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„Null Covid“ und kein Ende

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Von: Fabian Kretschmer

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Obwohl die Kritik immer lauter wird, will Peking das Land womöglich für Jahre isolieren.

Es ist ein Halbsatz, der viele Menschen in China jüngst aufhorchen ließ. „In den nächsten fünf Jahren wird Peking die Pandemieprävention unermüdlich vorantreiben“, kündigte Pekings oberster Parteisekretär Cai Qi in der Staatszeitung „Beijing Ribao“ an. Heißt im Klartext: Die 1,4 Milliarden Chines:innen müssen sich wohl langfristig auf die harte „Null Covid“-Strategie mit Lockdowns, Massentests und geschlossenen Grenzen einstellen.

Weltweit ist die Volksrepublik eine der letzten verbliebenen Corona-Bastionen, die ihre Grenzen de facto geschlossen hält und selbst bei kleinsten Infektionsherden mit drastischen Schritten reagiert. Auch zweieinhalb Jahre nach der ersten Welle hat sich an der grundlegenden Prämisse wenig geändert: Die Ausbreitung des Virus soll vollständig eingedämmt werden.

Doch angesichts der hohen wirtschaftlichen Kosten gingen die meisten Fachleute bisher davon aus, dass die chinesische Regierung nach dem wichtigen 20. Parteikongress im Herbst eine schrittweise Lockerung ihrer Corona-Strategie anstrebe. Andere hingegen befürchten bereits seit längerem, dass Peking viele der während der Pandemie eingeführten Vorschriften – allen voran die digitale Überwachung und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit – auf unbestimmte Zeit beibehalte.

Fragile Normalität

Weitere fünf Jahre „Null Covid“ sind für die Chines:innen eine Hiobsbotschaft. Und siehe da: Nur wenige Stunden nach der umstrittenen Aussage Cai Qis änderten die Staatsmedien das Zitat kurzerhand ab und entfernten die konkrete Zeitangabe. Über die Hintergründe lässt sich nur spekulieren. Die empörte Reaktion der Öffentlichkeit war jedenfalls mehr als deutlich: Selten hat sich so offen gezeigt, dass die Menschen der strengen „Null Covid“-Strategie überdrüssig sind.

„Es scheint, dass jeder bereits vergessen hat, dass es das Ziel der Pandemiebekämpfung ist, irgendwann wieder zum normalen Leben zurückzukehren“, schreibt ein Nutzer auf der Online-Plattform Weibo. Unzählige Weitere äußerten sich ähnlich, ehe die Zensurbehörde die kritischen Kommentare löschte.

Dabei erhalten die Menschen Unterstützung von offizieller Seite. Hu Xijin, bis zu seiner Pensionierung Chefredakteur bei der einflussreichen „Global Times“, schrieb etwa: „Niemand will in Peking die nächsten fünf Jahre so leben, wie es in den letzten sechs Monaten der Fall war“.

Die meisten Hauptstadtbewohner:innen dürften dem zustimmen. Denn spätestens mit dem Auftauchen der Omikron-Variante des Coronavirus geht die Kosten-Nutzen-Rechnung der chinesischen Politik nicht mehr auf. Um die hochansteckende Variante einzudämmen, wurden die Vorschriften immer drastischer, flächendeckender und häufiger verhängt. Die nahezu 26 Millionen Einwohner:innen Schanghais etwa wurden zwei Monate lang in ihre Wohnungen gesperrt.

Trotzdem hat China es erneut geschafft, alle Infektionsherde im Land unter Kontrolle zu bringen. Doch die Normalität ist fragil, die Situation kann jederzeit wieder kippen. Oder, wie es ein deutscher Manager zynisch formulierte: „Nach dem Lockdown ist vor dem Lockdown“.

Bei der europäischen Handelskammer in Peking geht man ebenfalls davon aus, dass China „möglicherweise über den Sommer 2023 hinaus“ seine Grenzen nicht vollständig öffnen könne. Das liege vor allem an der „vergleichsweise niedrigen Impfrate bei den über 60-Jährigen“. Der Internationale Währungsfonds kritisierte zuletzt sogar, dass eine ausreichende Herdenimmunität mittlerweile „eine Angelegenheit von Jahren“ sei.

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