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Turbo für die Energiewende

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Von: Frank-Thomas Wenzel

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Vorbildlich: Photovoltaik auf einem Privathaus. Für gewerbliche Gebäude soll es nach dem Willen der EU-Kommission Pflicht werden.
Vorbildlich: Photovoltaik auf einem Privathaus. Für gewerbliche Gebäude soll es nach dem Willen der EU-Kommission Pflicht werden. © imago images/Pius Koller

Die EU will 300 Milliarden Euro mobilisieren, um von Russland unabhängig zu werden. Im Zentrum des Plans steht ein sehr ehrgeiziger Ausbau der erneuerbaren Energien. Und der Verbrauch von Öl und Gas soll massiv gesenkt werden.

Jetzt soll alles ganz schnell gehen: Die EU-Kommission hat am Mittwoch einen Plan vorgestellt, um die Union der 27 Staaten so schnell wie möglich unabhängig von russischen Energieimporten zu machen. Es geht um dreierlei: Russisches Gas durch Methan aus anderen Quellen ersetzen – besonders die USA und Katar werden hier immer wieder genannt. Ein erheblich schnellerer Ausbau der Erneuerbaren nebst einem zügigen Umschalten auf grünen Wasserstoff. Und drittens deutlich stärkere Anstrengungen beim Einsparen von Energie.

„Wir müssen unsere Abhängigkeit von Russland im Energiebereich so schnell wie möglich verringern“, sagte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Das erfordere erhebliche Investitionen und Reformen. „Wir mobilisieren zu diesem Zweck bis zu 300 Milliarden Euro.“ So werde für den Green Deal „der Turbo“ gezündet. Ziel sei es, im Laufe des Jahrzehnts keine Energie mehr von Russland kaufen zu müssen. Beim sogenannten „REPowerEU-Plan“ handelt es sich um eines der größten Investitionsprojekte in der Wirtschaftsgeschichte.

Die Vorschläge im Einzelnen: Bei der Umstellung der fossilen Energie geht es vor allem um Erdgas, das bislang preiswert via Pipelines aus Russland kam. Künftig soll der Brennstoff im verflüssigten Zustand (LNG) von Schiffen importiert werden, was ihn deutlich teurer machen wird. Aber zugleich geht die Kommission davon aus, dass der Verbrauch von fossilem Gas bis 2030 um ein Drittel gesenkt werden kann. Als neue potenzielle Lieferanten werden auch Ägypten, Nigeria und Israel genannt. Das alles verlangt auch, die Gasnetze in Europa auszubauen, vor allem fehlt es aber an Übergabepunkten an den Landesgrenzen. Zudem müssen neue Terminals zum Anlanden des Gases errichtet werden.

Beim Ausbau der Erneuerbaren schlägt die Kommission als neues Ziel für 2030 vor, dass 45 Prozent der Energie in der EU aus regenerativen Quellen kommen, bislang waren fünf Prozentpunkte weniger geplant, aktuell sind es rund 22 Prozent. Ein wichtiger Pfeiler ist der Sonnenstrom, dessen erzeugte Menge schon in drei Jahren doppelt so groß wie heute sein soll. Um das zu erreichen, sollen auf die Dächer aller neuen gewerblichen Gebäude Solaranlagen montiert werden. Eine Solarpflicht für neue Wohngebäude soll später folgen.

Der zweite Pfeiler ist der Windstrom, der in Deutschland bereits das Rückgrat der Energieerzeugung ist. Die vier Nordseeanrainer Deutschland, Belgien, Niederlande und Dänemark wollten am Mittwoch einen Plan vorstellen, mit dem die Kapazität der Windkraft auf See bis zum Jahr 2050 ungefähr verzehnfacht werden soll. Die Mühlen sollen dann eine Gesamtleistung von 150 Gigawatt haben – was in etwa 150 Atomreaktoren entspricht.

eRDGAS AUS DEM SCHWARZEN MEER

Rumänien hat nach langem Tauziehen den Weg für die Erdgasförderung im Schwarzen Meer frei gemacht. Am Mittwoch beschloss das Abgeordnetenhaus in Bukarest mit großer Mehrheit die Änderung eines Gesetzes, das bisher ausländische Investoren von dem Projekt ferngehalten hat.

