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Rettungsdienste am Limit

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Von: Alisha Mendgen

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Tatsächlich auf dem Weg zu einem Notfalleinsatz?
Tatsächlich auf dem Weg zu einem Notfalleinsatz? © imago images/Gottfried Czepluch

Die Belastung der Rettungsdienste steigt seit Jahren an: Die Johanniter berichten 2022 schon von 14 Prozent mehr Einsätzen. Doch woran liegt das und wie könnte das Problem gelöst werden?

Nur noch ein Rettungswagen der Feuerwehr für 3,7 Millionen Menschen – das war vergangene Woche in Berlin Realität. Dieser Ausnahmezustand hielt zwar nur für einige Minuten an, doch Rettungsdienste in Deutschland sind schon seit vielen Jahren stark ausgelastet. Die Johanniter-Unfall-Hilfe etwa beobachtet seit langer Zeit eine Zunahme der Einsätze. „Wir sehen seit Jahren ein steigendes Einsatzaufkommen in der Notfallrettung“, teilt eine Sprecherin dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) mit.

2019 verzeichneten die Johanniter rund 747 000 Notfalleinsätze, im untypischen Pandemiejahr 2020 sank die Zahl leicht auf rund 737 000 Notfalleinsätze – die Entwicklung geht allerdings nach oben. „In 2021 hatten wir rund 774 000 Notfalleinsätze abzuarbeiten“, hieß es weiter. „Ein ansteigender Trend zeichnet sich auch für 2022 ab: Im März dieses Jahres hatten wir über 14 Prozent mehr Notfalleinsätze als im Vorjahresvergleichszeitraum.“ Seit Jahren gebe es bereits ein deutliches Gefälle zwischen ländlichen und städtischen Regionen. Die Sprecherin erklärte, in urbanen Regionen werde der Rettungsdienst öfter zu Einsätzen alarmiert, die sich letztlich nicht als Notfalleinsätze herausstellten.

Die Rettungsdienste werden in Deutschland von den Ländern und Kommunen organisiert. Neben den Johannitern und der Feuerwehr sind auch das Deutsche Rote Kreuz und weitere Hilfsorganisationen für Notfalleinsätze zuständig. Die Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren berichtet von einer ähnlichen Situation wie die Johanniter. „Wir beobachten zwar einen Anstieg von Rettungsdiensteinsätzen, der lässt sich aber nicht pauschal auf ganz Deutschland übertragen“, sagt der Chef der Arbeitsgemeinschaft, Jochen Stein, dem RND. So seien die Fallzahlen je nach Region und Rettungsdienstträger unterschiedlich.

Doch warum steigt die Zahl der Einsätze weiter an? Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen zieht neben regionalen Besonderheiten auch gesellschaftliche Entwicklungen als Ursachen heran. „Die Gesellschaft wird immer älter und einsamer, auch chronische Krankheiten haben sehr stark zugenommen“, erklärt der Bundestagsabgeordnete, der selber früher als Arzt beim Rettungsdienst Berlin gearbeitet hat. „Viele gerade ältere und auch arme Menschen sind hilflos, weil sie niemanden haben, der sie in Krankheitsfällen unterstützen kann.“

Dahmen schlägt strukturelle Veränderungen in den Leitstellen vor, die die Notrufe entgegen nehmen. Die Beschäftigten benötigten mehr Möglichkeiten, auf Notrufe von Patient:innen zielgerichtet zu reagieren. „Nicht bei allen Patienten ist es die beste oder gar einzige Antwort, einen Rettungswagen zu schicken“, ergänzt er. „Zum Beispiel sollten die Leitstellen die Möglichkeit haben, auch Sozialarbeiter und Fachkräfte der Psychiatrie schicken zu können oder Pflegekräfte in Pflegeheime zu entsenden, die dort beispielsweise direkt vor Ort einen Katheter wechseln können.“

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