein. Es gelte, die Fehler zu vermeiden, die man früher bei Integrationsfragen gemacht habe, heißt es aus dem Kreis der Minister:innen. Im Kern müsse man die Sache von Anfang an so angehen, als blieben sie länger hier.

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