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Raketenwerfer als Symbol des Widerstands

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Von: Sven Christian Schulz

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Anderthalb Dutzend extrem mobile „Caesar“-Haubitzen hat Frankreich bis dato an die ukrainischen Streitkräfte geliefert. Im Bild feuert ein „Caesar“ auf russische Stellungen im Donbass.
Anderthalb Dutzend extrem mobile „Caesar“-Haubitzen hat Frankreich bis dato an die ukrainischen Streitkräfte geliefert. Im Bild feuert ein „Caesar“ auf russische Stellungen im Donbass. © AFP

Nur verstärkte Waffenlieferungen aus dem Westen werden der Ukraine langfristig nutzen.

Himars“, ruft der ukrainische Sänger und Oberst Taras Borovok in seinem neuesten Song, der auf dem Youtube-Kanal der ukrainischen Landstreitkräfte läuft. Darin feiert er den gleichnamigen Mehrfachraketenwerfer aus den USA, mit denen die Ukrainer den russischen Truppen schon empfindliche Gegenschläge zufügen konnten.

Mindestens 20 russische Depots sollen mithilfe der Himars bereits zerstört worden sein, heißt es allenthalben. Die Werfer sind zu einem Symbol des ukrainischen Widerstands geworden – sogar Tassen mit Himars drauf gibt es. Derzeit verfügt die Ukraine über acht der Systeme, in Kürze werden es zwölf sein, und bald sollen weitere aus Deutschland und Norwegen dazukommen.

„Die Kombination aus westlichen Waffenlieferungen, Aufklärungsinformationen und der Taktik haben dazu geführt, dass die Ukraine die russischen Angriffe aufhalten konnte“, bilanziert Markus Reisner, Oberst im Generalstab des österreichischen Bundesheeres. „Jetzt helfen die schweren Waffen, dass die Ukraine Zeit gewinnen und sich konsolidieren oder sogar Gegenangriffe beginnen kann“, schätzt er im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Dort, wo die Ukraine westliche Waffen einsetzt, kann sie das Blatt tatsächlich immer öfter wenden. Im Süden musste Russland seine Verteidigung der besetzten Gebiete verstärken, um deren Rückeroberung zu verhindern. Fotos und Satellitenbilder zeigen, wie die Stellungen in Mariupol, Saporischschja und Cherson mit Hunderten Soldaten und Gerät aufgestockt werden. Bei lokalen Zusammenstößen werden russische Einheiten immer wieder derart bedrängt, dass sie sich stellenweise sogar ins Hinterland zurückziehen.

„Diese Raketen zerstören russische Munitionsvorräte der Artillerie sowie taktische Hauptquartiere mit hochrangigen russischen Offizieren“, beschreibt der australische Militärstratege Mick Ryan einen der möglichen Gründe für die russischen Rückschläge. „Sogar Luftverteidigungssysteme haben sich als anfällig für diese Raketen erwiesen.“ Wenn die Ukraine noch mehr Kommandostellen von Frontabschnitten zerstören kann, sieht Ryan die Organisation größer angelegter russischer Operationen infrage gestellt.

Deutschland hat laut Analyse des „Ukraine Support Trackers“ beim Kieler Institut für Weltwirtschaft bisher Waffen im Wert von 290 Millionen Euro an die Ukraine geliefert. Damit liegt die Bundesrepublik auf Platz sechs der Unterstützerliste, hinter Norwegen, Kanada, Großbritannien, Polen und den USA. Aber selbst wenn alle – inklusive Deutschland – weiter liefern, reicht es nicht. Der österreichische Oberst Reisner sagt: „Die westlichen Waffenlieferungen decken nur 10 bis 15 Prozent des Bedarfs der Ukraine.“ Auch komme das Kriegsgerät nur Stück um Stück an und müsse erst gesammelt werden, um sinnvoll im Verbund eingesetzt zu werden. „Das passiert aber nur zu einem geringen Teil, weil schwere Waffen so dringend gebraucht werden.“ Für einen wirklich durchschlagenden Erfolg sei der Umfang der Waffenlieferungen zu gering.

