1. Startseite
  2. Hintergrund

Nibelungentreue in merry old England

Erstellt:

Von: Susanne Ebner

Kommentare

Rishi Sunak und Liz Truss.
Rishi Sunak und Liz Truss. © dpa

Liz Truss und Rishi Sunak kämpfen mit Boris-Johnson-Nostalgie um die Macht

Es war eine Aussage, die Leute mit dem Ohr am britischen Radio aufmerken ließ: „Ich wollte, dass Boris Johnson weitermacht“, er habe doch einen „fantastischen Job“ gemacht, sagte Chefdiplomatin Liz Truss am Donnerstag bemerkenswert undiplomatisch.

Truss ist eine der beiden im Rennen um seine Nachfolge Verbliebenen. Sie heizte damit die Diskussionen um ein Problem an, das sie mit ihrem Konkurrenten, Ex-Finanzminister Rishi Sunak, teilt und welches die britische Tageszeitung „The Independent“ so umreißt: „Die Torys lassen Johnson hinter sich und machen mit Ministern weiter, die ihn unterstützt haben.“ Ist da Neuanfang überhaupt möglich?

Diese Woche verließ Noch-Premier Johnson die politische Bühne im Unterhaus. Zum letzten Mal beantwortete er dort Fragen. Als er den Saal verließ, klatschten viele Torys. Doch wer genau hinsah, konnte die Erleichterung in ihren Gesichtern sehen. Eines steht fest: Viele sind froh, ihn endlich loszuwerden. Schließlich hat er durch seinen von Lügen und Halbwahrheiten geprägten Führungsstil großen Schaden angerichtet.

Johnson hat nun also die Bühne freigemacht für das Duell der beiden, die ihm nachfolgen wollen. Sunak und Truss setzten sich in den vergangenen zwei Wochen in mehreren Wahlrunden gegen sechs Konkurrent:innen durch. Abgestimmt hatten die konservativen Parlamentsabgeordneten. Nun müssen die beiden die Parteibasis überzeugen. Denn die wird darüber entscheiden wer die Partei führt und damit in Downing Street 10 einzieht. Das Ergebnis ist für den 5. September angekündigt.

Liz Truss versucht sich nun als Reformerin zu präsentieren, vor allem aber, indem sie zur Bewältigung der Lebenshaltungskostenkrise massive Kürzungen von Steuern und Abgaben verspricht – finanziert durch Kredite. Den Beweis dafür, dass das funktionieren könne, habe die Ikone der Torys schlechthin erbracht: Margaret Thatcher. Jene Premierministerin also, die in den 80er Jahren durch ihre Wirtschaftspolitik Großbritannien gehörig umkrempelte. Was vielleicht gut klingt, hat zumindest einen Haken: Geringere Steuern würden wohl die hohe Inflation noch mehr in die Höhe treiben.

Rishi Sunak, ihr Konkurrent, will deshalb zunächst die Preissteigerungsrate in den Griff bekommen und verspricht erst mittelfristig Steuersenkungen. Als so ausgesprochener Pragmatiker hat er damit bislang zwar seine Fraktion überzeugt, nicht aber die Basis. Laut Umfragen liegt dort gerade Truss vorne. Ausgemacht ist ihr Sieg jedoch keineswegs. Zumal manche Parteimitglieder die Wahl zwischen beiden ohnehin mit einer Entscheidung zwischen Pest und Cholera vergleichen. Truss erscheint ihnen unsouverän, Sunak reich und abgehoben. Dass beide an Johnsons Brexit-Linie festhalten wollen, gilt ohnehin als ausgemacht.

Doch ganz gleich, wer am Ende die Schlüssel zur Downing Street erhält: Langfristig wird es für die Torys zum Problem werden, dass Sunak wie Truss an dem Chaos, dass bis zuletzt in der Regierung herrschte, Anteil haben. Sunak erhielt wie Johnson ein Bußgeld, weil er durch seine Teilnahme an einer Party 2020 gegen Corona-Regeln verstoßen hatte. Truss wiederholt nachgerade mechanisch, dass sie weiterhin loyal zu Johnson stehe.

Während ihr dies vielleicht kurzfristig hilft, um Brexit- und BoJo-Fans an der Parteibasis von sich zu überzeugen, schadet sie der Gesamtpartei damit auf lange Sicht. Denn die Labour-Opposition wartet derzeit nur auf solche Steilvorlagen. Sie wird in den nächsten Wochen und Monaten nicht müde werden, immer wieder an die unzähligen Verfehlungen Johnsons erinnern – und daran, dass seine Nachfolge ihm dennoch die Stange gehalten hat. Die Mehrheit der Tory-Abgeordneten wollte dieses Risiko eingehen. Im schlimmsten Fall kostet sie das die nächste Wahl.

Auch interessant

Kommentare