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Schmutziger Reichtum in „Londongrad“

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Von: Susanne Ebner

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Der Eaton Square wird auch Roter Platz genannt.
Der Eaton Square wird auch Roter Platz genannt. © AFP

Großbritannien hat vermögende Kreml-Vertraute bislang kaum behelligt.

Eine Frau mit einer imposanten braunen Pelzmütze und schwarzer Sonnenbrille wartet vor einer Privatschule auf ihr Kind, zwei junge Leute fahren mit einem glänzend-blauen Sportwagen vor, in den Auslagen der Läden liegen Uhren im Wert von um 40 000 Euro. Ein Spaziergang durch das Viertel Knightsbridge im Londoner Stadtbezirk Kensington und Chelsea, in dem sich auch das Nobelkaufhaus Harrods befindet, offenbart schnell: Wer hier wohnt, ist reich.

Neben wohlhabenden Einheimischen besitzen hier Chines:innen und Russ:innen Häuser und Wohnungen. Deren Wert liegt nicht selten im zweistelligen Millionenbereich, wie ein Blick in die Schaufenster der Immobilienagenturen erahnen lässt. Tatsächlich sind russische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, die im Zuge des Kollapses der Sowjetunion reich wurden, in manchen Vierteln Londons so zahlreich vertreten, dass die britische Hauptstadt auch „Londongrad“, und einzelne Orte wie der Eaton Square „Roter Platz“ genannt werden.

Unter den solventen Käufern aus dem Osten befinden sich auch viele Putin-nahe Oligarchen. Laut Transparency International, einer Nichtregierungsorganisation zur Bekämpfung von Korruption, ist in den vergangenen Jahren britisches Eigentum im Wert von mindestens 1,5 Milliarden Pfund an eine russische Klientel verkauft worden, der schmutzige Finanzgeschäfte vorgeworfen werden und enge Beziehungen zum Kreml.

Da verwundert es nicht, dass das „Moskau an der Themse“ zu einer touristischen Attraktion geworden ist. Vor der Pandemie nahmen politische Aktivisten wie Roman Borisovich Interessierte auf eine besondere Busfahrt von Highgate über St. John’s Wood nach Belgravia mit. Dort zeigten sie Häuser, die Kreml-Vertrauten und ihren Großfamilien gehören sollen. Häuser, die diese mutmaßlich nur deshalb erwerben können, weil Immobilienagenturen und Banken bei kriminellen Machenschaften wegschauen oder gar dabei helfen, Geldwäsche zu betreiben. „London ist einer der korruptesten Orte der Welt“, sagte Borisovich.

Vorwürfe gegen Tories

Anscheinend schaute der britische Staat auch bei der Vergabe der sogenannten Tier-1-Investoren-Visa, auch „goldene Visa“ genannt, nicht genau hin. Sie ermöglichten es Geschäftsleuten, gegen die Zahlung von knapp 2,4 Millionen Euro einen beschleunigten Aufenthaltsstatus zu erlangen. Seit der Einführung im Jahr 2008 sind auf diesem Wege etwa 11 000 Menschen nach Großbritannien gekommen, hauptsächlich aus Russland und China.

Zu denjenigen, die so ihren Weg nach Großbritannien fanden, gehörte auch die Aserbaidschanerin Zamira Hajiyeva. Die Frau, die einmal rund 19 Millionen Euro im Kaufhaus Harrods ausgegeben hat und mit einem Bankier verheiratet ist. Der sitzt mittlerweile im Gefängnis. Heute könnte sich die 58-Jährige nicht mehr so einfach mit Geld den Weg auf die Insel bahnen. Denn Mitte Februar wurde das „goldene Visum“ endgültig abgeschafft, als Reaktion auf den drohenden Krieg zwischen Russland und der Ukraine.

Hajiyeva war auch die Erste, die sich vor der britischen Finanzaufsichtsbehörde aufgrund eines im Jahr 2018 eingeführten Gesetzes im Kampf gegen Korruption und organisierte Kriminalität rechtfertigen musste. Es ermöglicht dem Staat, Geld- oder andere Vermögenswerte zu prüfen, deren Finanzierung nicht plausibel ist. Hajiyevas ungeklärter Reichtum – darunter auch ein Haus in Knightsbridge im Wert von mehr als 14 Millionen Euro – soll beschlagnahmt werden, kündigten Politiker:innen an.

Dieses Vorgehen ist aus Sicht von Kritiker:innen halbherzig. „Die Gesetze scheinen angemessen, ihre Umsetzung nicht“, sagte der Ökonom und Aktivist Arthur Doohan dieser Zeitung. Labour-Abgeordnete kritisierten in diesem Zusammenhang auch, dass es zu viele Verbindungen zwischen russischen Oligarchen und Spenden an die Tories gebe. Sie forderten die konservative Partei auf, rund 2,4 Millionen Euro zurückzugeben.

Die Tories wiesen den Vorwurf zurück. „Alle Spenden stammen von Personen, die in Großbritannien im Wahlregister stehen und wurden ordnungsgemäß deklariert“, sagte Außenministerin Liz Truss. Ein Bericht des parlamentarischen Komitees „Intelligence and Security Committee“ machte 2020 überdies auf die mögliche Einflussnahme im House of Lords, dem britischen Oberhaus, aufmerksam.

Geld aus Russland ist nach den Beobachtungen von Insidern über die Jahre in viele Wirtschaftsbereiche gesickert, vor allem in Immobilien. Das hat eine enorme Luxus-Serviceindustrie mit Vermögensberatung und juristischem Beistand zum Erblühen gebracht. „Diese hat wenig Interesse daran, Oligarchen als Kundschaft zu verlieren, ganz egal ob sie Putin nahestehen oder ihr Geld in London waschen wollen“, sagte die Soziologin Elisabeth Schimpfössl dieser Zeitung. Sie lehrt an der Aston University und ist Autorin des Buches „Rich Russians“ (Reiche Russen).

Lukrative Beziehungen

Auch in der Politik seien wenige motiviert, ihre lukrativen Beziehungen aufs Spiel zu setzen. „Johnsons individuelle Sanktionsliste ist gewissermaßen ein Signal an sie, dass sie sich in Großbritannien sicher fühlen können“, sagte Schimpfössl. „Die sogenannte Kleptokraten-Zelle, eine Sonderermittlungsgruppe, die Johnson gründen will, um schmutziges Geld in Großbritannien ausfindig zu machen, „wird erstmal wenig Eindruck machen“.

An der Luxus-Einkaufsmeile Sloan Street.
An der Luxus-Einkaufsmeile Sloan Street. © imago images/Jochen Tack

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