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Rasche Aufnahme

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Von: Christoph Höland

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Erster Schritt: Anmelden in der lokalen Ausländerbehörde.
Erster Schritt: Anmelden in der lokalen Ausländerbehörde. © dpa

Geflüchtete aus der Ukraine haben gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Auch weil sie schnell anfangen können.

Ivan Kychatyi ist dieser Tage ein gefragter Mann: Mit Freunden hat er eine Jobbörse für Geflüchtete gegründet. „Uns war es einfach wichtig, etwas zu tun“, erzählt der in Berlin lebende Ukrainer, der keine drei Wochen nach dem russischen Angriff auf sein Heimatland begonnen hat, Landsleute auf dem europäischen Arbeitsmarkt unterzubringen. Dort sind sie so willkommen wie nur wenige Flüchtlinge vor ihnen.

Dabei ist klar, dass die Aufnahme, Versorgung und Verteilung der mittlerweile gut 125 000 nach Deutschland geflohenen Ukrainerinnen und Ukrainer Priorität hat. „Jetzt geht es erst einmal darum, die Menschen bei ihrer Ankunft in Deutschland zu unterstützen und gut unterzubringen“, sagte Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer bei der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA).

Doch zugleich haben Arbeitgeber und Gewerkschaften schon klargestellt, dass aus ihrer Sicht nichts gegen eine rasche Arbeitsaufnahme der Geflüchteten spricht. „Die Unternehmen, Betriebs- und Personalräte stehen bereit“, erklärten die Sozialpartner. Man wolle einen Beitrag zur Aufnahme, Aus- und Fortbildung und Arbeitsmarktintegration der Geflüchteten leisten, hieß es.

Während Syrerinnen und Syrer 2015 monatelang auf Asylstatus und Arbeitserlaubnis warten mussten, geht es bei Geflüchteten aus der Ukraine schneller: Die europäischen Staatschefs haben sich in der vergangenen Woche auf die Aktivierung der sogenannten Massenzustromrichtlinie der EU verständigt. Wer aus der Ukraine geflohen ist, bekommt automatisch Zugang zu Sozialleistungen, zum Bildungssystem und auch zum Arbeitsmarkt.

„Wir begrüßen, dass die Bundesregierung bei der Umsetzung ein unbürokratisches Vorgehen anstrebt und hierzu auch bereits erste wichtige Entscheidungen getroffen hat“, lobt Kampeter – zumal eine weitere Hürde gefallen ist: Geflüchtete aus der Ukraine bekommen bei der Registrierung eine pauschale Arbeitserlaubnis von den Ausländerbehörden. Das normalerweise notwendige Jobangebot müssen sie dafür nicht vorweisen, hieß es am Montag beim Innenministerium.

Damit sind auf juristischer Ebene alle Weichen für eine rasche Arbeitsaufnahme gestellt. Trotzdem ist aus Kampeters Sicht der Handlungsbedarf groß: „Zügig geklärt werden muss auch, dass Zugang zu Integrations- und Sprachkursen besteht.“ Wie das flächendeckend organisiert wird, steht bislang nicht fest.

In welchen Berufen die Geflohenen unterkommen, ist bislang ebenso offen. Die von Kychatyi gegründete Plattform „UA Talents“ richtet sich an IT-Kräfte. Andere Angebote wie „Jobaid“ vermitteln vor allem Stellen in der Pflege. Insgesamt sei das Bildungsniveau in der Ukraine vergleichsweise hoch, „die Geflüchteten werden überdurchschnittlich gut qualifiziert sein“, prognostiziert Herbert Brücker vom Arbeitsmarktforschungsinstitut IAB.

Sorgen macht Brücker, dass ukrainische Geflüchtete entlang des Asylbewerberleistungsgesetzes unterstützt werden: Zuständig für Sozialleistungen sind Ausländerbehörden, nicht Jobcenter – obwohl ihm zufolge die Empirie nach 2015 gezeigt hat, dass die Betreuung durch letztere zu einer besseren Arbeitsvermittlung und einer höheren Erwerbsbeteiligung führt. „Es wäre besser, die Geflüchteten aus der Ukraine direkt ans SGB-II-System anzudocken“, fordert der Arbeitsmarktexperte.

Wie Kampeter und zahlreiche andere Fachleute geht aber auch Brücker davon aus, dass eine sofortige Arbeitsaufnahme der – oft mit Kindern geflohenen – Ukrainerinnen und Ukrainer nicht die höchste Priorität hat: Es sei vernünftig, jetzt die entsprechende Infrastruktur aufzubauen, „aber erstmal geht es um andere, humanitäre Themen“.

Das sieht auch Kychatyi so. Aber den Geflüchteten sei schon jetzt die rasche Arbeitsaufnahme wichtig. „Die Tatsache, dass wir schon Tausende Bewerbungen erhalten haben, zeigt doch, dass der Bedarf da ist“, meint der Ukrainer.

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