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Variante BA.5: Jetzt droht sogar die Sommerwelle

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Selbst Radfahren nur mit Maske in Lissabon: Wird auch bei uns die Corona-Lage schlimmer?
Selbst Radfahren nur mit Maske in Lissabon: Wird auch bei uns die Corona-Lage schlimmer? © IMAGO/NurPhoto

Das Corona-Virus gefährdet auch in diesem Jahr die sehnlichst erhoffte unbeschwerte Normalität. Spätestens im Herbst könnte sich die niedrige Impfquote rächen.

Ein echtes Comeback soll die Frankfurter Buchmesse erleben. Mit Menschenmengen in großen Hallen, rauschenden Empfängen, Lesungen von Starautor:innen. Vor Ort statt vor dem Bildschirm will sich die internationale Verlagswelt zum Großevent im Oktober treffen – so der Plan. Eine Absage wegen Corona? Bitte nicht noch einmal.

„Das Interesse ist wirklich groß, sich wieder in Präsenz zu treffen“, versichert eine Buchmesse-Sprecherin. 4000 Ausstellende aus 65 Ländern haben sich schon angekündigt – doppelt so viele wie im Vorjahr. Und es ist nur eine von vielen Großveranstaltungen, die in dieser Saison wieder stattfinden sollen.

Deutschland öffnet sich. Schließlich war genau dies das große Versprechen: In diesem Sommer soll Corona keine Rolle mehr spielen. Maske, Abstand, Testen, Impfnachweis zeigen, Personen im Raum abzählen? Nicht mehr nötig, endlich.

Ganz anders als ein finaler Sieg über die Pandemie liest sich dagegen die neue Stellungnahme des Corona-Expertenrats der Bundesregierung. Von mehr Ansteckungen spätestens ab Herbst ist da die Rede, von einer Impflücke, von einem abnehmenden Immunschutz. Das Gesundheitssystem und die kritische Infrastruktur würden „wahrscheinlich erneut erheblich“ belastet, heißt es darin ebenfalls.

Und sogar eine Sommerwelle ist plötzlich denkbar. Nicht mal mehr darauf ist beim Coronavirus offensichtlich Verlass: Dass es bei steigenden Temperaturen zeitweise ruhiger wird. Denn eine neue Variante verbreitet sich: BA.5, noch übertragbarer und den Immunschutz noch geschickter umgehend, als es die Omikron-Linien BA.1 und BA.2 vermochten.

„Unsere Prognosen sehen trotz der Unsicherheiten derzeit einen Wiederanstieg der Infektionszahlen, die vermutlich zu einer neuen Welle im Sommer führen werden“, sagt Anita Schöbel, die das Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik der Fraunhofer-Gesellschaft leitet und Pandemie-Verläufe modelliert. „Bislang spricht alles dafür, dass es eine weitere Infektionswelle geben wird“, sagt auch Kai Nagel, der an der Technischen Universität Berlin Corona-Szenarien analysiert. „Wenn wir Glück haben, kommt diese Welle erst im Herbst. Wenn wir Pech haben, kommt sie schon im Sommer.“

Anzeichen gibt es schon jetzt. Die Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) lassen nichts Gutes erahnen. Die Sieben-Tage-Inzidenz steigt wieder. Der R-Wert schwankt um den kritischen Wert von eins. Und der Anteil von BA.5 an der Gesamtzahl der Infektionen wächst. Betrug er Ende April deutschlandweit noch 0,6 Prozent in untersuchten Stichproben, liegt der aktuellste Wert für Anfang Juni bereits bei zehn Prozent. „Epidemiologisch befinden wir uns bereits im Herbst“, sagt der Immunologe Reinhold Förster von der Medizinischen Hochschule Hannover.

Was passiert, wenn BA.5 die Oberhand gewinnt, kann man aktuell in Portugal beobachten. Nicht nur die Ansteckungen schießen dort wieder nach oben, bis auf eine Sieben-Tage-Inzidenz von 2000. Auch die Zahl der Covid-Patient:innen in den Kliniken und der Toten steigt. Dabei sind rund 87 Prozent der zehn Millionen Einwohner geimpft. „Etwas beunruhigt“ über die Sterblichkeit ist auch Charité-Virologe Christian Drosten: „Dafür gibt es keine offensichtlichen Erklärungen, denn auch andere europäische Länder haben BA.5-Anstiege ohne Zunahme der Letalität.“

Wie folgenreich die Welle in Deutschland wird, ist aber noch nicht klar. Drosten zufolge weiß man erst in einem Monat, ob sich hierzulande eine ähnliche Lage wie in Portugal einstellt. Erneut werden sich wahrscheinlich viele Menschen anstecken, sich isolieren müssen, bei der Arbeit ausfallen. Aber werden sie so schwer erkranken, dass sie ins Krankenhaus müssen, mit dem Tod ringen? Glücklicherweise gibt es bislang keine Hinweise darauf, dass BA.5 stärker krank macht als frühere Omikron-Linien.

