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Ölpreise sinken stark

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Von: Frank-Thomas Wenzel

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Eine Ölpumpe in Midland, Texas.
Eine Ölpumpe in Midland, Texas. © Getty Images via AFP

US-Präsident Joe Biden und die aktuelle Pandemiewelle in China drücken die Notierung. Ob das bei den Autofahrerinnen und-fahrern ankommt ist aber fraglich.

Der Preis für Brentöl ist am Freitag deutlich in Richtung 100-Dollar-Marke gerutscht. Das entspricht dem stärksten Rückgang innerhalb einer Woche seit fast zwei Jahren. Ob Autofahrer:innen die Abschläge zu spüren bekommen, ist indes fraglich.

Noch vor einer Woche lag die Notierung für die Referenzsorte deutlich oberhalb von 120 Dollar pro Fass (159 Liter). Dann folgten turbulente Tage an den Rohstoffmärkten. Auf der einen Seite: die Unsicherheiten durch die Kämpfe in der Ukraine, die eher preistreibend wirken. Andererseits kündigte US-Präsident Joe Biden Mitte der Woche an, riesige Mengen aus den strategischen Ölreserven der USA freizugeben. Die Regierung in Washington beschloss, dass täglich eine Million Fass auf den Markt gepumpt werden, und zwar für ein halbes Jahr. Biden hat es mit einem großen Chor von Autofahrern zu tun, die sich über die Rekordpreise für Sprit beschweren. Deshalb die bislang größte Intervention dieser Art.

Am Freitag schalteten sich dann Vertreter der Mitgliedsländer der Internationalen Energieagentur (IEA) zusammen, um ebenfalls über die Freigabe von Reserven zu debattieren. Nach Angaben der Finanznachrichtenagentur Bloomberg hofft Biden darauf, dass sich verbündete Staaten dazu entschließen, insgesamt bis zu 50 Millionen Fass zusätzlich locker zu machen. Ergebnisse der IEA-Beratungen lagen bei Redaktionsschluss noch nicht vor.

Schon am Donnerstag hatte sich das Erzeugerkartell Opec+ darauf verständigt, die Förderung um 430 000 Fass pro Tag hochzuschrauben. Was sich nach viel anhört, kommt tatsächlich fast einer Rationierung gleich. Seit August 2021 erhöht der Club der Mineralölproduzenten die Menge monatlich um 400 000 Fass. Doch seither ist die Nachfrage durch das Abflauen der Pandemie erheblich stärker gestiegen.

IEA-Direktor Fatih Birol hat in den vergangenen Monaten die Förderstaaten mehrfach aufgefordert, die Gewinnung des Rohstoffs auf ein Niveau zu steigern, das der Nachfrage entspricht. Doch die Scheichs und ihre Mitstreiter machen da nicht mit, was als eine Solidaritätsbekundung für Wladimir Putin gewertet werden kann – Russland gehört auch zur Opec+. Die hohen Preise garantieren Putin enorme Einnahmen – solche aus allen Energieexporten Russlands könnten in diesem Jahr nach Hochrechnungen des Institute of International Finance um die gigantische und beispiellose Summe von mehr als 200 Milliarden Dollar steigen. Der größere Teil kommt aus dem Ölgeschäft.

Dass trotz der Knauserigkeit der Opec+ der Ölpreis zum Wochenende nachgab, hat ganz maßgeblich mit China zu tun. In der Volksrepublik, die einer der wichtigsten Importeure des Rohstoffs ist, grassiert derzeit eine neue Pandemiewelle. Rohstoffhändler erwarten nun offenbar, dass es in nächster Zeit weitere Einschränkungen geben könnte – die bei früheren Pandemiewellen sehr rigide ausgefallen waren. Fabriken wurden wochenlang geschlossen, was die industrielle Fertigung bremste. Und damit ging auch die Nachfrage nach Kraftstoff zurück. Das könnte sich nun wiederholen.

Unklar ist, wie sich das an hiesigen Tankstellen bemerkbar machen wird. Dass Autofahrer:innen von gefallenen Ölpreisen bislang wenig gespürt haben, könne damit zusammenhängen, „dass die mineralölverarbeitende Industrie ihre Margen und damit ihre Gewinne erhöht hat“, teilt das Verbraucherportal Clever Tanken mit. Das Kartellamt soll deshalb zwar nicht mehr nur die Tankstellen, sondern auch Großhändler und Raffinerien genauer beobachten. Doch wann dies greife, sei ebenso ungewiss wie die geplanten Steuerentlastungen beim Sprit, so Clever-Tanken-Chef Steffen Bock.

Besonders Dieselfahrer:innen müssen aktuell tief in die Tasche greifen. Der Kraftstoff ist in den vergangenen Wochen teurer als Super-Benzin geworden. Das hat aber nichts mit Margen zu tun, sondern mit dem Krieg und mit Heizöl, das Diesel sehr ähnlich ist. Normalerweise warteten Hausbesitzer:innen mit dem Kauf von Heizöl bis in die günstigen Sommermonate, so Bock: „Da aber niemand weiß, wie sich die Situation in der Ukraine entwickelt, greifen viele schon jetzt zu.“ Das steigert die Preise von zähflüssigeren Kraft- und Brennstoffen.

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