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Ukraine-Krieg: Schwere Waffen aus Deutschland nur im Ringtausch

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Von: Daniela Vates, Markus Decker

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Die Beerdigung von Mykhailo Romaniuk, der Anfang März von Russen auf seinem Fahrrad in Butscha erschossen wurde. Foto by Yasuyoshi CHIBA / AFP.
Die Beerdigung von Mykhailo Romaniuk, der Anfang März von Russen auf seinem Fahrrad in Butscha erschossen wurde. Foto by Yasuyoshi CHIBA / AFP. © AFP

Es bleibt weiter unklar, ob und wie Deutschland schwere Waffen an die Ukraine liefern will – Außenministerin Baerbock versucht im Baltikum, Zweifel auszuräumen.

Der Kanzler hat gesprochen, die Außenministerin bemüht sich tags darauf um eine Erklärung. Sie ist zu Besuch in der lettischen Hauptstadt Riga. Eine gute Stunde hat sie mit ihrem Amtskollegen Edgars Rinkevics gesprochen, es geht um den Krieg gegen die Ukraine und um die Furcht der baltischen Staaten, das nächste Ziel Russlands sein zu können. Baerbock hat Rinkevics Unterstützung zugesichert, dem „lieben Edgars“: „Die Nato wird ihr Bündnisgebiet verteidigen, und zwar jeden Winkel“, sagt Baerbock auf der Pressekonferenz.

Die erste Frage kommt von einem Journalisten des lettischen Fernsehens – und es geht um eine andere Art der Unterstützung: „Warum ist die Bundesregierung so zurückhaltend mit der Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine?“, will er wissen.

Baerbock ist vorbereitet, so etwas war wohl zu erwarten nach der Pressekonferenz von Olaf Scholz am Vorabend. Seit Wochen wird über schwere Waffen aus Deutschland diskutiert. Scholz hat den Begriff nicht erwähnt, er hat darum herumgeredet mit dem Hinweis auf Geld, auf die Finanzierung von Waffenkäufen. Es sind viele Fragen offen geblieben.

Baerbock hat drei Botschaften: Einiges habe man bereits geliefert, Panzerabwehrwaffen zum Beispiel. Man habe darüber nur nicht groß geredet, um die Lieferungen nicht zu gefährden. Anderes könne man nicht liefern ohne die Bundeswehr zu schwächen. „Die Bundeswehr sagt, dass die Bestände erschöpft sind“, sagt Baerbock. Quelle Bundeswehr – das betont sie mehrfach. Und dann, drittens: Blockiert werde nicht. „Andere Partner liefern jetzt gepanzerte Fahrzeuge. Das ist auch für uns kein Tabu, auch wenn es in der deutschen Debatte manchmal so klingt“, sagt Baerbock. Man habe solchen Exporten sogar bereits zugestimmt. „Aber kurzfristig ist nicht vorhanden, was wir liefern können. Deswegen haben wir uns auf einen Ringtausch verständigt.“ Den hat auch Scholz am Vorabend erklärt: Osteuropäische Staaten liefern ihr Militärgerät, Deutschland und andere EU-Staaten zahlen und füllen dann die Lücken der Lieferstaaten.

Es gibt also, wenn man der Ministerin folgt, eine Melange aus Geheimnissen, Mängeln und Missverständnissen. Baerbock hat sich selbst schon für die Lieferung schwerer Waffen ausgesprochen. Nun sagt sie, es bringe nichts, schnell etwas zu versprechen, „was man dann nicht halten kann“. Man müsse sagen, was man leisten könne und ansonsten kreativ sein. Ihr Parteifreund Anton Hofreiter, Vorsitzender des Europaausschusses, sieht das anders. Er wirft dem Kanzler vor, mit Zögerlichkeit einen dritten Weltkrieg zu riskieren.

Die Unionsfraktion will im Bundestag in einem Antrag die Lieferung von schweren Waffen fordern und hofft, dass sich Koalitionäre wie Hofreiter anschließen.

Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk sagt, die Haltung der Bundesregierung hinterlasse in seinem Land „Bitterkeit und Enttäuschung“.

Scholz sagt, es sei das Ziel der Bundesregierung und ihrer Verbündeten von den USA bis Italien, das „ukrainische Militär so zu ertüchtigen, dass es sich des russischen Angriffs erwehren kann“.Was braucht es dafür? Und was macht die Bundesregierung wirklich?

Ein Problem an der Sache ist, dass es vieles nur vom Hörensagen gibt. Die Ukraine hat Wunschlisten an die Bundesregierung geschickt, die Regierung hat nach eigenen Angaben darüber geschaut und der Ukraine zurückgespielt. Aber diese Listen sind geheim. Und offenbar sind mehrere Varianten im Umlauf.

Melnyk beklagt, auf der von der Regierung kuratierten Liste seien keine schweren Waffen zu finden. „Die Waffen, die wir brauchen, sind halt nicht auf der Liste“, sagt er im ZDF und nennt den Marder-Schützenpanzer. 400 Stück davon habe die Bundeswehr, nur ein geringer Teil davon werde wirklich für Missionen der deutschen Armee gebraucht.

