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Nicht nur eine Rentenlücke

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Von: Johanna Apel

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Nach Berechnungen der OECD erhielt sie im Jahr 2019 durchschnittlich 46 Prozent weniger Rente als er.
Nach Berechnungen der OECD erhielt sie im Jahr 2019 durchschnittlich 46 Prozent weniger Rente als er. © imago images/Winfried Rothermel

Zum 1. Juli steigen die Altersbezüge. Der DGB verweist auf das Gefälle zwischen Männern und Frauen.

Angesichts der zum 1. Juli in Kraft getretenen Rentenerhöhung fordert der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) die Bundesregierung auf, mehr zu tun, um die Rentenlücke zwischen Männern und Frauen zu schließen. „Nur wenn wir die Sorgelücke, die Arbeitszeitlücke und die Entgeltlücke überwinden, wird sich auch die Rentenlücke schließen“, sagte Anja Weusthoff vom DGB-Bundesvorstand dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Als DGB erwarten wir von der Bundesregierung, dass sie diese Herausforderung annimmt und endlich die richtigen Weichen stellt“, so die Abteilungsleiterin für Frauen, Gleichstellungs- und Familienpolitik weiter.

In Deutschland bekommen Frauen durchschnittlich weniger Rente als Männer, was sich in der Rentenlücke (Fachenglisch: Gender Pension Gap) widerspiegelt. Der DGB verweist auf eine Statistik der Industriestaaten-Organisation OECD, die Deutschland eine denkbar schlechte Note ausstellt. In keinem anderen OECD-Land ist diese Lücke demnach größer: So bescheinigen die Zahlen von 2019 Deutschland eine Rentenlücke von 46 Prozent. Zwar gibt es auch andere Berechnungen – Weusthoff verweist etwa auf Statista-Zahlen, die ein Gefälle von 39 Prozent feststellen. Aber selbst wenn man die jüngsten Eurostat-Zahlen (31,5 Prozent) nimmt, bleibt das Bild ähnlich: Zwischen dem, was Männer und Frauen durchschnittlich an Rente bekommen, gibt es einen deutlichen Unterschied.

Anja Weusthoff nennt Gründe: „Es gibt eine große Diskrepanz im Arbeitszeitvolumen von Frauen und Männern“, sagt sie. Das beziehe sich nicht nur auf weniger Wochenstunden, sondern auch auf größere Auszeiten im Lebenslauf. Fast dreiviertel aller Mütter seien in Teilzeit tätig. „Weil sich Frauen eher um Familie, Kinder, Haushalt oder pflegebedürftige Angehörige kümmern, gehen sie viel zu oft in Teilzeit – oder ganz raus“, sagt Weusthoff. Häufig würden sie dann nicht mehr die Vollzeit-Erwerbsarbeit zurückkehren. Und wenn Frauen wieder einsteigen, dann oft auf Basis eines Minijobs, wo meist keine Rentenpunkte gesammelt werden. Aus dem Gender Pay Gap – also der Lohnlücke zwischen Männern und Frauen – werde so im Laufe der Jahre ein Gender Pension Gap, sagt Weusthoff weiter. „Das eine ist die Konsequenz aus dem anderen.“

Doch wie lässt sich die Rentenlücke schließen? „Was uns fehlt ist eine adäquate Kinderbetreuung“, meint Weusthoff, die auch stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Frauenrats ist. Vielerorts sei die Kinderbetreuung noch immer mit hohen Gebühren verbunden, die Betreuungszeiten oftmals viel zu kurz. Zwar gebe es einen Unterschied zwischen Ost und West, allerdings sei die Kinderbetreuung „viel zu selten für bedarfsgerecht“.

Das gleiche Problem, vielleicht sogar noch verschärfter, gebe es bei der Pflege von Angehörigen. „Das übernehmen dann diejenigen, die im Erwerbsleben weniger verdienen, also meist die Frauen“, so Weusthoff. Generell sei hier die Gesellschaft als Ganzes gefragt, um die Verteilung von Sorgearbeit zwischen Männern und Frauen gerecht aufzuteilen. Zwar sieht sie bereits Veränderungen: „Es gibt die Tendenz, dass sich Väter mehr engagieren“, sagt sie. Dennoch gelte: „Wenn wir wollen, dass mehr Frauen erwerbstätig sind, dann müssen Männer mehr Sorgearbeit leisten.“

Die Renten sind in Deutschland zum 1. Juli deutlich gestiegen – im Westen um 5,35 Prozent und im Osten um 6,12 Prozent. Es ist die größte Rentenerhöhung seit Jahrzehnten, rund 21 Millionen Rentnerinnen und Rentner erhalten durch sie höhere Bezüge.

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