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Asien: Myanmar stürzt immer tiefer in die Krise

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Von: Felix Lill

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Eigentlich gibt es derzeit nicht viel zu feiern: Militärparade in Naypyidaw am Dienstag anlässlich von 74 Jahren Unabhängigkeit.
Eigentlich gibt es derzeit nicht viel zu feiern: Militärparade in Naypyidaw am Dienstag anlässlich von 74 Jahren Unabhängigkeit. © afp

In Myanmar verschärfen sich ein knappes Jahr nach dem Militärputsch die politischen und wirtschaftlichen Probleme. Millionen Menschen benötigen humanitäre Hilfe.

Naypyidaw – Vor einem Jahr befand sich das Land Myanmar im Südosten Asiens noch im Aufschwung. Gerade hatte die von der Demokratie-Ikone Aung San Suu Kyi angeführte Nationale Liga für Demokratie (NLD) mit einer beeindruckenden Mehrheit die Wiederwahl gewonnen. Das Wirtschaftswachstum hatte im Vorjahr trotz Corona-Pandemie gut drei Prozent betragen. Zwar gehörte das 54-Millionen-Land zu den ärmsten der Welt. Aber gerade die jüngere Generation war voller Tatendrang und Zuversicht. Die Zukunft für das seit rund einem Jahrzehnt demokratische Land sollte gut aussehen.

Mittlerweile fällt eine optimistische Perspektive schwer. Ein Report des Amts der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) kam vor kurzem zum Ergebnis, dass in diesem Jahr 14,4 Millionen Menschen in Myanmar voraussichtlich humanitäre Hilfe benötigen – ein Viertel der Bevölkerung. Ihnen wird es demnach am Nötigsten zum Leben fehlen: Essen, Strom und weitere Dinge von grundlegender Bedeutung. Von „nie dagewesenen“ Herausforderungen spricht die UN-Organisation.

Asien – In Myanmar wurde das wirtschaftliche Leben lahmgelegt

Seit Februar 2021 befindet sich Myanmar im freien Fall. Als das neugewählte Parlament zum ersten Mal tagen sollte, nahm das trotz der demokratischen Verfassung noch mit diversen Vetorechten ausgestattete Militär die wichtigsten NLD-Politiker:innen fest und putschte sich an die Macht. Es folgten zuerst friedliche Demonstrationen in den größeren Städten, dann ein Generalstreik. Bald schlug das Militär die Proteste nieder, begann sogar in Krankenhäuser zu schießen.

Das wirtschaftliche Leben im Land wurde lahmgelegt. Durch die Streiks fuhren kaum noch Lastwagen, die Waren von den Häfen ins Landesinnere transportierten. Diverse vom Militär kontrollierte Unternehmen – von der Herstellung von Zigaretten bis zum Bankenwesen – wurden von weiten Teilen der Bevölkerung boykottiert. Und weil sich das Militär krakenartig über die myanmarische Volkswirtschaft ausbreitet, würden generell ans Militär gerichtete Sanktionen aus dem Ausland leicht auch die gesamte Bevölkerung treffen.

Minderheiten in Myanmar:

Myanmar (eigentlich Burma, der jetzige Name ist der sprachliche Machtanspruch des Militärs) ist verfassungsgemäß wie Deutschland eine föderale Republik. Damit sollte 1948 nach der Unabhängigkeit vom British Empire sichergestellt werden, dass die 135 Ethnien im Staatsgebiet friedlich miteinander auskommen. De facto hat es seit der Unabhängigkeit nie Frieden in dem Land gegeben.

Die buddhistischen Bamar, mit 70 Prozent Bevölkerungsanteil die größte Ethnie, unterdrücken konsequent alle anderen Gruppen und Religionen. Die geben in ihrem Widerstand dann auch kein Pardon. Die christlichen Karen, die Chin und Kachin konnten sich ab und an eine gewisse Autonomie erkämpfen, die Zentralstreitkräfte konnten die separatistischen Paramilitärs immer wieder besiegen und vertreiben.

