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Tarifkonflikt unter erschwerten Bedingungen

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Von: Christoph Höland

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Gewerkschaftsmitglieder vor dem Airbus-Werk in Hamburg.
Gewerkschaftsmitglieder vor dem Airbus-Werk in Hamburg. © dpa

Die IG Metall konzentriert sich in der Tarifrunde aufs Geld und fordert ein kräftiges Lohnplus von bis zu acht Prozent. Der Arbeitgeberverband wirft der Gewerkschaft vor, der Lage in der Branche damit nicht gerecht zu werden.

Gewerkschaften hatten es schon einmal leichter: Wegen des Kriegs in der Ukraine ist die Inflation auf Rekordhoch – und jede Tarifforderung wird argwöhnisch darauf abgeklopft, ob sie womöglich die Lohn-Preis-Spirale befeuert und so die Inflation weiter hochtreibt. In der wichtigsten Tarifrunde des Jahres zeigte sich die Gewerkschaftsführung am Montag dennoch entschlossen: Der Vorstand der IG Metall empfahl seinen Mitgliedern, in der bevorstehenden Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie sieben bis acht Prozent mehr Lohn zu fordern.

Damit liegt die Empfehlung höher, als Beobachter zuletzt erwartet hatten – auch, weil die angepeilte Laufzeit des Tarifvertrags nur zwölf Monate betragen soll. „Den Unternehmen geht es gut. Nicht gut geht es aber den Beschäftigten beim Blick auf Supermarkt- und Energierechnungen,“ sagte der Gewerkschaftsvorsitzende Jörg Hofmann. „Auch angesichts der guten Auftrags- und Ertragslage ist eine ordentliche Erhöhung geboten, um über die Tarifpolitik einen Beitrag für gute Kaufkraft zu leisten“, so Hofmann weiter.

Endgültig ist der Beschluss nicht, das letzte Wort liegt bei den von der Basis gewählten- Tarifkommissionen, die bis Mitte Juli ihr Votum abgeben. Doch die Empfehlung des Vorstands zeigt, wohin die Reise bei den Verhandlungen im Herbst geht. Oder eben nicht: Die Arbeitgeberseite war am Montag entsetzt über den Vorschlag der Gewerkschaftsführung. „Die Forderungsempfehlung wird der Lage der Branche nicht gerecht“, sagte Gesamtmetall-Chef Stefan Wolf.

Tatsächlich gehen die Einschätzungen zur Lage der Branche derzeit weit auseinander: Trotz vieler Risiken sei die Lage gut, vermeldete die Gewerkschaft Anfang des Monats unter Berufung auf eine Umfrage unter Betriebsräten. Von „massivem Kostendruck“ und sich deutlich eintrübenden Erwartungen berichtete hingegen der Arbeitgeberverband nach einer Umfrage unter Unternehmensleitungen.

In der Autoindustrie, in der der Tarifvertrag eine große Rolle spielt, stimme beides, meint Ferdinand Dudenhöffer: „Bei den Autobauern sind die Zahlen gut, bei den Zulieferern sieht es zum Teil deutlich schlechter aus“, sagte der Branchenexperte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Für die weitere Entwicklung sei der Fortgang des Krieges in der Ukraine entscheidend, ebenso wie der Umgang der Bundesregierung damit: Weder die Unsicherheiten bei der Strom- und Gasversorgung noch die Diskussion über ein baldiges Ende der E-Auto-Kaufprämie seien hilfreich, so Dudenhöffer.

Hofmann stellte zudem klar, dass der Kern eines künftigen Tarifvertrags aus tabellenwirksamen Steigerungen und nicht aus Einmalzahlungen bestehen dürfe. Auf letztere hatten sich Arbeitgeber und Gewerkschaft in den vergangenen Tarifrunden verständigt. Nun brauche es angesichts des wohl langfristig gestiegenen Preisniveaus echte Lohnsteigerungen, sagte Hofmann. Kleinere Einmalzahlungen schloss er indes ebenso wenig aus wie Abstriche, falls sich die wirtschaftliche Situation deutlich eintrüben sollte.

Doch was ist mit der Lohn-Preis-Spirale? Vor der warnte zuletzt Finanzminister Christian Lindner immer eindrücklicher. „Die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale ist real“, sagte er jüngst dem RND. Längst plant die Bundesregierung, die konzertierte Aktion wieder aufleben zu lassen: Arbeitgeber, Arbeitnehmer:innen und Regierung sollen sich zusammensetzen – und verhindern, dass steigende Löhne die Inflation weiter befeuern. Hofmann hat indes schon klargestellt, dass Lohnzurückhaltung dabei kein Thema sein dürfe.

Am Montag betonte Hofmann dann, dass die Entgeltsteigerungen erst 2023 wirksam würden. Somit müssten sie die Inflation aus zwei Jahren ausgleichen. „Wir beweisen wiederholt Vernunft und Verantwortung. Die Beschäftigten haben nach vier Jahren wieder eine ordentliche Erhöhung ihrer Entgelttabellen verdient“, erklärte der Gewerkschaftschef.

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