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Traditionspflege unter veränderten Bedingungen

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Von: Markus Decker

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Städtische Angestellte rollen den exhumierten Jurij Prylypko in eine Plane. Der Bürgermeister von Hostomel wurde erschossen, als er Brot und Medikamente an Bedürftige verteilte.
Städtische Angestellte rollen den exhumierten Jurij Prylypko in eine Plane. Der Bürgermeister von Hostomel wurde erschossen, als er Brot und Medikamente an Bedürftige verteilte. © AFP

An Ostern wird wieder für den Frieden marschiert – so viel wie seit langem nicht. Jüngere Gruppen denken und agieren anders.

Die Organisator:innen der diesjährigen Ostermärsche rechnen mit mehr Zulauf als in den Jahren zuvor. „Wir haben deutlich mehr Veranstaltungen im Kalender als in den letzten beiden Jahren“, sagt der Marsch-Koordinator des Netzwerks Friedenskooperative, Kristian Golla, im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Das hat mit Corona und der politischen Lage zu tun.“ Bereits in den vergangenen fünf Jahren vor der Pandemie habe es „ein wachsendes Interesse“ gegeben, fügt er hinzu. „Jetzt macht der Krieg in der Ukraine betroffen und mobilisiert.“

Golla zufolge gibt es bundesweit 47 offizielle Aufrufe zu Ostermärschen; darüber hinaus fänden aber auch noch Märsche ohne vorherigen Aufruf statt. Insgesamt will das Netzwerk 118 Termine notiert haben. Golla wendet aber ein: „Die Ostermärsche sind nicht der Zählappell der Friedensbewegung. Für mich ist das Wichtige an den Ostermärschen, dass sie kontinuierlich stattfinden.“

Einen durchweg einheitlichen Blick auf den Ukraine-Krieg gebe es nicht, sagt der Ostermarsch-Koordinator weiter, denn die Ostermärsche seien „plural organisiert“ – verschiedene Motivationen marschieren nebeneinander her. Er persönlich finde aber: „Krieg ist nicht die Lösung. Deshalb ist das Thema jetzt, wie man die Kriegshandlungen beenden kann. Man muss mit Putin Frieden machen; er ist der Akteur. Rüstungsexporte verlängern Konflikte eher.“ Ohnehin könne man von der Friedensbewegung nicht verlangen, dass sie für Waffenlieferungen eintrete.

Das Netzwerk Friedenskooperative mit Sitz in Bonn entstand um 1989 aus dem Koordinierungsausschuss der Friedensbewegung und versteht sich als ein Service- und Informationsbüro der Bewegung. Es besteht aus drei hauptamtlichen sowie einem ehrenamtlichen Mitarbeiter und Praktikant:innen. Das ist die Binnensicht. Jüngere Protestbewegungen sehen die pazifistische Tradition sehr anders: Jakob Blasel, im Bundestagswahlkampf 2021 Kandidat der Grünen in Schleswig-Holstein und Aktivist bei Fridays for Future, sagt, die Klimaschutzbewegung beteilige sich vielfältig an Friedensdemonstrationen – aber: „Ich habe von keiner lokalen Gruppe gehört, die zu Ostermärschen aufruft.“ Dass es darüber keine Debatte gebe, zeige vielleicht auch „ein bisschen, wie relevant Ostermärsche noch sind“. Es sei „toll, wenn sich Leute für Frieden einsetzen“, so der 21-Jährige. „Aber das Format ist ein bisschen egal.“

Bezüglich des Krieges in der Ukraine hätten sich die Fridays for Future mehrfach für ein Embargo von Energielieferungen aus Russland ausgesprochen, um das „krasse Leid“ in der Ukraine zu beenden. „Wir dürfen keine fossilen Energien mehr importieren“, sagte Blasel. „Das würde Russland am härtesten treffen.“ Auch müsse man „darüber reden, wie wir fossile Energien einsparen können“ – etwa durch ein Tempolimit – sowie dafür sorgen, dass diese und andere Krisen für einen Umstieg auf erneuerbare Energien genutzt würden. Zum Thema Waffenlieferungen habe die Bewegung hingegen keine Position formuliert.

Die Umweltbewegung ist anders als die Friedensbewegung in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker geworden, immer mehr in der Mitte der Gesellschaft verankert. Sie verfügt nach Meinung von Fachleuten über mehr Geld und mehr Personal.

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