Da widerspricht ganz konkret die Bundeswehr. Ihre Kampf- und Schützenpanzer brauche die Bundeswehr selbst, sagt der Vize-Generalinspekteur Markus Laubenthal im ZDF. Er verweist auf den Einsatz als schnelle Eingreiftruppe der Nato in Litauen und die Beteiligung an der Battle Group in der Slowakei. Nötig seien nicht nur Einsatz- sondern auch Ersatzgeräte. Außerdem müsse man „auf Eventualitäten reagieren“ können. Jedenfalls könne man nicht einfach 100 Marder-Panzer in die Ukraine schicken, sagt Laubenthal. „Dann hätte die Bundeswehr nichts mehr“. Und so einfach sei die Handhabung auch nicht. Mindestens ein paar Wochen dauere die Ausbildung.

Zudem ist nur die Hälfte der Panzer derzeit überhaupt einsatzfähig. So zumindest steht es im Bericht zur materiellen Einsatzbereitschaft der Hauptwaffensysteme.

Aber dass Panzer hilfreich durchaus sein könnten, lässt sich aus Laubenthals Aussagen auch ableiten. Bei der russischen Offensive in der Ostukraine seien Gefechte in deutlich offenerem Gelände zu erwarten als bisher. Es ist davon auszugehen, dass raumgreifend, in größerer Breite, mit Schnellstößen an den Flügeln versucht werden kann, Gelände zu gewinnen.“ Eine Sache für Panzer und Artillerie also.

Von den USA hat die Ukraine Artillerie, gepanzerte Fahrzeuge und Hubschrauber bekommen.

Der Lieferung von MIG-29-Kampfflugzeugen, die Polen angeboten hatte, hat US-Präsident Joe Biden klar widersprochen. Für andere Flugzeuge übernehmen die USA Transport und Ersatzteillieferung. Großbritannien liefert Anti-Schiff-Raketen, Kanada hat angekündigt, schwere Artilleriewaffen zur Verfügung zu stellen. Japan ist mit Schutzmasken und Aufklärungsdrohnen dabei, Norwegen mit Panzer und Flugabwehrraketen. Die Niederlande haben Panzerfahrzeuge angekündigt.

Die Ampel-Koalition hat die eigentlich geltende Rüstungsexportrichtlinie, keine Waffen in Krisengebiete zu liefern, schon längst über Bord geworfen. Man hat den anderen Ländern nach einigem Zögern erlaubt, ehemalige DDR-Haubitzen zu liefern. Auch geschützte Fahrzeuge des Typs Wolf gingen in die Ukraine.

Schwere Lastwagen, Drohnenabwehr, Panzerhaftminen, Mörser seien der Ukraine zugesagt, heißt es in der Regierung. Als denkbar gilt unterdessen, dass sich Deutschland an der Lieferung von gepanzerten Artilleriegeschützen des Typs „Panzerhaubitze 2000“ beteiligt – in Kooperation mit den Niederlanden und je nach Lage entweder aus Beständen der Bundeswehr oder aus Beständen der Industrie. Deutschland könnte hier wohl die Munitionierung übernehmen und auch die Ausbildung, die möglicherweise in Polen erfolgen könnte.

Und die Panzer, die Melnyk fordert?

Regierungssprecher Steffen Hebestreit lässt wissen, dass der Botschafter nicht die Verhandlungen führe. Ansprechpartner der Regierung sei das ukrainische Verteidigungsministerium.

Der Sprecher des deutschen Verteidigungsministeriums ergänzt, man habe „keine Bedarfsanzeigen nach einzelnen Mardern aus der Ukraine vorliegen“. Der ukrainische Botschafter beziehe sein Wissen offenbar „aus der Marketingabteilung der Rüstungsfirmen“. In der Regierung lästert man, die Industrie würde auch mal Gerätschaften anbieten, für die es gar keine Ersatzteile mehr gebe.

Die Opposition widerspricht: „Sowohl in den Beständen der Bundeswehr als mehr noch in den Lagerbeständen deutscher Rüstungsunternehmen befinden sich geeignete schwere Waffensysteme, die schnell und unkompliziert an die Ukraine geliefert werden könnten. Darunter befinden sich Schützen-, Transport- und Kampfpanzer sowie weitere Systeme. Das weiß auch Olaf Scholz. Er verweigert bislang nur, seine Zustimmung zu geben. Mangelnde Ausbildung ist vorgeschoben und verschleiert nur den mangelnden Entscheidungswillen bei Scholz“, sagt Vize-Unions-Fraktionschef Johann Wadephul (CDU) dem RND.

Und dann ist da noch die Frage des Geldes für den geplanten Ringtausch. Aus Washington meldet sich Finanzminister Christian Lindner (FDP) vom Treffen mit seinen G20-Kollegen etwas unpräzise: Wenn es eine entscheidungsreife Vorlage gebe, werde er die Mittel freigeben. Ob der Bundestag nicht doch zustimmen muss, darüber gibt es in der Bundesregierung unterschiedliche Einschätzungen. Der Haushaltsausschuss-Vorsitzende Helge Braun (CDU) bekräftigt, jederzeit könne eine Sondersitzung des Ausschusses einberufen werden.

Bei Baerbocks Besuch in Lettland kommt derweil die Frage auf, ob Deutschland eigentlich als zuverlässig eingeschätzt werde. Rinkevics sagt: „Deutschland ist ein vertrauensvoller Partner.“ Alle Nato-Staaten hätten „das Maximum getan, um zu geben, was sie zur Verfügung haben“. Aber natürlich werde es „immer Fragen geben, ob man nicht mehr machen kann“. Er fügt hinzu: „Ich bin überzeugt, dass die Bundesregierung nach Möglichkeiten sucht.“

Leitartikel Seite 11

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