Nicht jeder und jede ist vor BA.5 gleichermaßen gut geschützt. Zwar sind viele Menschen mehrfach geimpft, haben sich ein- oder mehrfach angesteckt. Bei der neuen Variante ist der Schutzeffekt aber nicht so stark wie erhofft. „Alle, die bereits eine Omikron-Infektion hatten, können sich nicht auf einen daraus resultierenden Immunschutz verlassen“, sagt der Epidemiologe Timo Ulrichs von der Berliner Akkon Hochschule. Jedenfalls dann nicht, wenn sie sich nicht auch haben impfen lassen.

Alle jedoch, die zusätzlich dreimal geimpft sind, hätten ein sehr geringes Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken. Damit landet Deutschland wieder bei seinem alten Problem: der unzureichenden Impfquote. Nur rund 60 Prozent der Menschen haben ihren Impfschutz aufgefrischt. Gerade Ältere mit dem höchsten Risiko verzichten darauf, ihren Schutz zu verbessern. Rund 20 Prozent der über 60-Jährigen fehlt die dritte Dosis, 81 Prozent in dieser Altersgruppe die vierte, vermerkt das RKI. Dabei empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) Älteren die zweite Auffrischung bereits seit Februar.

Auch wenn die BA.5-Welle harmlos verlaufen sollte, kann diese Impflücke schwerwiegende Folgen haben. Kontaktbeschränkungen, Maskenpflicht, weitere Impfungen, alles das könnte wieder nötig werden – so beschreibt es der Corona-Expertenrat. Das Worst-Case-Szenario, das an dramatische Wellen der vergangenen zwei Jahre erinnert, liegt weiter im Bereich des Möglichen.

Gut vorbereitet ist Deutschland darauf nicht. „Wir sollten nicht die Augen verschließen und glauben: Jetzt ist alles vorbei, es ist das dritte Jahr mit Corona, es braucht keine Gegenmaßnahmen mehr“, betont Modellierer Nagel. Das weiß auch der Bundesgesundheitsminister. „Wenn wir verhindern wollen, dass im Herbst jede Woche über 1000 Menschen an Corona sterben, ist der sicherste Weg eine erfolgreiche Kampagne für die vierte Impfung“, schrieb Karl Lauterbach (SPD) zuletzt auf Twitter. Schweden geht diesen Weg bereits, mit Viert- und sogar Fünftimpfungen, vor allem für Menschen mit erhöhtem Risiko.

Lässt Deutschland dagegen diesen Sommer nun wieder ungenutzt verstreichen? Impfstoffe beschaffen und verteilen – damit allein ist es dem Expertenrat zufolge nicht getan. Es brauche eine solide rechtliche Grundlage für Infektionsschutzmaßnahmen. Maßnahmen zwischen Bund und Ländern müssten zentral koordiniert, neue Regeln und Empfehlungen bundeseinheitlich, schnell und klar bekanntgemacht werden. Die Behörden sollten systematisch erfassen, wie belastet das Gesundheitswesen ist und wie sich das Virus verbreitet – am besten in Echtzeit, empfehlen die Expert:innen. Pandemie-Pläne für Schulen und Kitas müssten erarbeitet, eine Testinfrastruktur im Fall der Fälle schnell reaktiviert werden.

Aber nicht nur die Politik ist gefragt. Was jetzt im Alltag gegen BA.5 hilft? „Jeder kann sich und andere durch das Tragen von Masken schützen“, betont Schöbel. „Das ist schon jetzt sinnvoll und wird bei einem weiteren Anstieg der Infektionszahlen eine zunehmend wichtigere Maßnahme.“ Ob sich eine größere Zahl von Menschen „weiterhin umsichtig und rücksichtsvoll verhalten“ sei entscheidend dafür, wie die BA.5-Welle verläuft, heißt es auch beim Robert Koch-Institut.

Und so sind auch Veranstalter erneut gezwungen, sich auf denkbare Sommer-, Herbst- und Winterwellen einzustellen. Die Buchmesse-Organisatoren in Frankfurt sind skeptischer geworden. Blind darauf vertrauen, dass es mit Corona nun vorbei ist? Das jedenfalls wäre fahrlässig. Man arbeite eng mit der Messe Frankfurt und der Polizei zusammen, suche zudem den Austausch mit dem örtlichen Gesundheitsamt, wird betont.

Eine Entscheidung ist bereits gefallen: Die Messehallen werden so belegt, dass größere Abstände als sonst gewahrt werden. Egal, welches Szenario also eintritt: Das Virus bleibt weiter präsent.

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