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Putins Fassade bröckelt

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Von: Matthias Koch

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Handel im chinesischen Hafen Qingdao: Peking vereinbarte kurz vor Kriegsbeginn eine „strategische Partnerschaft“ mit Moskau. Foto: AFP.
Handel im chinesischen Hafen Qingdao: Peking vereinbarte kurz vor Kriegsbeginn eine „strategische Partnerschaft“ mit Moskau. Foto: AFP. © AFP

Russland simuliert Normalität, doch die westlichen Sanktionen treffen das Land bereits sehr schmerzhaft – und mit langfristigen Folgen.

Der Schlag aus dem Westen war hart und kam früh. Er traf Wladimir Putin, das angebliche strategische Genie, plötzlich und unerwartet. Es geschah schon Ende Februar, kurz nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine.

In einem historisch beispiellosen Zusammenspiel gelang es staatlichen und privaten Finanzinstitutionen in Europa, den USA und Japan, die in ihren Staaten geparkten Auslandsguthaben der russischen Zentralbank einzufrieren. Moskau konnte plötzlich nicht mehr an einen großen Teil seine Sparbücher im Ausland. 388 Milliarden US-Dollar wurden für Putin plötzlich unzugänglich.

Noch immer gilt im Westen das Vorgehen gegen die russische Zentralbank als „die Mutter aller Sanktionen“. Es war der Beweis von Handlungsfähigkeit über den Kreis der Nato-Staaten hinaus, der große Gong, dem seither viele weitere Vibrationen folgten, angefangen vom Ausschluss Russlands aus dem internationalen Zahlungssystem Swift bis hin zu unzähligen Einzelsanktionen, vor allem im Bereich Handel, Finanzen und Technologie. Sage und schreibe 8716 Einzelsanktionen listete zu Beginn dieser Woche das „Russia Sanctions Dashboard“ der Firma Castellum.AI auf.

Doch im Westen wächst inzwischen Misstrauen. Während die Gaskrise in Deutschland Millionen von Menschen verunsichert, scheint in Russland alles weiterzugehen wie bisher. Mehr noch: Wegen steigender Preise kassiert Moskau für Öl und Gas noch mehr als vor dem Krieg, auch der Rubel ist gestiegen. Ist Russland am Ende der Gewinner im Machtspiel mit dem Westen?

Tatsächlich ist eher so etwas im Gang wie eine gigantische optische Täuschung. Während in deutschen Talkshows jeden Abend die neuesten Ängste angesichts einer zu stark von Russland abhängigen Energiewirtschaft diskutiert werden, simuliert Putins Staatsfernsehen in gewohnt gleißendem Stil Stärke und Normalität.

Längst rutscht eine zunehmende Zahl russischer Unternehmen in die roten Zahlen. Es ist aber verboten, darüber öffentlich zu reden. Entlassungen wurden, vorläufig jedenfalls, untersagt. In Großunternehmen, die nichts mehr zu tun haben, organisiert der Staat „Kurzarbeit null“ – die Leute können zu Hause bleiben. Kleineren Firmen wird verboten, Bilanzen zu veröffentlichen.

Wie lange aber wird Putin diese Simulation von Normalität aufrechterhalten können?

Janis Kluge, Russland-Experte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, verfolgt seit fünf Monaten haarklein jede Veränderung in der russischen Wirtschaft. Sein Eindruck ist: Ein Teil der Sanktionen wird ihre Wirkung erst in den kommenden Monaten voll entfalten. Sogar schon jetzt aber gehe es für Russland steiler bergab, als die westliche Öffentlichkeit dies wahrnehme.

Seit Februar ist das russische Bruttoinlandsprodukt bereits um sechs Prozent gesunken. Bis Jahresende dürfte sich das Minus auf zehn Prozent auswachsen. „Russland befindet sich also bereits in einer tiefen Rezession, ausgelöst durch die westlichen Sanktionen“, sagt Kluge dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Russlands Bedarf an Ersatzteilen, besonders in High-Tech-Sektoren, kann nicht mehr gedeckt werden. Dass der praktische Effekt erst verzögert eintritt, hat mit Corona zu tun. Für einige Zweige der Wirtschaft war wegen der Pandemie eine längere Lagerhaltung vorgeschrieben worden. Zwar gibt es, wenn die letzten Lager leer sind, eine theoretische Möglichkeit der Beschaffung von Ersatzteilen auf Schwarzmärkten und über Drittstaaten – „darauf lässt sich aber keine Massenproduktion aufbauen“, betont Kluge.

