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Was bleibt von Boris Johnson?

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Von: Susanne Ebner

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Flotten Schrittes ist Boris Johnson unterwegs – aber in nur wenigen Tagen nicht mehr in der Downing Street.
Flotten Schrittes ist Boris Johnson unterwegs – aber in nur wenigen Tagen nicht mehr in der Downing Street. © Daniel Leal/afp

Nächste Woche wird der britische Premier abtreten. Wie es für ihn weitergeht, ist unklar.

Vor einigen Tagen fuhren Umzugswagen vor der Downing Street Nummer 10 in London vor, um die Habe des Noch-Premierministers Boris Johnson abzuholen. Dieser darf bis zum endgültigen Auszug Anfang September jene Möbel mitnehmen, die er während einer umstrittenen Renovierung seit 2020 selbst bezahlt hat – darunter goldene Tapeten im Wert von umgerechnet 980 Euro pro Rolle. Ein Nutzer auf Twitter scherzte, dass eine Organisation zum Schutz von Kulturgütern Interesse an dem Wandschmuck habe. Schließlich sei sie ein Beispiel für den „Narzissmus und die Wahnhaftigkeit der Eliten der 2020er Jahre“.

Tatsächlich steht die Tapete sinnbildlich für Johnson, seinen opulenten Lebensstil, dafür, dass er schon als Kind „König der Welt“ werden wollte. Noch kurz vor seinem Sturz Anfang Juli hatte er angekündigt, für weitere zehn Jahre im Amt zu bleiben. Zu einer Zeit, als er die konservative Partei durch seinen von Lügen, Halbwahrheiten und leeren Versprechungen geprägten Führungsstil längst geschädigt hatte. Zerstörtes Vertrauen in die Demokratie ist damit eines der Vermächtnisse eines Premierministers, der Großbritannien polarisiert wie kein Zweiter. Doch was bleibt von seiner nur drei Jahre dauernden Amtszeit?

„Sein Vermächtnis ist der Brexit“, sagte Steven Fielding, Politologe an der University of Nottingham. „Das kann man ihm nicht nehmen.“ Tatsächlich hat Johnson durch seine Unterstützung für die „Leave-Kampagne“ maßgeblich dazu beigetragen, dass eine Mehrheit der Briten im Jahr 2016 für den Austritt aus der EU stimmte. 2019 brachte er der konservativen Partei mit seinem Versprechen, den Brexit durchzuboxen, einen haushohen Sieg ein und führte das Land ein Jahr später aus der EU. Offen bleibt laut Fieldings, „ob dies gut oder schlecht ist“. Neue Zoll- und Regulierungsschranken behindern den Handel zwischen Großbritannien und den 27 EU-Staaten. Das von Johnson und anderen Befürwortern gegebene Versprechen, dass die Wirtschaft dynamischer werde, hat sich nicht bestätigt. Im Gegenteil: Die Beziehung zur EU hat sich durch den Streit über das Nordirlandprotokoll weiter verschlechtert.

In die Geschichtsbücher wird Johnson auch als derjenige Premierminister eingehen, der während der Pandemie regiert hat und im April 2020 selbst schwer an Covid-19 erkrankte. Laut Victoria Honeyman, Politologin an der University of Leeds, liegt die Bilanz der Pandemie in Großbritannien „im Auge des Betrachters“. So verzeichnete das Land einerseits mit die höchsten Todeszahlen in Europa, auch weil die Regierung zögerte, im Frühjahr 2020 einen ersten Lockdown zu verhängen. Gleichzeitig wird das britische Impfprogramm wegen seiner Effizienz von vielen Britinnen und Briten als großer Erfolg angesehen.

Johnson selbst hat sein Urteil über seine eigene Amtszeit schon gefällt. Er sagte anlässlich seines letzten Auftritts im Parlament im Juli, dass er seine „Mission überwiegend erfüllt“ habe, rühmte sich für die Unterstützung der Ukraine und schloss mit dem Satz: „Hasta la vista, Baby“, „auf Wiedersehen“.

Plant Johnson ein politisches Comeback? Rory Stewart, einst Abgeordneter der Tories, hält seine Rückkehr für möglich. Anhänger bekräftigten Johnson darin wiederzukommen, sogar ein Misstrauensvotum gegen Liz Truss sei im Gespräch, die ihm wohl in der Downing Street nachfolgen wird. Nur wenige Wochen nach seinem Sturz macht sich offenbar Abschiedsschmerz breit, trotz allem.

Jetzt aber muss Johnson erst einmal Geld verdienen, um seine große Familie zu finanzieren. Schließlich hat er mit seiner dritten Frau Carrie zwei und aus seiner zweiten Ehe sowie einer Affäre fünf weitere Kinder. So verhandelt er offenbar mit Verlegern über ein Buch, welches auf seinen Erinnerungen an seine Zeit in der Downing Street basieren soll. Experten nehmen an, dass er auch Reden halten wird. Verlangen könne er pro Auftritt umgerechnet wohl 290 000 Euro.

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