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Notbremsung auf der Linken: Hennig-Wellsow tritt zurück

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Von: Alisha Mendgen

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Hennig-Wellsow konnte Angriffe schwer abperlen lassen. Foto: Michael Reichel/dpa
Hennig-Wellsow konnte Angriffe schwer abperlen lassen. © dpa

Nach Vorwürfen sexueller Gewalt in der Partei erklärt die Bundesvorsitzende Hennig-Wellsow ihren Rücktritt - die Linke stürzt immer tiefer in die Krise.

Der Rücktritt der Linke-Chefin lag in der Luft. Die Berichte über mutmaßliche Fälle sexualisierter Gewalt im hessischen Landesverband erscheinen ungeheuerlich, die Bemühungen um Klarheit schleppend. Überraschend war am Mittwochmittag nur: Nicht die in die Vorgänge möglicherweise verwickelte Bundesvorsitzende und ehemalige hessische Landtagsfraktionschefin Janine Wissler zog die Reißleine, sondern ihre Ko-Chefin Susanne Hennig-Wellsow.

Umgehend wurde in der Partei darüber spekuliert, dass auch Wissler gehen müsse. Mehr noch: In Fraktionskreisen hieß es sogar, der Schritt von Hennig-Wellsow könne auch Druck auf die Fraktionsvorsitzenden im Bundestag Dietmar Bartsch und Amira Mohamed Ali ausüben. Die Linke habe derart abgewirtschaftet, dass es einen radikalen Neuanfang geben müsse. Allerdings: Es sei niemand in Sicht der den „Karren aus dem Dreck“ ziehen könne.

Als ein möglicher Nachfolger an der Parteispitze wurde in Parteikreisen der Thüringer Minister für Kultur, Bundes- und Europaangelegenheiten und Chef der Staatskanzlei, Benjamin-Immanuel Hoff, gehandelt. Hoff habe sich schon seit Wochen in Stellung gebracht und die Lage sondiert, heißt es. Anfang April veröffentlichte der Linken-Politiker einen Diskussionsbeitrag zur Zukunft der Partei, in dem er eine „neue Kultur der Pluralen Linken“ fordert. Der Veröffentlichung waren zahlreiche Gespräche Hoffs unter anderem mit Bundestagsabgeordneten und Meinungsmacher:innen aus der Partei vorangegangen. Hoff gehört zum reformorientierten Flügel der Linkspartei. Aber: Er sei mehr ein Denker, weniger ein Macher. Hennig-Wellsow war als frühere Partei- und Fraktionsvorsitzende in Thüringen bei vielen Linken im Februar 2021 als Hoffnungsträgerin an der Bundesspitze gestartet. Sie ist pragmatisch und realpolitisch – anderen in der Partei gefiel jedoch genau das nicht.

Die 44-Jährige konnte parteiinterne Angriffe schwer abperlen lassen. Der früheren Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, Gregor Gysi, sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland: „Sie war in ihrer Funktion nicht glücklich und ist auch nicht glücklich gemacht worden.“

Bei der Bundestagswahl musste die Linke schwere Einbußen hinnehmen. Die neue Doppelspitze mit Wissler war schnell entzaubert. Die Wirren im Landesverband Saarland bekamen beide Frauen auch nicht in den Griff. Hennig-Wellsow schrieb am Mittwoch auf Ihrer Website: „Ich weiß um die vermeidbaren Fehler, die ich selbst gemacht habe.“ Sie hatte in Interviews etwa erschreckende Unkenntnis in der Außen- und Sicherheitspolitik offenbart. Dass die frühere Eisschnellläuferin mit ihrem Rücktritt aber offensichtlich kein Einzelfall bleiben will, machte diese Äußerung in ihrer Erklärung deutlich. Es sei Erneuerung nötig – „und diese Erneuerung braucht neue Gesichter, um glaubwürdig zu sein“.

Der Umgang mit Sexismus in den eigenen Reihen habe eklatante Defizite der Partei offengelegt. Der „Spiegel“ hatte über mutmaßliche Fälle sexualisierter Gewalt in der hessischen Linkspartei berichtet. Es gebe Dokumente mit Hinweisen auf mutmaßliche Grenzüberschreitungen, Machtmissbrauch und eine toxische Machokultur, schrieb das Magazin. Einer der Beschuldigten soll Wisslers Ex-Partner sein. Wissler bestreitet, dass sie jemanden geschützt habe. Die Linksjugend solid forderte die Einrichtung eines Fonds für alle Betroffenen, „die innerhalb der Partei sexuelle Übergriffe erlebt haben“. Bundessprecherin Sarah Dubiel sagte: „Daraus sollte ein Solidaritätsbeitrag finanziert werden, der die Betroffenen etwa bei Gerichts- und Anwaltskosten unterstützt.“ Der Bundesvorstand wollte am Mittwochabend zu einer Sondersitzung zusammenkommen. Im Landesverband Rheinland-Pfalz hatte es am Vortag eine Forderung gegeben: Neuwahlen und Verkleinerung des Bundesvorstandes.

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