„Die beiden Bilderwelten überlagern sich zum Glück nicht“, sagt Volker Kutscher über die TV-Serie und seine Romane.
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„Die beiden Bilderwelten überlagern sich zum Glück nicht“, sagt Volker Kutscher über die TV-Serie und seine Romane.

Volker Kutscher

„Für viele meiner Figuren wird es nicht gut ausgehen“

  • Jan Sternberg
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Volker Kutscher über den achten Roman seiner Gereon-Rath-Reihe, Grenzverletzungen in Sprache und Handeln und seine Angst vor dem zweiten Lockdown.

Herr Kutscher, mit dem achten Gereon-Rath-Kriminalroman „Olympia“ sind Sie jetzt am Schauplatz des Jahres 1936 angekommen. Die Spielräume für Ihre Hauptfigur, den unkonventionellen und unpolitischen Kriminalbeamten, werden im Nazi-Deutschland immer enger, die Drohungen immer konkreter. Ursprünglich hatten Sie geplant, die Serie hier enden zu lassen. Bleibt es dabei?

Nein, die Rath-Reihe wird vor dem historischen Hintergrund der Pogromnacht im November 1938 ihren Abschluss finden. Gereon Rath wird nach 1936 nicht mehr bei der Kriminalpolizei arbeiten können, daher wird dieser letzte Band weniger ein klassischer Kriminalfall werden. Aber ich kann nicht 1936 aufhören, zu einem Zeitpunkt, wo das Regime die Gelegenheit der Olympischen Spiele ergreift, um eine große Propagandakulisse aufzufahren. Ich muss mit meinen Figuren noch zum Zivilisationsbruch des Jahres 1938, bei dem auch dem letzten „Unpolitischen“ klar wurde, dass die nationalsozialistischen Machthaber auf den Weltkrieg und den Holocaust zusteuern, auf die große Menschheitskatastrophe. Das wird bitter, und für viele meiner Figuren wird es nicht gut ausgehen, aber nur da kann ich die Reihe abschließen.

Die Kulisse des Olympiajahres hat Sie besonders gereizt. War es denn beim Schreiben möglich, die Bilder der Propaganda zu durchbrechen?

Raths Aufgabe in diesem Band ist es, dafür zu sorgen, dass dieses Propaganda-Bild keine Kratzer bekommt – er ermittelt in einem ungeklärten Todesfall im Olympischen Dorf. Natürlich sind die Olympischen Spiele 1936 eine dankbare Kulisse für einen Schriftsteller. Aber ich habe beim Schreiben gemerkt, wie stark die Propaganda bis heute nachwirkt – in der Erinnerung vieler Zeitgenossen über Leni Riefenstahls Filmbilder bis hin zu Jesse Owens, dem es in Berlin nach der Legende sehr gut gefallen hat – die Propaganda der Nazis hat sich durchgesetzt, bis heute. Berlin gab sich noch einmal weltstädtisch, die „Stürmer-Kästen“ wurden abmontiert, in den Bars spielte man weltläufigen Swing – das alles wollte ich schildern. Und gleichzeitig wurde das Konzentrationslager Sachsenhausen errichtet, nur ein paar Kilometer von der Olympiastadt entfernt. Sachsenhausen war das Vorbild, die Blaupause für alle KZs, die danach kamen. Auch das kommt im Buch vor.

Wenn Sie erst 1938 enden, wird es insgesamt zehn Gereon-Rath-Romane geben – vier spielen in der Weimarer Republik, sechs in der Nazizeit. Die Fernsehserie „Babylon Berlin“, deren vierte Staffel gerade gedreht wird, endet auf jeden Fall 1933. Ist das ein Vorteil für Sie, dass die Fernsehbilder Sie beim Schreiben nicht einholen können?

Die beiden Bilderwelten überlagern sich zum Glück nicht. Ich hatte die Befürchtung, dass mich die Fernsehbilder so überwältigen, dass sie meine Fantasie-Bilderwelt überlagern. Aber das ist nicht geschehen. Die Welt der Rath-Romane ist meine Welt geblieben, und die muss ich nun zum Abschluss bringen. Ich beschäftige mich schon seit 17 Jahren damit. Die Regisseure von „Babylon Berlin“ legen mir die Drehbücher vor und ich kann meine Meinung dazu äußern, ein Vetorecht habe ich aber nicht.

