1. Startseite
  2. Hintergrund

Vier Tage Arbeit, fünf Tage Gehalt - geht das?

Erstellt:

Von: Thoralf Cleven

Kommentare

Rush Hour in London.
Rush Hour in London. © afp

In Großbritannien testen Unternehmen die verkürzte Woche. Erste Ergebnisse liegen nun vor.

Richard Nixon ist den meisten Menschen als skrupelloser US-Politiker bekannt, der letztlich 1974 infolge des Watergate-Skandals als US-Präsident zurücktreten musste. Doch der Republikaner hatte in seiner politischen Karriere auch überraschende Visionen.

1956, Nixon war damals Vizepräsident unter Dwight D. Eisenhower, prophezeite er, dass in „nicht allzu ferner Zukunft“ die viertägige Arbeitswoche für Beschäftigte normal sei. Heute, 66 Jahre später, ist im Westen die Fünf-Tage-Woche noch Normalität. Doch die Arbeitswelt ist nicht zuletzt in Folge der Pandemie und der verzweifelten Suche nach Fachkräften im Umbruch.

Dabei geht es nicht nur um die Möglichkeit, im Home- oder Mobile-Office zu arbeiten. Rekruter berichten immer häufiger, dass umworbene Spezialisten auf ihre Work-Life-Balance pochen – zu deutsch: sie bestehen auf die Vereinbarkeit von Hobbys, Familie und Beruf.

In Großbritannien startete im Juni das weltgrößte Pilotprojekt in einem Industrieland für eine viertägige Arbeitswoche mit gleichbleibenden Gehalt. Daran beteiligen sich bis Ende November dieses Jahres 73 Unternehmen mit 3300 Beschäftigten in Banken, in der Werbebranche, bei Versicherungs- und Finanzdienstleistern, im Gesundheitswesen und Handel sowie aus der Gastronomie und weiteren Branchen. Wissenschaftlich betreut wird der Versuch von Fachleuten der Cambridge University, des Boston College und der Oxford University sowie der Denkfabrik Autonomy.

Inzwischen liegen Ergebnisse einer Halbzeit-Umfrage unter den Beteiligten vor, über die kürzlich die Initiative 4 Day Week Global berichtet. 41 der insgesamt 73 Firmen hatten sich daran beteiligt. Die meisten teilnehmenden Unternehmen berichten, dass sie in den vergangenen Wochen nicht nur keine Produktivitätseinbußen festgestellt hätten. In einigen Fällen wurden sogar deutliche Steigerungen registriert.

Laut Initiative 4 Day Week Global gaben 88 Prozent der Befragten an, dass die Vier-Tage-Woche in diesem Stadium des Versuchs für ihr Unternehmen „gut“ funktioniere. 46 Prozent berichteten, dass ihre Unternehmensproduktivität „ungefähr gleichgeblieben“ sei. Bemerkenswert: mit 34 Prozent gab mehr als ein Drittel der Beteiligten zu Protokoll, dass sich die Produktivität „leicht“ und bei 15 Prozent (sechs Unternehmen) sogar „erheblich“ verbessert hätte.

Die Mehrheit der Firmen berichtete von einem reibungslosen Übergang zur Vier-Tage-Woche. 86 Prozent ziehen derzeit in Betracht, „wahrscheinlich“ die Beibehaltung dieses Arbeitszeitmodells nach dem Experiment fortzuführen.

Teilnehmer:innen des Projekts fühlen sich, wenn sie an die Arbeit gehen, „fitter“ als bisher und „weniger erschöpft“, berichten Medien. „Wenn man sich die Auswirkungen der Pandemie auf den Arbeitsplatz ansieht, waren wir oft zu sehr auf den Arbeitsort konzentriert“, sagte Joe O’Connor, der Geschäftsführer von 4 Day Week Global, der „New York Times“ (NYT). Einige Führungskräfte von teilnehmenden Unternehmen hätten erklärt, die Vier-Tage-Woche habe ihren Mitarbeiter:innen mehr Zeit für Sport, Kochen, Familienbesuche und Hobbys gegeben. Dies hätte ihr Wohlbefinden gesteigert und sie energiegeladener und produktiver gemacht.