In der russischen Automobilindustrie, nach internationalem Vorbild angelegt auf Just-in-Time-Produktion, ließ der Mangel an Chips die Produktion schon im Mai zusammenbrechen – um 97 Prozent. Investoren wie VW, Mercedes und Renault sind aus Russland verschwunden. Sie boten Hunderttausenden Beschäftigung. Inzwischen wird in den betroffenen Werken umgerüstet auf russische Eigenmarken. Die neue Version des „Lada Granta“ etwa kommt künftig als „Classic 2022“ daher: ohne ABS, ohne Airbags, ohne Abgasreinigung – und ohne Verkaufserfolg.

Russische Zivilflugzeuge können in großen Teilen der Welt nicht mehr landen, nicht mehr nur wegen der Sanktionen, sondern auch wegen wachsender Sicherheitsbedenken angesichts nicht mehr gewarteter oder nicht mehr ausgetauschter Teile und Turbinen. Weil Produkte von Boeing und Airbus für Russland nicht mehr zur Verfügung stehen, investiert Putin jetzt auch auf diesem Feld eilends Milliarden in „nationale Lösungen“. Geplant ist unter anderem der Bau neuer Turboprop-Maschinen für den russischen Inlandsflugverkehr.

Westliche Fachleute glauben, Putin baue immer neue Kartenhäuser auf – die alsbald zusammenklappen werden. Der Verkauf von Öl und Gas verstelle den Blick auf eine dramatische Verdüsterung. Mehr denn je fehle dem Land an allem, was Wirtschaft ausmache: Kapital und Arbeit. Russland habe erstens einen Mangel an Investoren, kein Mensch investiere in dem Land derzeit auch nur einen Euro. Zweitens verjage Putin gerade noch die letzten jüngeren Fachkräfte. Mehrere Hunderttausend IT-Fachleute haben sich seit Kriegsausbruch ins Ausland abgesetzt.

Dies alles trübt sogar aus Sicht chinesischer Investoren das Bild Russlands. Zwar hat die Regierung in Peking wenige Tage vor Kriegsbeginn im Februar eine „strategische Partnerschaft“ mit Russland bekundet. Derzeit aber ist China dem Kriegsherrn im Kreml nur insoweit behilflich, als es Peking selbst nutzt: China kauft mehr russisches Öl und Gas, fertig. Der High-Tech-Konzern Huawei etwa fuhr schon im April Investitionen und Personal in Russland runter.

Wie aber soll aus Russland jemals noch einmal eine dynamische Wirtschaftsregion werden? Immer mehr Fachleute erwarten nach der jetzigen russischen Rezession keine schnelle Aufwärtsbewegung (V-Theorie) und auch keine langsame (U-Theorie). Das Land werde durch den jetzt eintretenden Modernitätsverlust vielmehr dauerhaft absinken auf ein niedrigeres Niveau. Die L-Theorie, glaubt Alexey Yusupov, Russland-Kenner der Friedrich-Ebert-Stiftung, sei das wahrscheinlichste Szenario – und zugleich das härteste für Land und Leute. Russland werde „um 30 Jahre nach hinten geworfen“.

Hinter den Kulissen bröckelt es bereits beträchtlich. Erstmals seit vielen Jahren wurden jetzt beispielsweise keine neuen Büroflächen in Moskau mehr geschaffen: nicht nötig. Landauf, landab ging die Zahl der Stellenanzeigen rapide zurück. Und in manchen Staatsbetrieben versuchen Personalchefs, überflüssig gewordenen Angestellten eine Datscha-Lösung schmackhaft zu machen: Lohnlücken durch Arbeitslosigkeit oder Frühverrentung sollen sie privat ausgleichen, durchs Beackern eigener kleiner Flächen rund um eine Hütte im Grünen.

Unklar bleibt aber, ob und wann die sich ausbreitende Unsicherheit in Russland auf das politische System durchschlägt. Die „echte Arbeitslosigkeit“ in Russland sieht Yusupov je nach Branche zwischen 8 und 25 Prozent. Die Jobs von etwa 12 Prozent der offiziell beschäftigten Russen hingen an ausländischen Investoren.

Viele Konzerne zogen sich aber aus Russland zurück, ohne dazu durch politische Beschlüsse von Regierungen gezwungen worden zu sein. Dass die Russen jetzt dennoch auf vieles verzichten müssen, liegt am „reputational risk“, das die Firmen für sich selbst sahen, einer Gefahr fürs eigene Ansehen.

In diesen überschießenden, rein privatwirtschaftlich begründeten Entscheidungen sieht Velina Tchakarova, Direktorin des Austria Instituts für Europa- und Sicherheitspolitik in Wien, einen sogar weltweit wirksamen Teil der Russland-Sanktionen. „Die Chinesen haben sich das ganz genau angesehen“, sagt sie. In Peking gebe es die Sorge, bei einem Überfall Chinas auf Taiwan ebenfalls mit Sanktionen überzogen zu werden. Im Fall Russlands sei deutlich geworden, dass die Firmen dazu nicht erst gezwungen werden müssen.

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