Es geht um geschätzte 100 Milliarden Kubikmeter Erdgas im rumänischen Teil des Kontinentalsockels des Schwarzen Meeres sowie um Gasförderprojekte auf dem Festland. „Wir sind sicher, dass wir binnen höchstens fünf Jahren hinsichtlich der Energie unabhängig werden können“, sagte Ministerpräsident Nicolae Ciuca.

Bislang importiert Rumänien 20 bis 30 Prozent seines Gasbedarfs aus Russland. Nach Angaben von Wirtschaftsminister Virgil Popescu werde Rumänien künftig mehr Gas fördern, als das Land verbraucht. Anders als bisher sollen Investoren das in Rumänien geförderte Erdgas im Einklang mit EU-Recht frei verkaufen können. Die Pflicht, einen Anteil davon in Rumänien zu verkaufen, entfällt. dpa

Mit dem Ökostrom soll auch im großen Stil grüner Wasserstoff (mit Hilfe von Elektrolyse) in der EU hergestellt werden – als Ersatz für Erdgas. Das selbst gemachte klimaneutrale H2 soll im Jahr 2030 auf zehn Millionen Tonnen kommen. Noch einmal die gleiche Menge will die Kommission importieren, insbesondere Nordafrika dürfte hier eine wichtige Rolle spielen. Das entspricht rund einem Sechstel der aktuellen weltweiten Wasserstoffproduktion. Damit der grüne Wasserstoff, der erheblich teurer ist als Erdgas oder Kohle, auch beispielsweise in Stahlwerken eingesetzt wird, soll die neue Energiequelle massiv subventioniert werden.

Der gesamte Energiebedarf der EU soll nicht mehr nur um neun, sondern um 13 Prozent bis 2030 verringert werden. Wobei Luxemburgs Energieminister Claude Turmes bereits gefordert hat, dies auch mit einem unionsweiten Tempolimit für Pkw, zwei Tagen Homeoffice pro Woche und autofreien Wochenenden in Städten umzusetzen. So könnten jährlich 2,5 Millionen Fass (à 159 Liter) Rohöl eingespart werden.

Die Vorschläge der Kommission zielen indes vor allem auf Gebäude und Heizungen ab. Expert:innen gehen davon aus, dass Unternehmen ihren Energiebedarf um rund 30 Prozent drücken können, wenn sie auf effiziente Verfahren in der Produktion oder auf intelligente Systeme bei der Temperierung und Lüftung von Büros umstellen.

Das größte Potenzial bieten aber bestehende Wohngebäude – mit Dämmung, modernen Fenstern und neuen Heizungen kann deren Energiebedarf massiv gesenkt werden. Hier gibt es seit Jahren aber nur bescheidene Fortschritte, weil viele Hausbesitzer:innen die notwendigen Investitionen scheuen. Hierzulande wird deshalb über die Ausweitung von Förderprogrammen diskutiert. Kurzfristig könne die Gas- und Ölnachfrage unter anderem durch sparsameres Heizen oder geringere Geschwindigkeiten auf der Autobahn um fünf Prozent gedrückt werden. Die Kommission schlägt indes steuerliche Vorteile für Modernisierer vor.

Die Milliarden Euro zur Finanzierung all dieser Projekte stehen im Wiederaufbaufonds der EU bereits als Darlehen in Höhe von 225 Milliarden Euro bereit. Außerdem sollen sie unter anderem aus dem Topf für die EU-Agrarsubventionen und dem Fonds für die regionale Entwicklung abgezweigt und umgewidmet werden.

Bereits heftig umstritten ist die Idee, dass sich die EU zusätzliches Geld auch noch durch die Ausgabe von mehr CO2-Verschmutzungszertifikaten beschafft. Dadurch würden die Preise für die Papiere, die die Industrie und Kraftwerksbetreiber kaufen müssen, sinken. Dies würde die CO2-Emissionen erhöhen und damit dem Klimaschutz zuwiderlaufen. „Einen CO2-Sturm loszulassen, kann nicht unser Ziel sein“, sagte Michael Bloss, Europaabgeordneter der Grünen.

Der größte Teil des REPower-Plans muss jetzt noch mit den Mitgliedstaaten der Union und dem Europaparlament verhandelt werden.

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