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Motor der Energiewende

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Von: Frank-Thomas Wenzel

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Die 35 000 Tonnen schwere Konverterplattform für Offshore-Windkraftanlagen Dolwin Gamma wurde 2017 in die Nordsee geschleppt.
Die 35 000 Tonnen schwere Konverterplattform für Offshore-Windkraftanlagen Dolwin Gamma wurde 2017 in die Nordsee geschleppt. © picture alliance / Jens Büttner

Deutschlands Küsten müssen zu gigantischen Windparks umgebaut und an leistungsstarke Übertragungsnetze angeschlossen werden. Doch bislang geschieht wenig – auch wegen viel zu langer Genehmigungsverfahren. Wacht die Politik jetzt endlich auf?

Die Offshore-Plattform wirkt aus der Ferne wie ein gigantischer Legostein. Doch die Stahlkonstruktion ist vollgestopft mit Elektrotechnik – sozusagen der Motor, ohne den die auf See gewonnene Windenergie nicht dort ankommen würde, wo sie massenhaft gebraucht wird. Oder: der Motor der Energiewende.

Die Plattform steht mit ihrem knallgelben Anstrich als weithin sichtbares Wahrzeichen für die deutschen Ambitionen und Probleme bei dieser Wende: In den nächsten Jahren wird es nicht nur auf Ingenieurskunst ankommen, sondern vor allem darauf, dass die Bundesregierung den Ausbau der Windkraft auf See wieder ankurbelt – und dass Regionalpolitiker:innen für den Bau von Leitungen werben, die elektrische Energie gen Süd transportieren.

Dolwin Kappa, so die offizielle Bezeichnung des gelben Riesen, ist fast fertig und damit so gut wie bereit zum „Sail-out“. Das heißt, der Megalegostein wird nebst seines ebenfalls imposanten Untergestells demnächst im Hafen von Cadiz auf ein Spezialschiff gehievt, um den langen Weg von der südspanischen Atlantikküste in die Nordsee anzutreten. Im nicht allzu tiefen Wasser vor den Ostfriesischen Inseln wird dann das stählerne Gestell versenkt und die Konverterstation obendrauf gesetzt.

Es soll ein Neustart werden. Denn der Offshore-Ausbau vor den deutschen Küsten hat lange geruht. Im Jahr 2021 und in den ersten Monaten dieses Jahres ist kein einziges neues Windrad, das im Meer steht, ans Netz gegangen. Dabei werden die Mühlen dringend gebraucht. „Der Ukraine-Krieg ist ein Wendepunkt auch für das Energiesystem, um unabhängig zu werden von fossilen Energieträgern“, sagt Tim Meyerjürgens, Chef fürs operative Geschäft beim Netzbetreiber Tennet, in dessen Auftrag Siemens Energy und die spanische Dragados-Werft die Plattform gebaut haben.

Um von russischem Öl und Gas loszukommen, braucht es die Windturbinen vor den Küsten. Das hat auch die Ampelkoalition erkannt und das Ausbauziel für diese Spielart der Erneuerbaren von 20 auf 30 Gigawatt im Jahr 2030 erhöht – was fast einer Vervierfachung des Ist-Stands (7,8 Gigawatt) entspricht. 2035 sollen es schon 40 Gigawatt und 2045 sogar 70 Gigawatt sein – ein Gigawatt entspricht etwa der Leistung eines Atomkraftwerks.

Zwar mögen diese sehr ambitionierten Leistungsdaten im Vergleich zu den notwendigen Windrädern an Land immer noch bescheiden wirken. Und die Gesamtkosten für die Erzeugung des Stroms aus den maritimen Anlagen liegen mit sieben bis zwölf Cent pro Kilowattstunde höher als bei anderen Erneuerbaren. Aber die Rotoren auf See drehen sich bis zu 4500 Stunden pro Jahr. Das ist mehr als doppelt so viel wie bei Windrädern im Landesinneren. Zudem liegt der Strom-Output auf vergleichbarer Basis bis zu viermal höher als bei der Fotovoltaik. Das zeigt: Unter den regenerativen Energiequellen ist die Offshore-Variante die verlässlichste, sie soll eine Art Rückgratfunktion erhalten.

Erstaunlich mutet es da auf den ersten Blick an, dass das Wirtschaftsministerium unter Peter Altmaier (CDU) einst diese Spielart der Stromerzeugung eher stiefmütterlich behandelt hat. Für Meyerjürgens ist die Erklärung dafür relativ einfach: „Die frühere Bundesregierung hat nicht wirklich an den Green Deal der EU geglaubt. Dabei hat offenbar auch eine wichtige Rolle gespielt, dass man meinte, dass fossile Energie noch lange Zeit eingesetzt wird.“

Nach dem Regierungswechsel mahnte der Bundesverband der Windparkbetreiber Offshore ein zügiges Nachholen von Versäumtem an: „Die geplanten Ausschreibungsmengen müssen schnellstmöglich deutlich erhöht werden.“ Darüber hinaus müssten die Flächenpotenziale in deutschen Gewässern ausgeschöpft werden.

Altmaiers Nachfolger Robert Habeck (Grüne) hat genau dies nun mit seinen Vorschlägen im „Osterpaket“ beherzigt: Das Wind-auf-See-Gesetz will er grundlegend überarbeiten, die Genehmigungsverfahren beschleunigen und der Stromerzeugung in Nord- und Ostsee ein „überragendes öffentliches Interesse“ einräumen.

