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Tod am Grenzzaun

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Von: Martin Dahms

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Seit 2005 schottet sich Spanien in seinen afrikanischen Exklaven mit einem Grenzzaun von Marokko ab, hier die Anlage in Melilla. dpa
Seit 2005 schottet sich Spanien in seinen afrikanischen Exklaven mit einem Grenzzaun von Marokko ab, hier die Anlage in Melilla. dpa © dpa

Mindestens 23 Menschen sterben beim Versuch, Melilla zu erreichen

Ana Vázquez, die innenpolitische Sprecherin der oppositionellen Volkspartei (PP), legte den Finger in die Wunde: „Was hat es genutzt, unsere Haltung zur Westsahara zu ändern?“ An diesem Freitag sind 23 afrikanische Menschen am Grenzzaun von Melilla ums Leben gekommen, vielleicht mehr. Es ist der schlimmste Vorfall, seit sich die beiden spanischen Exklaven Ceuta und Melilla mit mindestens sechs Meter hohen Zäunen und ausgefeilten Sicherheitssystemen vom marokkanischen Staatsgebiet abschotten.

„Die marokkanische Gendarmerie hat mit den spanischen Sicherheitskräften kooperiert, um diesen gewaltsamen Angriff abzuwehren“, sagte Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez. „Wenn jemand für das verantwortlich ist, was an dieser Grenze vorgefallen zu sein scheint, sind es die Mafias, die mit Menschen handeln.“

Immer wieder versuchen Hunderte oder Tausende afrikanische Migrant:innen von Marokko aus, Ceuta oder Melilla zu erreichen. Spanien kann nichts dagegen tun, außer auf die Kooperation der marokkanischen Behörden zu hoffen.

Um den guten Willen Marokkos zu befördern, nahm Pedro Sánchez vor einigen Monaten eine historische Wende der spanischen Westsahara-Politik vor: In einem Brief an den marokkanischen König Mohammed VI. erkannte er implizit den Anspruch Marokkos auf die ehemalige spanische Kolonie an. Doch den tödlichen Vorfall von diesem Freitag hat jener Schwenk nicht verhindert. Bei den massenhaften Zaunsprüngen verletzen sich regelmäßig Dutzende Menschen. Dass jemand dabei stirbt, ist eine seltene Ausnahme. Dass Dutzende sterben, hat es bisher noch nicht gegeben. Es ist nicht klar, was am Freitag im Einzelnen geschehen ist.

Genaue Ursache unklar

Die Migranten, offenbar alle Männer, näherten sich dem Zaun aus einem Wald. Das Gelände fällt zur Grenzanlage hin ab. Die Todesfälle sollen sich in einer Senke vor dem Zaun ereignet haben. „Die Stärkeren fielen auf die Schwächeren“, sagte ein ungenannter marokkanischer Offizieller zu einem „El País“-Reporter. Die Szenen am Zaun müssen der einer Massenpanik geähnelt haben. 133 Männer – nach Zahlen der Behörden von Melilla – schafften es auf die spanische Seite. Andere, die schon spanischen Boden erreicht hatten, wurden von der Guardia Civil an die marokkanische Gendarmerie überführt. Das nennt sich „heiße Abschiebung“ und ist nach einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte von Anfang 2020 legal.

Menschenrechtsorganisationen machten den „tödlichen Charakter“ der spanisch-marokkanischen Kooperation an der Grenze für den Vorfall verantwortlich. Die Gruppe Caminando Fronteras bezweifelt die von Marokko genannte Zahl von 23 Todesopfern und spricht stattdessen von 37 Toten. Zudem seien zwei marokkanische Gendarmen gestorben. Eine Bestätigung von anderer Seite dafür gibt es nicht.

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