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Reichste Chinesin im freien Fall

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Von: Fabian Kretschmer

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Milliardärin Yang Huiyan.
Milliardärin Yang Huiyan. © picture alliance/dpa/HPIC

Die Geschichte der Immobilien-Unternehmerin Yang Huiyan spiegelt die tiefgreifende Transformation der chinesischen Wirtschaft unter Staatspräsident Xi Jinping wider.

Für Asiens reichste Frau war 2022 bisher ein desaströses Jahr: Yang Huiyan hat mehr als die Hälfte ihres Vermögens verloren, das sich einst auf knapp 24 Milliarden Dollar belief. Und nun steht auch ihre Immobilienfirma Country Garden vor ernsthaften Liquiditätsproblemen.

Das Schicksal der 41-jährigen Unternehmerin steht symbolisch für die drastischen Transformationen der chinesischen Gesellschaft unter Xi Jinping. Und ihr Schicksal zeigt auch auf, dass der „chinesische Traum“ zwar viele Leute in Windeseile zu unvorstellbarem Reichtum geführt hat, doch dass dieser genauso schnell wieder dahinschmelzen kann.

Die im südchinesischen Shunde geborene Yang Huiyan avancierte bereits mit 24 Jahren zu einer der jüngsten Milliardärinnen überhaupt. Ihr Vater, ehemals einfacher Arbeitsmigrant, der in den 1990er Jahren im boomenden Perlflussdelta das Bauunternehmen Country Gardens gründete, vermachte Yang nur ein Jahr nach ihrem Bachelorabschluss 70 Prozent der Firmenanteile.

Das Geschäftsmodell war ebenso simpel wie genial: Es versorgte die chinesische Mittelschicht, die jährlich um mehrere Millionen anwuchs, mit modernen Appartements. Während die Wirtschaft im zweistelligen Prozentbereich wuchs und die Bevölkerung erstmals die Dynamik der Marktwirtschaft erlebte, schienen die Immobilienentwickler über Jahrzehnte nur eine Richtung zu kennen: höher, schneller, weiter.

Die Bauprojekte wurden immer ehrgeiziger, die Kreditvergabe der Banken an die Unternehmen immer lockerer. Und für die Bevölkerung, die im Schnitt bis zu drei Viertel ihres Ersparten anlegt, galten Immobilien bisher als sichere Option. Ihr Preis stieg stetig – auf ein Niveau, dass der Traum vom Eigenheim insbesondere in den Ostküstenmetropolen für die breite Mittelschicht längst nicht mehr erreichbar ist. Doch alternative Anlagemöglichkeiten sind praktisch nicht vorhanden: Die Kurse der heimischen Aktienmärkte gleichen einer Achterbahnfahrt, und im Ausland dürfen die Chinesen ihr Geld wegen strikter Kapitalverkehrskontrollen nicht investieren.

Aufgrund des anhaltenden Immobilienbooms stand Yang Huiyan 2018 auf ihrem unternehmerischen Zenit. Allein in den ersten vier Tagen des Jahres hatten die gestiegenen Aktienkurse ihren Reichtum um zwei Milliarden Dollar vermehrt. Damals war es eine Sensation: In den männerdominierten Reichen-Listen Asiens schoss plötzlich eine Chinesin auf die vorderen Plätze vor.

Doch im China unter Xi Jinping ist diese Auszeichnung ein zweischneidiges Schwert. „Wenn man oben auf der jährlichen Reichen-Liste drauf ist, steht man bereits in der Schlange, um als Nächster abgeschlachtet zu werden“, sagt etwa Desmond Shum, ein ehemaliger Bauunternehmer, der nun im Londoner Exil lebt. „Xi Jinping gestaltet sämtliche Bereiche der Gesellschaft um. Für Unternehmer ist dieser Prozess beängstigend“, sagt der 57-Jährige.

Und tatsächlich propagiert Xi Jinping wenige Ideen so prominent wie seine Vision vom „gemeinsamen Wohlstand“; praktisch keine Rede des Staatschefs kommt ohne diesen Slogan aus. Im Bemühen, die Gesellschaft egalitärer zu gestalten, hat sich Xi im 2021 auch die Immobilienbranche vorgeknöpft: Wohnraum solle in China nicht länger Spekulationsgut und Immobilien sollten für den Mittelstand wieder bezahlbar sein. Die Regulierung wurde massiv verstärkt: Baufirmen müssen seither wesentlich höhere Anforderungen erfüllen, um Bankkredite zu erhalten.

Diese Bedingungen wirken nachvollziehbar. Doch lösten sie eine schmerzhafte Kettenreaktion aus, die nicht nur das weltweit am höchsten verschuldete Unternehmen, Evergrande, zum Straucheln brachte, sondern die gesamte Branche. Viele der Marktführer konnten plötzlich ihre Schulden nicht mehr tilgen.

Yang Huiyans Unternehmen Country Garden schien zunächst glimpflich durchs Krisenjahr zu kommen. Doch Ende Juli sorgte der Immobilienentwickler ebenfalls für Schockwellen – indem er Aktien mit einem 13-prozentigen Rabatt verkaufte, um Kapital zu beschaffen. Ein Teil davon werde benötigt, um ausstehende Schulden zu bedienen, hieß es. Die Märkte reagierten empfindlich: Im Vergleich zu vor vier Jahren beträgt der Aktienkurs von Country Garden nur noch ein Siebtel.

Es ist freilich davon auszugehen, dass Yang Huiyan angesichts der Umwälzungen in der Immobilienbranche ihre Schäfchen bereits ins Trockene gebracht hat. Laut Medienberichten hat sie vor Jahren die zypriotische Staatsbürgerschaft erworben, die der Inselstaat potenten Investoren anbot.

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