Am Westrand des Landes sind die Rohingya beheimatet, eine sunnitische Minderheit, die mehr mit dem benachbarten Bangladesch gemein hat als mit Burma. Ihre Ethnie erkannte ihnen die Militärregierung 1982 ab. Seitdem werden sie so unterdrückt, dass die UN bereits von Genozid sprechen. (rut)

Asien – Das Land Myanmar leidet noch immer unter politischem Chaos

Diese Mischung aus politischem Chaos und ökonomischen Anfälligkeiten inmitten einer Pandemie machen die Lage im Land bis heute besonders schwierig. So gibt OCHA als wichtigste Gründe für die zunehmende Hilfsbedürftigkeit gestiegene Preise für Lebensmittel und Benzin an. Die Preissprünge erklären sich einerseits dadurch, dass im Land ein reeller Mangel der grundsätzlichsten Güter besteht, zumal Myanmar stark von Importen abhängig ist. Indem viele Menschen inmitten des Chaos ihren beruflichen Tätigkeiten kaum noch nachgehen können, lässt auch die Kaufkraft nach.

Hinzu kommt, dass der Wert des Kyat, der nationalen Währung, seit dem Putsch stark an Wert verloren hat. Dies liegt nicht nur daran, dass ausländische Unternehmen ihr Geld abgezogen haben. Im Land sind allmählich auch die Reserven von US-Dollar aufgebraucht. Und da die US-Währung als krisenfester gilt, ist die Nachfrage nach dem knapper gewordenen ausländischen Zahlungsmittel gestiegen, während der Kyat dagegen an Wert verliert. Seit Monaten wird auch von einer Währungskrise gesprochen.

Myanmar in Asien: Tausende Gegner:innen des Regimes befinden sich in Haft

Was den Nachwuchs angeht, zitiert der OCHA-Bericht weitere Probleme, die durch Covid-19 entstanden sind und sich inmitten der politischen Konflikte noch schwieriger beheben lassen: Rund zwölf Millionen Kinder konnten seit Beginn der Pandemie zumindest teilweise nicht zur Schule gehen. In einem Land mit einer Internetpenetration von nur rund einem Drittel kann gerade in ländlichen Gebieten kaum auf Onlineunterricht umgeschwenkt werden. Myanmar verliert derzeit also zudem künftiges Humankapital, das dem Land bald wieder auf die Beine helfen könnte.

Auch politisch zeichnet sich im Land kein Ende des Konflikts ab. Seit dem Putsch vor gut elf Monaten sind laut der Unterstützungsvereinigung für Politische Gefangene (AAPP) an die 1400 Menschen inmitten der Proteste gestorben. Rund 8200 befinden sich demnach derzeit in Haft. Ende des vergangenen Jahres wurde mit Aung San Suu Kyi die wichtigste Identifikationsfigur zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Nur scheinen diese Entwicklungen die Gegner:innen des Militärs weniger einzuschüchtern als anzustacheln. Am Montag (03.01.2022) berichtete die AAPP wieder von fünf weiteren „gefallenen Helden“.

Asien: Myanmars Schattenregierung sammelt im Ausland Geld für Waffen

Der Konflikt ist derart eskaliert, dass die Toten, die sich für die Demokratie eingesetzt haben, nicht nur beweint, sondern auch heroisch bejubelt werden. Eine aus der Mitte der Protestanführer:innen und der vor dem Putsch gewählten Politiker:innen gebildete Schattenregierung hat bereits im Ausland Geld gesammelt, um einen bewaffneten Kampf gegen das Militär zu führen.

Dies wiederum sucht die Nähe zum mächtigen China. Mitte Dezember wurde bestätigt, dass das Militärregime fortan für den Handel mit dem nördlichen Nachbarland die chinesische Währung Renminbi als Zahlungsmittel akzeptieren wird. In Myanmar, das für Chinas Handelsprojekt der Neuen Seidenstraße eine wichtige Rolle einnimmt, sind auch mehrere Infrastrukturprojekte geplant. (Felix Lill)

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