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Russlands langes Siechtum

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Von: Harald Stutte

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Die russische Zentralbank hat im Sommer eine neue 100-Rubel-Note zu Ehren der sowjetischen Soldaten in Umlauf gegeben.
Die russische Zentralbank hat im Sommer eine neue 100-Rubel-Note zu Ehren der sowjetischen Soldaten in Umlauf gegeben. © Imago

Die Wirtschaft des Landes wirkt trotz aller Sanktionen westlicher Staaten überraschend widerstandsfähig. Tatsächlich steht sie vor einem dramatischen Abstieg.

Der 1. September ist eine Zeitenwende in Russland – nicht weil Krieg ist, der nicht Krieg heißen darf. Traditionell enden an diesem Tag die endlos langen russischen Sommerferien, die am 31. Mai beginnen. Mit Beginn des Septembers verliert das Leben der 144 Millionen Russen und Russinnen traditionell stets ein wenig dieser sommerlichen Leichtigkeit.

Nicht wenige Russen vor allem in den Metropolen St. Petersburg und Moskau befürchten, dass dies der letzte unbekümmerte Sommer für lange Zeit gewesen ist. Denn die Symptome der „militärischen Spezialoperation“ schleichen sich ins Leben der ganz normalen Bürgerinnen und Bürger: in Form einer ungezügelten Propaganda, der erhöhten Nervosität der Staatsmacht, einer Gerüchtepolyphonie, was zum Beispiel die Zahlen eigener Verluste betrifft – und natürlich der wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges.

So schlecht der Krieg militärisch für den Kreml läuft, so überrascht man ist, dass ein großer Teil der Welt diesen Angriffskrieg einhellig ablehnt – wirtschaftlich hat sich Russland bislang als erstaunlich widerstandsfähig erwiesen. Sieben Sanktionspakete der EU, dazu Sanktionen der USA und anderer westlicher Länder wie Japan – doch der von Expert:innen vorausgesagte tiefe Einbruch der russischen Wirtschaft ist bislang ausgeblieben.

„Ich fahre durch Moskau und stehe in den gleichen Staus wie früher“, so Andrej Netschajew, zwischen 1992 und 1993 russischer Wirtschaftsminister, gegenüber dem US-Sender CNN mit Blick auf die Geschäftigkeit im Herzen der Hauptstadt. An der Oberfläche hat sich nicht viel geändert, abgesehen von ein paar leeren Ladenfronten, die einst westliche Marken beherbergten, die zu Hunderten aus dem Land geflohen sind. McDonald’s heißt heute übersetzt „Lecker und Punkt“, die 130 Filialen von Starbucks hat der Putin-Freund Timati, ein national-patriotischer Rapper, vor kurzem als „Stars Coffee“ neu eröffnet.

Der Exodus westlicher Unternehmen und die sich anschließenden Sanktionswellen haben ganz sicher Einfluss auf das Leben der Menschen vor allem in den Großstädten gehabt. Bekannte Marken verschwanden aus den Schaufenstern, kamen aber über Drittstaaten und mit überhöhten Preisen zurück. Der Rubel fiel zunächst ins Bodenlose, ist aber heute teurer als vor einem Jahr – also lange vor dem Krieg.

Doch die Härte des Rubel ist nicht Abbild einer starken russischen Wirtschaft, sondern das Ergebnis aggressiver Kapitalkontrollen durch die russische Zentralbank und von Zinserhöhungen gegen eine Inflation, die mit 18 Prozent im April ihren Höchststand erreichte und im Gesamtjahr zwischen zwölf und 15 Prozent leicht über der in Westeuropa liegen wird. Die Lebenshaltungskosten in Russland sind dramatisch angestiegen.

„In Bezug auf den Lebensstandard, wenn man ihn am Realeinkommen misst, sind wir etwa zehn Jahre zurückgefallen“, sagte Netschajew der CNN. Die russische Regierung gibt viel Geld aus um die Kriegsfolgen zu kaschieren. Im Mai kündigte sie an, die Renten und den Mindestlohn um zehn Prozent anzuheben. Zudem wurde ein System eingerichtet, bei dem Mitarbeiter:innen von Unternehmen, die Russland verlassen haben, vorübergehend zu einem anderen Arbeitgeber wechseln können, ohne ihren Arbeitsvertrag zu verletzen.