Am meisten haben der Ukraine die etwa 250 Kampfpanzer aus polnischen und tschechischen Beständen geholfen. Sie werden vorrangig im Raum Charkiw und Cherson eingesetzt. Allerdings konnte Reisner bereits Bilder verifizieren, wonach nicht wenige dieser Panzer zerstört oder von den Russen erbeutet wurden. Einer der Gründe ist die fehlende Luftüberlegenheit, mit denen diese Panzer hätten geschützt werden können. Reisner vermutet, dass die Ukraine nur noch 15 bis 20 einsatzfähige Maschinen hat. Zu wenig, um auch nur einen kleinen Bereich des ukrainischen Luftraums zu verteidigen.

Doch die ukrainische Armee hat gelernt, mit dem Mangel so gut wie möglich auszukommen: So haben IT-Fachleute des Militärs eine Software entwickelt, mit dem sie die zwölf Panzerhaubitzen aus Deutschland und den Niederlanden viel effektiver einsetzen können als das im Westen bislang möglich ist. „Innerhalb einer halben Minute folgt das digitale Kommando und Schüsse fallen“, konstatiert der stellvertretende Nato-Generalsekretär David van Weel beeindruckt. Zum Vergleich: Deutsche wie Niederländer bräuchten „mindestens 20 Minuten“ dafür. Im Nato-Hauptquartier heißt die Software längst nur noch „Artillerie Uber“.

Elektronische Kriegsführung hat nach Angaben des Experten Franz-Stefan Gady längst einen so großen Einfluss in der Ukraine, dass sie die Geschwindigkeit von Operationen massiv verlangsamt oder beschleunigt. „Derzeit dominiert Russland die elektronische Kriegsführung“, sagt Gady, der am Londoner Institute for Strategic Studies arbeitet. Doch langfristig sei die Zeit aufseiten der Ukraine. „Allerdings nur wegen der westlichen Unterstützung mit Munition, Waffenlieferungen, militärischen elektronischer Kriegsführung, Geheimdienstinformationen und Feindaufklärung.“

Um die Ukraine von Gegenschlägen abzuhalten, gerät daher auch die elektronische Kriegsführung ins Visier der russischen Streitkräfte. „Die Ukraine verliert eine sehr hohe Anzahl an Drohnen und muss auch viele weitere Verluste im Bereich der elektronischen Kriegsführung hinnehmen“, so Gady. So haben die Russen gelernt, mit Störsendern Drohnen auszuschalten.

Moskau setzt aber auch auf eigene Drohnen. Eine Taktik sei laut Oberst Reisner, die Wälder durch den Raketenbeschuss mittels Kampfhubschrauber vom Typ KA-52 und Suchoi-SU25-Erdkampfflugzeugen entlang der Front in Brand zu schießen und so die ukrainischen Verbände ins offene Gelände zu treiben. „Dort können sie von Drohnen aufgeklärt und von der Artillerie bekämpft werden.“

Was der Ukraine wirklich helfen würde, meint Reisner, seien Fliegerabwehrsysteme, mit denen sie ihren eigenen Luftraum wieder verteidigen könnte. Denn die Russen fliegen immer wieder strategische Angriffe auf ukrainische Ziele und zerstören laufend Treibstoffdepots und Werkstätten, in denen Panzer instandgesetzt werden. Deutschland hat zwar zugesagt, das Flugabwehrsystem Iris-T zu liefern. „Aber die Ukraine ist riesig und bräuchte Dutzende davon“, so Reisner. Unter dem Schutzschirm der Fliegerabwehr hätte die Ukraine aber eine gute Chance, eine erfolgreiche Gegenoffensive durchzuführen.

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