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Starkes Geschäft mit dem Ausland

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Von: Frank-Thomas Wenzel

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Der deutsche Außenhandel hat zum Jahresende noch mal eine Schippe draufgelegt.
Der deutsche Außenhandel hat zum Jahresende noch mal eine Schippe draufgelegt. © Ingo Wagner/dpa

Die Exporte legen im November kräftig zu, auf den Straßen sind mehr LKW unterwegs. Allerdings hat der Boom auch Schattenseiten.

Das sieht doch prächtig aus: Der deutsche Außenhandel hat zum Jahresende noch mal eine Schippe draufgelegt. Nach einem ohnehin starken Oktober legten die Exporte im November noch einmal kräftig zu. Es wirkt auf den ersten Blick beinahe so, als würde es Corona gar nicht geben. Denn das Geschäft mit dem Ausland lag deutlich über dem Vorkrisenniveau. Auch die vielen Lkw auf den Autobahnen sind ein Hinweis dafür, dass die Wirtschaft brummt. Doch beim genaueren Hinsehen lassen sich auch Schattenseiten erkennen.

Zunächst die wichtigste Zahl: Die deutschen Unternehmen haben im November nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) Waren im Wert von knapp 126 Milliarden Euro exportiert – das sind gut zwölf Prozent mehr als im Vorjahr. Überdurchschnittlich viel haben die Firmen in die anderen EU-Staaten und in die USA geliefert. Was den Groß- und Außenhandelsverband BGA dazu bringt, nicht mit Eigenlob zu geizen: Die guten Werte basierten „auf der Qualität der Produkte und der Erfahrung der deutschen Unternehmen auf den Weltmärkten“, sagte BGA-Präsident Dirk Jandura.

Und einiges spricht dafür, dass es so weitergehen könnte. So hat Destatis gemeldet, dass im November zahlreiche Großaufträge aus dem Ausland eingegangen sind. Enorme Zuwächse gab es für den Fahrzeugbau – einer der stärksten Sektoren der hiesigen Wirtschaft. Spürbar nach oben ging es nicht nur bei den Bestellungen, sondern auch bei der Produktion von Kraftfahrzeugen. Aber noch stärker fiel das Plus in der Kategorie aus, zu der Flugzeuge, Schiffe und Züge gehören. All diese Bestellungen sind nichts anderes als künftige Umsätze.

Apropos Transport: Die Destatis-Fachleute haben für den Dezember 2021 beim Lkw-Maut-Fahrleistungsindex ein Plus von 1,4 Prozent gegenüber November registriert. Der Index rangiert damit knapp unter dem absoluten Höchststand, der im Dezember 2020 erreicht wurde, und deutlich über dem Wert der Monate vor der Corona-Krise. Die Daten des Mautsystems werden bei dem Index ausgewertet. Er ist ein Frühindikator, ermöglicht aktuelle Aussagen über die wirtschaftliche Entwicklung, denn es insbesondere in großen Bundesländern mit viel Industrie besteht laut Destatis ein „deutlicher Zusammenhang zwischen Lkw-Fahrleistung und dem Umsatz im verarbeitenden Gewerbe“.

Ungetrübt ist das Konjunkturbild aber nicht. BGA-Chef Jandura macht darauf aufmerksam, dass man einen „gewissen Preis- und Nachholeffekt“ berücksichtigen müsse. Ein Teil der positiven Entwicklungen habe noch immer mit der guten Corona-Lage im Sommer zu tun. Zur Erinnerung: Damals war von Omikron noch keine Rede, die Inzidenzen lagen vielfach nahe null. Restriktionen wurden aufgehoben. Zugleich liefen große Wiederaufbau- und Infrastrukturprogramme an – besonders in Europa und den USA.

Für das Exportwachstum seien nun überwiegend Preissteigerungen verantwortlich, und nicht ein Mehr an Gütern, die verschifft würden, erläutert auch Volker Treier, Experte für Außenwirtschaft beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Mit den höheren Preisen wurden vielfach die Verteuerungen beim Einkauf von Materialien und Vorprodukten weitergegeben. Unterm Strich ist dann bei den Firmen nicht viel mehr übrig geblieben.

Die Preisaufschläge sind eine Folge der gesteigerten Nachfrage, die durch Covid-Lockerungen und staatliche Investitionsprogramme ausgelöst wurden. So spricht auch Jandura von Logistikproblemen, Lieferengpässen und hohen Energiepreisen. Deshalb könne man nicht davon ausgehen, dass sich der Außenhandel „auch in den kommenden Monaten so prächtig entwickeln wird“. ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski formuliert es so: „Lieferengpässe halten die deutsche Industrie im Würgegriff.“ Die Produktion ging Destatis zufolge im Dezember leicht zurück. Auch weil viele Aufträge von der Industrie nicht abgearbeitet werden konnten.

Der positive Aspekt davon: Das Erledigen der Bestellungen wird einfach auf später verschoben. Zudem hat die Marktforschungsfirma IHS Markit herausgefunden, dass Lieferketten wieder stabiler werden und der Preisdruck in Europa sinkt, was auch der französische Notenbankchef Francois Villeroy gerade bestätigt hat.

Und dann gibt es neben dem Export als zweite wichtige Stütze für die Konjunktur auch noch den privaten Konsum. Das gewerkschaftsnahe Wirtschaftsforschungsinstitut IMK schätzt, dass die Deutschen 2020 und 2021 insgesamt 180 Milliarden Euro zusätzlich gespart haben. Eine gewaltige Kaufkraft. Für IMK-Direktor Sebastian Dullien jedenfalls sind die „klassischen Zutaten für eine starkes Konjunkturjahr 2022“ gegeben.

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