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Szenarien für den Winter

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Von: Steven Geyer

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Der Gasspeicher Haidach bei Salzburg bedient Bayern.
Der Gasspeicher Haidach bei Salzburg bedient Bayern. © IMAGO/Sven Simon

Bundesnetzagentur: Eine Gasnotlage kann vermieden werden.

Die Bundesnetzagentur hält es für möglich, dass eine Gasnotlage im Winter trotz der verminderten Erdgaslieferungen aus Russland abgewendet werden kann. Allerdings sei das nur unter bestimmten Bedingungen machbar, heißt es in einem neuen Szenarienkatalog der Bonner Behörde, die dem Bundeswirtschaftsministerium unterstellt ist. In mehreren Modellrechnungen prüft die Agentur, unter welchen Bedingungen das Gas in den nächsten Monaten in Deutschland knapp werden könnte und wie sich eine „Gasmangellage“ vermeiden ließe – dass also die Nachfrage das Angebot übersteigt und die Bundesnetzagentur das Erdgas nach Bedürftigkeit zuteilen müsste.

Erste Annahme: Über die Ostseepipeline Nord Stream 1 würde bis zum kommenden Juni dauerhaft nur ein Fünftel der Maximalkapazität an Erdgas geliefert. Damit das Gas dann im Winter nicht knapp wird, müsse der Verbrauch in Deutschland um 20 Prozent gesenkt werden. Das würde über die neuen gesetzlichen Vorgaben hinausgehen, auf die sich die EU geeinigt hat: Laut europäischem Gasnotfallplan sollen alle EU-Länder ihren Gasverbrauch bis nächsten März freiwillig um 15 Prozent senken – verglichen mit dem Durchschnittsverbrauch der letzten fünf Jahre. Darüber hinaus müsste Deutschland aber auch die Transitmengen in seine Nachbarländer reduzieren: ebenfalls um 20 Prozent.

Zweite Annahme: Neben der dauerhaften Unterversorgung über Nord Stream 1 sollen die Gasspeicher in Deutschland im kommenden Februar zu 40 Prozent gefüllt und die Gasversorgung auch im nächsten Winter gesichert sein. In diesem Fall müsste neben der genannten Verbrauchs- und Transitreduktion außerdem auch die Einfuhrmöglichkeiten erhöht werden. Denkbar ist dabei, auf Flüssigerdgas zu setzen, für das die Bundesregierung bereits im Winter erste LNG-Terminals an den Start bringen will.

Dritte Annahme: Auch der Extremfall, dass gar kein russisches Erdgas mehr ankommt, muss den Berechnungen zufolge nicht zwangsläufig zur Mangellage im Winter führen. Allerdings sei es dann nötig, die Transitmengen noch deutlich stärker zu reduzieren oder den Import deutlich zu erhöhen, so die Bundesnetzagentur. Trotzdem müssten dann die Gasspeicher so stark angezapft werden, dass die Bundesnetzagentur für den folgenden Winter – 2023/24 – mit Versorgungsproblemen rechnet, falls nicht zusätzliche, über die oben genannten hinausgehende Schritte eingeleitet werden – etwa noch stärkeres Einsparen von Gas.

Für die Opposition sind die Berechnungen ein Alarmsignal. „Spätestens jetzt muss alles getan werden, um einen Gasnotstand abzuwenden: Mit einem Energiesparpakt für Deutschland, der sofortigen Drosselung der Gasverstromung und mit Beistandsverträgen mit den europäischen Partnern“, sagte energiepolitische Sprecher der Unionsfraktion, Andreas Jung. Bundeskanzler Olaf Scholz sollte schnellstens Ministerpräsidenten und Kommunalverbände einladen und einen umfassenden Energiesparpakt initiieren, forderte der CDU-Politiker.

Unterdessen fließt durch den südlichen Strang der Druschba-Pipeline nach Angaben der Betreiberfirma seit Donnerstag kein russisches Erdöl mehr nach Europa. „Am 4. August wurde die Lieferung von russischem Öl über das Gebiet der Ukraine gestoppt“, erklärte das russische Staatsunternehmen Transneft am Dienstag. Von den Lieferausfällen seien Ungarn, die Slowakei und Tschechien betroffen. mit afp

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