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Stau auf der Nordsee

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Von: Harald Stutte

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Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie stockt es auf den Weltmeeren.
Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie stockt es auf den Weltmeeren. © IMAGO/Rust

Containerschiffe verstopfen die Häfen von Hamburg, Rotterdam und Antwerpen.

Ganz schön was los auf der Nordsee. Wer derzeit im Landeanflug auf den Amsterdamer Flughafen einen Blick auf die südliche Nordsee werfen kann, der sieht sie – fein säuberlich aufgereiht: Schiffe bis hinauf nach Helgoland, die auf eine Löschung ihrer Waren in Rotterdam, Antwerpen oder Hamburg warten. Derzeit stecken zwei Prozent der weltweiten Containerflotte vor und in den Häfen Deutschlands, Hollands und Belgiens fest, was einer Anzahl von gut 100 Schiffen entspricht, wie es vom Kieler Wirtschaftsforschungsinstitut IFW heißt.

„Für die Nordsee ist das sehr viel“, sagt der IFW-Ökonom Vincent Stamer. Dabei seien die deutschen Häfen mit Hamburg an der Spitze gar nicht so stark betroffen. Die meisten Schiffe lägen vor Europas größtem Seehafen Rotterdam auf Reede und vor Antwerpen, der Nummer zwei. Das bestätigt auch ein Blick auf den Schiffsortungsdienst Vesselfinder.

Beim Hafenlogistiker HHLA, Betreiber von drei Containerterminals im größten deutschen Seehafen, werden die Sorgenfalten dennoch tiefer. „Das ist eine neue Situation, die ein einzelner Terminalbetreiber nicht auflösen kann“, sagt HHLA-Sprecher Hans-Jörg Heims gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Allein zehn Schiffe warten im Bereich der Elbmündung auf eine Löschung an den Terminals der HHLA.

IFW-Ökonom Stamer führt das Problem in Europa vor allem darauf zurück, dass sich die riesigen Staus vor den großen US-Häfen an der Westküste inzwischen aufgelöst haben. Dort lagen bis vor einigen Monaten teils mehr als 100 Schiffe auf Reede, weil die Häfen und der Hinterlandverkehr mit dem Entladen und dem Weitertransport der Waren nicht hinterherkamen. „Das Problem verlagert sich von einer Ecke der Welt zur anderen“, so Stamer. Auch vor chinesischen Häfen kommt es wegen Corona-Lockdowns immer wieder zu Staus.

HHLA-Sprecher Heims nennt drei Faktoren, die mutmaßlich für den Rückstau im Hamburger Hafen verantwortlich sind. „Viele Logistikunternehmen haben in Voraussicht vor drohenden Lockdowns in China ihre Lager voll gemacht, hätten zudem Lagerkapazitäten und Personalbestand heruntergefahren“, zählt Heims auf. Dazu kämen massive Störungen in der Struktur der Deutschen Bahn, die ihren logistischen Anforderungen bedingt durch Verspätungen, Baustellen und Witterungseinflüsse nicht vollumfänglich nachkommen könne. „Als dritten Grund vermute ich eine Kaufzurückhaltung der Verbraucher, vor allem Luxusgüter betreffend, so dass die Ware hier einfach liegen bleibt.“ Im Normalfall bleibt ein Container drei Tage im Hamburger Hafen. „Derzeit sind es sechs bis sieben“, so Heims, „es gibt sogar welche, die hier 30 Tage stehen bleiben“.

Um den Stau aufzulösen, führt die HHLA derzeit intensive Gespräche mit allen Beteiligten – mit Logistikunternehmen, vor allem aber mit Reedern. Die haben ein geradezu märchenhaftes erstes Quartal hinter sich: Allein die zehn größten Reedereien haben, bedingt durch den Nachholeffekt nach der Pandemie und knapp gewordene Transportkapazitäten, allein im ersten Quartal 2022 einen Gewinn von 43,1 Milliarden Dollar gemacht, was einer Verdreifachung zum sehr guten Vergleichszeitraum vor der Pandemie bedeutet.

Eine Auflösung des Staus ist bitter vonnöten. Denn in frühestens sechs bis acht Wochen droht ein neuer Ansturm von Containerschiffen, die nach dem langen Lockdown vor eineinhalb Wochen endlich Schanghai verlassen konnten. Und noch ein Problem beschäftigt die Hamburger Hafenbetreiber, wenn auch im Vergleich weniger dramatisch: Im Tarifkonflikt mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi ist am Freitag eine letzte Gesprächsrunde angesetzt – scheitert die, drohen Streiks.

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