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„Sehr kühl und besonnen reagiert“

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Von: Harald Stutte

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Hans-Lothar Domröse, General des Heeres der Bundeswehr a.D. und ehemaliger Befehlshaber eines Nato-Kommandos.
Hans-Lothar Domröse, General des Heeres der Bundeswehr a.D. und ehemaliger Befehlshaber eines Nato-Kommandos. © Metodi Popow/Imago

Ex-General Domröse über Irrläufer in Polen: Selbst beim Bündnisfall hätte die Nato noch Handlungsspielraum.

Herr Domröse, aus der Sicht des ehemaligen hohen Nato-Generals: Wie dramatisch ist der Vorfall in Polen?

Ich war gerade auf einer von internationalen Militärs besuchten Konferenz in der litauischen Hauptstadt Vilnius, im Baltikum ist man natürlich supernervös. Zumal im Nachbarland Polen. Jetzt tritt da nach einer Nacht der Aufregung eine gewisse Entschärfung der Situation ein. Was bleiben wird, ist vor allem in Osteuropa die Erkenntnis, dass dieser Krieg hier längst angekommen ist, jetzt sogar mit zwei toten Zivilpersonen. Im Unterschied zu dieser aufgeregten öffentlichen Wahrnehmung herrscht unter den Nato-Generalen und -Admiralen aber eine gewisse professionelle Routine.

Reagieren die Menschen in den Nato-Staaten also zu dünnhäutig auf solche Vorfälle?

Absolut nicht. Man darf öffentliche Debatten wie in den osteuropäischen Staaten oder in Deutschland nicht mit der Reaktion der Verantwortlichen gleichsetzen. Gerade in Polen war das ein riesiges Thema, das liegt aber auch im Kalkül der dortigen PiS-Regierung. Verantwortliche Militärs haben dagegen sehr kühl, abwägend und besonnen reagiert. Ich selbst halte einen russischen Angriff auf ein Nato-Land für nahezu ausgeschlossen. Putin, der nicht einmal mit der Ukraine fertig wird, wird sich doch nicht mit der ultramodernen Nato anlegen. Es wird zeitnah eine Klärung des Vorfalls mit der fehlgeleiteten S-300 geben.

Aber was wäre passiert, hätte es sich bei den Raketen um russische Irrläufer gehandelt?

Auch das hätte nicht automatisch zum Bündnisfall geführt. Dann hätte es einen Austausch von Protestnoten gegeben. Nach einem Irrläufer appelliert man an die andere Seite, solche Risiken künftig zu vermeiden. Auch für den Fall eines „crazy colonels“, wie wir das nennen, also dass da ein durchgeknallter Oberst auf den Auslöser drückt, haben wir Sicherheitsvorkehrungen in Form von Kommunikationskanälen zur anderen Seite.

Interview: Harald Stutte

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