Als Sie vor 17 Jahren anfingen, war die Weimarer Zeit weit weg – durch die politischen Verwerfungen der vergangenen Jahre, vor allem den Aufstieg der AfD, hat sich das massiv geändert. Nun stagniert die AfD, sie wird eine Nischenpartei bleiben. Wird die Angst vor Weimarer Verhältnissen jetzt abnehmen?

Die Grenzverletzungen in der politischen Kultur, die Verrohung des Denkens und der Sprache, für die die AfD und das neurechte Milieu verantwortlich sind, bleiben doch. Sie haben Begriffe in den Sprachgebrauch gebracht, die aus der NS-Propaganda stammen und nun nicht mehr weggehen. „Lügenpresse“, „Systempolitiker“, „völkisch“, das wabert weiter und wir müssen uns dem entgegenstellen.

Aber wie genau?

Durch einen Patriotismus, der eben nicht völkisch und ethnisch denkt, sondern das verteidigt, wofür diese Demokratie steht und worauf sie fußt – das Grundgesetz nämlich. Meine weibliche Hauptfigur Charly ist so eine Verfassungspatriotin – sie hält auch nach der Machtübernahme das demokratische Preußen hoch, das ja kein ganz schlechtes Konstrukt war.

In „Olympia“ trägt sich Charly zum ersten Mal mit dem Gedanken, dieses Deutschland zu verlassen…

… was sie bisher immer ausgeschlossen hatte, da sie es für Feigheit hielt, die Hoffnung auf bessere Zeiten aufzugeben. Aber die Situation, in die Gereon Rath im Laufe des neuen Falls gerät, ändert vieles.

Zurück zur „Neuen Rechten“ der Gegenwart: Der S. Fischer-Verlag hat sich von seiner langjährigen Autorin Monika Maron getrennt, weil sie in einer Reihe des Buchhauses Loschwitz in Dresden publiziert hat, das eng mit dem rechtsradikalen Hotspot in Schnellroda um Götz Kubitschek und Ellen Kositza zusammenarbeitet. Die Reihe hieß ausgerechnet „Exil“. Was ist da aus Ihrer Sicht geschehen?

Wer weiß das schon, da spielen sicherlich viele Dinge eine Rolle. Maron hätte diesen Band dort nicht publizieren dürfen, das ist klar. Sie ist mit der Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen befreundet, das macht die Sache schwieriger. Vielleicht ist das ein Dilemma unserer Zeit: Wie reagiert man, wenn sich eine gute Freundin Richtung Rechtsextreme, Richtung Identitäre entwickelt?

Die politischen Verwerfungen in der Corona-Pandemie führen dazu, dass dieses „Dilemma unserer Zeit“, wie Sie es nennen, immer öfter auftritt: Wie reagiert man, wenn eine gute Freundin etwa bei den „Querdenkern“ oder bei Attila Hildmanns rechtsextremen Fantasien andockt?

Bei den Corona-Demos sind viel zu viele bedenkenlos mitgelaufen. Eigentlich ist es doch ganz einfach: Man nimmt nicht mit Nazis und Rechtsextremen an einer Demonstration teil, ganz gleich um welches Thema es geht. Das galt schon in Chemnitz, das gilt auch für Berlin. Die Anfälligkeit für Verschwörungsgeraune jedenfalls nimmt gerade massiv zu.

Und der zweite „Lockdown light“ hat gerade erst begonnen. Wie gehen Sie damit um?

Eigentlich hätte jetzt direkt nach Erscheinen des Buches meine Lesereise begonnen, doch nun müssen die Lesungen verschoben oder abgesagt werden. Aber ich bin in der komfortablen Situation, dass ich nicht einen Großteil meiner Einkünfte aus Lesungen bestreite – solche Autoren gibt es aber auch. Andere Kulturschaffende wie Musiker, Schauspieler, DJs, aber auch Techniker, Veranstalter, Kinobetreiber leiden viel mehr. Viele haben einen enormen Aufwand betrieben, um mit Hygienekonzepten den Betrieb einigermaßen aufrecht halten zu können, und nun müssen sie wieder als erste dran glauben. Unterm Strich war die Entscheidung wahrscheinlich richtig, jetzt wieder das öffentliche Leben herunterzufahren, aber ich befürchte, dass die Akzeptanz für die Maßnahmen geringer ist als im Frühjahr. Und wir haben nicht den Sommer, sondern die dunkle Jahreszeit vor uns.

Interview: Jan Sternberg

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