Trotz der Sanktionen gegen russische Güter, trotz des Verbots von Öleinfuhren, der Drosselung der Gasexporte und des Ausschlusses der russischen Währung von den internationalen Devisenmärkten sank die russische Wirtschaftsleistung in den Monaten April bis Juni lediglich um vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Zum Vergleich: Um 7,4 Prozent schrumpfte die russische Wirtschaft dagegen im Corona-Jahr 2020.

Fast die Hälfte der Staatseinnahmen, nämlich 45 Prozent, machen die Einnahmen aus dem Öl- und Gassektor aus. Das vom Westen verhängte Embargo gegen russisches Öl – es betrifft bislang 75 Prozent der russischen Ölimporte in die EU und 100 Prozent in die USA – galt zunächst als „schärfstes Schwert“ im Wirtschaftskrieg. Doch im Juli exportierte Russland laut Bloomberg noch immer 7,4 Millionen Barrel Öl pro Tag – vor allem Dank erhöhter Ausfuhren nach Indien.

Laut der Internationalen Energieagentur haben sich die Einnahmen Russlands aus dem Verkauf von Öl und Gas nach Europa zwischen März und Juli dieses Jahres im Vergleich zum Durchschnitt der letzten Jahre sogar verdoppelt – bei einem Rückgang des Volumens. Der hohe Preis für Rohstoffe erweist sich für Russland als Segen.

Nach Schätzungen der Firma Kpler, die den Energiemarkt beobachtet, erhöhte China seine Seeimporte russischen Öls bis Juli um 40 Prozent, Indien sogar um mehr als 1700 Prozent. Das alles klingt nach einem Verpuffen der westlichen Sanktionen. Doch das ist nicht so. Chinas Wachstumsziel von 5,5 Prozent für 2022 wurde soeben dramatisch nach unten korrigiert. China kann nicht mehr russisches Öl kaufen, weil die heimische Nachfrage nachlässt, sagt Houmayoun Falakshali von Kpler. Und höhere Rabatte, als Russland diesen Staaten bereits einräumt, wird sich Moskau nicht leisten können. Langfristig hat sich Russland durch die politische Instrumentalisierung seiner Rohstoffexporte – das Land hat kaum andere Einnahmequellen – seiner wirtschaftlichen Zukunft beraubt.

„Die Auswirkungen von Sanktionen werden eher ein langsameres Brennen („slow burn“) als ein schneller Treffer sein“, prophezeit Chris Weafer, Gründer von Macro Advisory Ltd, einem Beratungsunternehmen. „Russland sieht jetzt möglicherweise einer langen Phase der Stagnation entgegen.“

Eine Stagnation, die auch nicht endet, falls Russland morgen seine Politik ändert. Das Land, das mit einer wirtschaftlichen Leistung pro Einwohner:in auf dem Niveau des ärmsten EU-Mitglieds Bulgarien rangiert, hat durch den Angriffskrieg die Handelsbeziehungen zu den wirtschaftlich stärksten Staaten der Welt nachhaltig zerstört. Diese wieder aufzubauen braucht Vertrauen – ein Kapital, dessen Wert sich nicht in Dollar bemessen lässt.

Tiefgreifende Auswirkungen auf Russlands Wirtschaft haben Technologiesanktionen, wie sie bereits die Luftfahrtindustrie betreffen. Die weltweiten Exporte von Halbleitern nach Russland sind seit Ausrufung der Sanktionen um 90 Prozent eingebrochen, gab US-Handelsministerin Gina Raimondo im Juni bekannt.

Das lähmt die Produktion von vielen Produkten, von Autos bis zu Computern. Fachleute glauben, im globalen Technologiewettlauf wird Russland noch weiter zurückfallen. Was schon heute dazu führt, dass Russlands größter Autoproduzent Lada (AvtoVAZ) Pkw produziert, die technisch beinahe auf Sowjet-Niveau sind: Ohne ABS, ohne Airbag, ohne Stabilitätsprogramm und Gurtstraffer. Der Motor erfüllt nur noch die Euro-5-Norm – die trat 1996 in Kraft.

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