Gary Conroy, Gründer und Geschäftsführer von 5 Squirrels, einem Hersteller von Hautpflegeprodukten mit Sitz im englischen Brighton, sagte der NYT, dass die Mitarbeiter:innen produktiver geworden seien und weniger Fehler machten und dass sie besser zusammenarbeiteten.

Ähnliche Versuche wie im Vereinigten Königreich gibt es inzwischen auch in der Privatwirtschaft anderer Länder, etwa in den USA, Kanada, Irland, Neuseeland und Australien. Im schwedischen Göteborg fand eine Erprobung im Öffentlichen Dienst statt. Ergebnis: die Beschäftigten erbrachten in vier Tagen die gleiche oder sogar eine höhere Arbeitsleistung als in fünf Tagen Arbeit.

In Deutschland gibt es Versuche einzelner Firmen zur Flexibilisierung ihrer Arbeitswelt. Der Baumarktbetreiber Hornbach verkündete jüngst, er wolle seinen Beschäftigten künftig mehr Freiheit bei der Gestaltung ihrer Arbeitszeit lassen. „Zum kommenden Kalenderjahr können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Deutschland die eigene Arbeitszeit reduzieren, umverteilen oder aufstocken“, teilte das Unternehmen mit.

Die Vier-Tage-Woche gibt es in kleineren Unternehmen wie etwa der Digitalagentur Vereda in Münster oder in einem Sanitär- und Lüftungsbetrieb in Überlingen am Bodensee. Fakt ist: Die Zahl jener, die in Teilzeit arbeiten, stieg bei Frauen wie Männern in den letzten Jahrzehnten. Das Bedürfnis, weniger zu arbeiten, ist also Realität.

Zwischen 1985 und 2018 nahm die Zahl der Vollzeitbeschäftigten um 30,1 Prozent zu, die Zahl der Teilzeitbeschäftigten hat sich hingegen fast vervierfacht. Laut Destatis arbeiten die Deutschen heute zwar tatsächlich nur 34,8 Stunden pro Woche – allerdings eben auch nicht für ein Vollzeitgehalt. „Die Tendenz geht dazu, dass Vollzeitarbeitende gern verkürzen wollen“, sagt Arbeitsmarktforscher Werner Eichhorst vom Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA).

Ein Modellprojekt in Island, das von 2015 bis 2019 rund 1,3 Prozent der Arbeitnehmenden einbezog, hatte ähnliche Ergebnisse wie das Halbzeitfazit auf der britischen Insel. Produktivität und Effizienz lagen in vielen Branchen über den Werten von vor dem Modellprojekt. Menschen klagten seltener über Stress und Burn-out, waren seltener krank, das Wohlbefinden stieg, der Kohlenstoffdioxidausstoß ging zudem zurück. Polizei und städtische Behörden bearbeiteten sogar mehr Fälle. „Die Lektion sollte klar sein: Arbeitnehmer sind gesünder und produktiver, wenn sie weniger arbeiten“, sagte Will Stronge, Forschungsdirektor beim britischen Thinktank Autonomy.

Gewerkschaften wie die IG Metall versuchen, die Debatte über eine Vier-Tage-Woche in Deutschland als „die Antwort auf den Strukturwandel in Branchen wie der Autoindustrie“ zu etablieren. Bislang mit eher mäßigem Erfolg. Kritiker:innen warnen vor zusätzlichen Kosten und einer geringeren Wettbewerbsfähigkeit.

Auch Arbeitsforscher Eichhorst sieht Nixons Vision eher im Bereich der Illusion. „Die Studien haben begrenzte Fallzahlen, das ist nicht in der Breite realisierbar.“ Er glaubt nicht, dass so viel Produktivität geschaffen werden könne wie bei der Fünf-Tage-Woche – und dies auch noch „einen vollen Lohnausgleich rechtfertigen würde“.

Auch interessant

Kommentare