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Stimmung am Tiefpunkt

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Von: Frank-Thomas Wenzel

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Der Gang in den Supermarkt ist inzwischen oft ein teures Vergnügen: Die Preise vieler Lebensmittel sind stark gestiegen.
Der Gang in den Supermarkt ist inzwischen oft ein teures Vergnügen: Die Preise vieler Lebensmittel sind stark gestiegen. © IMAGO/Wolfgang Maria Weber

Im Einzelhandel sinken die Umsätze stark, weil die Menschen wegen der Inflation weniger konsumieren. Jetzt kommen auch noch neue Lieferengpässe hinzu.

Die schlechte Stimmung der Konsumentinnen und Konsumenten schlägt nun auch bei den Einnahmen des Einzelhandels durch. Die Umsätze gehen deutlich zurück. Besonders heftig hat es Lebensmittelgeschäfte erwischt. Und es wird mutmaßlich noch schlimmer.

Das Statistische Bundesamt (Destatis) hat errechnet, dass es im April im Lebensmittelhandel einen realen Rückgang der Erlöse – nach Abzug der Teuerung – um 7,7 Prozent gegeben hat. „Dabei handelt es sich um den größten Umsatzeinbruch gegenüber dem Vormonat seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 1994“, teilte Destatis am Mittwoch mit. Die Wiesbadener Statistikfachleute betonen: „Diese Entwicklung ist vermutlich den deutlich gestiegenen Preisen für Lebensmittel geschuldet.“

Die Produkte aus dem Supermarkt hatten sich im vierten Monat um 8,4 Prozent verteuert. Nach vorläufigen Zahlen von Destatis ist dieser Posten im Mai auf rund elf Prozent gestiegen, was ein maßgeblicher Faktor für den Anstieg der Verbraucherpreise um alles in allem 7,9 Prozent war – zuletzt war die Inflation während der großen Ölkrise im Winter 1973/74 derart hoch. Das bedeutet auch: Einiges spricht dafür, dass sich die Einbußen der Lebensmittelhändler weiter fortsetzen.

Auch in anderen Sparten des Einzelhandels geht es deutlich nach unten. Insgesamt verzeichnete der Sektor ein reales Umsatzminus von 5,4 Prozent, wenn die Preise theoretisch konstant geblieben wären. Das sei „der tiefste Stand seit Februar 2021“, so Destatis. Das war die Zeit, als Deutschland tief in der Corona-Pandemie steckte und es fürs Shoppen noch jede Menge Restriktionen gab. Auch nominal (nicht preisbereinigt) ging es im Vergleich zum März 2022 nach unten – um 4,7 Prozent.

Für Stefan Genth, Chef des Handelsdachverbandes HDE, hat der Rückschlag vor allem mit der Stimmung der Verbraucher:innen zu tun: „Der Einzelhandel bekommt vielerorts die aufgrund des russischen Krieges in der Ukraine schlechte Konsumstimmung zu spüren. Die Verbraucherinnen und Verbraucher sind verunsichert, wie es angesichts der Inflation mit ihren Arbeitsplätzen und ihrem Einkommen weitergeht“, sagte Genth.

Für Genth ist klar, dass die Stimmung derzeit schlechter ist als die tatsächliche Lage der Menschen: „Dabei ist grundsätzlich ausreichend Geld vorhanden, denn die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist nach wie vor stabil, und viele haben während der Corona-Zeit zusätzlich gespart.“

Monatelang frohlockten die Händler und sehnten die Lockerung der Corona-Beschränkungen herbei. Während der Pandemie haben Millionen Menschen jede Menge Geld gespart, weil sie über viele Monate hinweg das Bare mangels Gelegenheiten nicht ausgeben konnten.

Nach Berechnungen der DZ Bank hatten die Deutschen Ende vorigen Jahres den Rekordwert von rund 3000 Milliarden Euro an Bargeld und auf ihren Girokonten gehortet. Dieses riesige Reservoir zum Ausgeben wurde als wichtiger Indikator für einen bevorstehenden Konjunktur- und Konsumboom betrachtet.

Die ersten drei Monate liefen denn auch gerade für den stationären Handel in den Städten weitgehend erfreulich. Doch im April mussten Fachgeschäfte und Filialisten, die Textilien, Schuhe und Lederwaren verkaufen, genauso wie Warenhäuser reale Umsatzeinbußen von mehr als vier Prozent hinnehmen.

Der russische Angriff auf die Ukraine hat alles verändert. Das Konsumbarometer des HDE ist inzwischen sechs Monate in Folge nach unten gegangen und hat für den Mai einen neuen Allzeittiefstand erreicht. Den Erhebungen zufolge sind die Menschen bei größeren Anschaffungen mittlerweile äußerst zurückhaltend – trotz des vielen Geldes auf den Konten. Die Erwartungen an die konjunkturelle Entwicklung sind abermals zurückgegangen.

Die aktuellen Zahlen der Marktforschungsfirma GFK gehen in die gleiche Richtung. Die Konsumstimmung sei an einem „absoluten Tiefpunkt“, sagte GFK-Experte Rolf Bürkl. Krieg und Inflation drückten schwer auf die Stimmung. Und für Genth ist klar: „Die aktuelle Gemengelage lässt für die kommenden Wochen erst einmal keine größeren Ausschläge nach oben für den Konsum erwarten.“

Als gäbe es nicht genug negative Nachrichten, kommen auch größere Lieferprobleme hinzu. Laut einer Umfrage des Münchner Ifo-Instituts beklagen acht von zehn Einzelhändlern, dass nicht alle bestellte Ware geliefert werden kann. Besonders schwierig ist die Lage bei Spielwaren und Fahrrädern. Beides wird vornehmlich in China produziert. Neue Corona-Restriktionen in der Volksrepublik beeinträchtigen den Nachschub. „Viele Waren stehen nicht im Regal, sondern im Container in einem Hafen von China“, so der Ifo-Experte Klaus Wohlrabe.

Nach Bürkls Dafürhalten hängt eine Trendwende von zwei Faktoren ab: „Zum einen muss der Konflikt in der Ukraine durch erfolgreiche Friedensverhandlungen beendet und zum anderen muss die Inflation spürbar zurückgeführt werden.“

Das will der Bundeskanzler angehen. Olaf Scholz (SPD) plant, Arbeitgeber, Gewerkschaften und Kommunen zu einer „konzertierten Aktion gegen den Preisdruck“ zusammenzurufen. Es sei richtig, wenn Unternehmen, Beschäftigte, Gewerkschaften sowie Staat und Kommunen zusammenwirkten, um herauszufinden, wie mit dieser Preisentwicklung umgegangen werden solle, sagte er in der Generaldebatte zum Haushalt im Bundestag.

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