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Stur, aufbrausend und hochgebildet

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Von: Klaus Ehringfeld

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Fachleute trauen Gustavo Petro zu, Kolumbien in die Zukunft zu führen – ein Porträt

Gustavo Petro ist nun am Ziel, mehr als ein Vierteljahrhundert hat er versucht, seinen Weg an die Spitze Kolumbiens vorzubereiten. Kenner und kritische Begleiter nennen ihn einen „unermüdlichen Starrkopf“, der an seinen Zielen festhält, auch wenn sie unerreichbar erscheinen. Petro blickt bereits auf eine lange Karriere als Politiker zurück, er war nicht nur Bürgermeister der Hauptstadt Bogotá (2012 bis 2015), sondern auch fast 20 Jahre Abgeordneter und Senator. In das Präsidentenamt schafft er es nun im dritten Anlauf.

Petro wurde am 19. April 1960 in dem karibischen Ort Ciénaga de Oro geboren. Er wuchs in Zipaquirá auf, einer kleinen Stadt im kargen Hochland der Savanne von Bogotá. Er ist das älteste von drei Kindern eines Lehrerehepaars. Biografen sagen, dass daher seine Fähigkeit kommt, komplexe Sachverhalte in verständlichen Worten zu erklären. Auf Kundgebungen zieht er seine Zuhörer in den Bann, dabei liebt es der 62-Jährige zu improvisieren.

So extrovertiert und belehrend er im politischen Diskurs ist, im privaten Umfeld gilt der Vater von fünf Kindern mit mehreren Frauen als eher schüchtern. Freund und Feind attestieren ihm allerdings einen aufbrausenden Charakter, Beratungsresistenz und ein gepflegtes Maß an Arroganz.

Für den Politologen Yann Basset von der Universidad del Rosario in Bogotá ist Petro „das größte politische Talent, das Kolumbien hat“. Zudem hat Petro keine Angst, sich mit den faktischen Mächten im Land anzulegen. Streitkräften, Drogenclans und rechten Medien sagt er gerne schon mal, was er von ihnen hält. Petro ist ein Starrkopf mit einem Wissen über die Geschichte und Probleme seines Landes wie nur wenige Staatschefs vor ihm.

In europäischen Kategorien würde man Petro vielleicht als einen linken Sozialdemokraten oder grünen Politiker bezeichnen. Allerdings macht ihn in seinem Land seine Vergangenheit als Rebell der intellektuellen Stadtguerilla M-19 verdächtig. Wegen dieses Engagements saß Petro zwei Jahre im Gefängnis und musste ins Ausland gehen.

Er hat dem bewaffneten Kampf schon vor Jahrzehnten abgeschworen und bekennt sich zur Demokratie. Petros großes Verdienst als Senator war es, unerschrocken und trotz Todesdrohungen die Verbindungen von Militär, Polizei und Politikern zu den ultrarechten Todesschwadronen aufzudecken. Seine Chuzpe, seine Nachhaltigkeit und seinen Dickkopf wird er nun sehr gut brauchen können, wenn er als Präsident Kolumbiens erfolgreich sein will. Petro will sein Land unabhängig machen von der Extraktions- und Exportwirtschaft, von Kohle, Gas und Erdöl, das etwas mehr als die Hälfte der Exporterlöse des Landes ausmacht. Dafür will er den Tourismus fördern und den Umweltschutz vorantreiben.

Als Petro vor einigen Wochen gefragt wurde, wie er am Ende seiner möglichen Präsidentschaft erinnert werden möchte, war seine Antwort überraschend. „Wie Angela Merkel, weil ihr alle applaudiert haben.“

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