Doch mit dem Bau von mehr Mühlen ist es nicht getan. Konverterplattformen spielen eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, den Strom zu den Verbraucher:innen zu bringen. Dolwin Kappa ist mit seiner Leistung von 900 Megawatt einerseits eine Stromsammelstelle. Im Innern des fensterlosen Kolosses, der etwa eine Milliarde Euro kostet, wird andererseits die Energie, die von knapp 100 Windrädern der neuesten Baureihen kommen kann, geprüft, auf ein höheres Spannungsniveau gebracht und schließlich modifiziert – von Wechselstrom in Gleichstrom.

Der Sin dahinter: Würde versucht, den Wechselstrom an Land zu bringen, ginge unterwegs ein großer Teil der Energie verloren. Mit Gleichstrom gibt es fast keine Verluste. So kann die Windenergie über 90 Kilometer zu einer weiteren Konverterstation an Land bei Emden transportiert werden, wo Gleich- wieder zu Wechselstrom wird, um ihn fürs Stromnnetz an Land kompatibel zu machen.

Solche gelben Riesen wird es in den nächsten Jahren noch einige brauchen. Tennet und Siemens kalkulieren denn auch schon mit Anlagen die 2000 Megawatt (zwei Gigawatt) leisten, womit etwa 2,5 Millionen Haushalte versorgt werden könnten. Doch Habeck plant wohlweislich, dass sie im großen Stil erst in den Jahren 2029 und 2030 ans Netz gehen sollen.

Dass das Unterfangen mit den 30 Gigawatt höchst ambitioniert ist, ist auch Tim Holt, Vorstand bei Siemens Energy, klar: „Wir haben alle Werkzeuge und die Kapazitäten, aber aufgrund langwieriger Genehmigungsprozesse brauchen wir teils sieben bis neun Jahre, um Offshore-Projekte umzusetzen. Das heißt, was 2030 in Betrieb sein soll, muss jetzt sofort angegangen werden. Es wird ein enges Rennen, aber wir können es immer noch schaffen.“

Aber auch an Land muss sich einiges tun. Es gilt, den Nordseestrom über größere Strecken weiter zu transportieren, bis nach Bayern. Hier ist der Zeitplan wohl noch etwas ambitionierter als bei den Aktivitäten auf See. Auf der Deutschlandkarte, die Habeck bei seiner „Eröffnungsbilanz“ im Januar präsentierte, sind viele der dringend benötigten großen Stromautobahnen von Nord nach Süd in Braun eingezeichnet.

Hier laufen erst Planfeststellungs- oder Anzeigeverfahren – auf den Weg gebracht von Tennet und den drei anderen Transportnetzbetreibern (Amprion, 50 Hertz und Transnet BW). Laut Habeck befanden sich im dritten Quartal 2021 von vordringlichen Netzausbauprojekten mit einer Gesamtlänge von etwa 12 241 Kilometer erst 1848 Kilometer in Betrieb. Insgesamt 9718 Kilometer sind noch vor dem beziehungsweise im Genehmigungsverfahren.

Das macht Meyerjürgens Sorgen: „Das Netz ist der Flaschenhals.“ Er fügt hinzu, dass das Osterpaket zwar gut, aber nur ein erster Schritt sei. „Wir sehen von der Politik zahlreiche Ankündigungen. Aber was wir vermissen, sind die notwendigen Entscheidungen der Politiker.“ Es sei jetzt an der Zeit, die Verfahren auch tatsächlich zu verkürzen. „Zwei Jahre für die Genehmigung plus zwei Jahre Bauzeit halten wir bei Wechselstromleitungen für machbar. Bei Gleichstrom kann man es in vier plus vier Jahren schaffen.“

Was bei all diesen Vorhaben das Entscheidende für ihn ist, hat nichts mit Ingenieurskunst, sondern mit gekonnter Kommunikationsarbeit zu tun: „Wir haben viele gute Erfahrungen gemacht, wenn wir dabei von lokalen Politikern unterstützt werden, die uns helfen zu erklären, warum eine Transportleitung gebaut werden muss. Das ist der wichtigste Faktor, um schnell voranzukommen und um Akzeptanz in der Bevölkerung herzustellen.“ In Schleswig-Holstein sei es in diesem Stil mit Robert Habeck gelaufen, als er dort noch Umweltminister war. Doch Meyerjürgens legt nach: „Und wir sehen Politiker, die im Parlament für ein Projekt votieren, aber in ihrem Wahlkreis sich dagegen aussprechen und behaupten, dass Leitungen nicht notwendig seien.“ In solchen Fällen sei es extrem schwer, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen.

Kein Wunder, dass Dutzende von Klageverfahren seit Jahren den Bau von Stromautobahnen bremsen. Nach der Beobachtung des Tennet-Managers ist dabei markant, dass die Unterstützung für die Leitungsprojekte abnimmt, je weiter man nach Süden komme: „In Bayern ist es womöglich auch ein kulturelles Thema, weil die Menschen dort großen Wert auf Eigenständigkeit legen.“ Dabei wird der Nordseestrom ganz besonders dort gebraucht, um die Versorgung der Industrie zu sichern, die jahrzehntelang den Atomstrom bezogen hat, mit dem Ende des Jahres endgültig Schluss sein wird.

Als sei das alles nicht schon Ungemach genug, kommen durch den Ukraine-Krieg neue Themen hinzu: „Wir sehen für künftige Projekte höhere Preise für Kupfer, Stahl und Aluminium, die sich durch die gesamte Wertschöpfungskette ziehen“, so Siemens-Energy-Manager Holt. Es geht aber auch darum, dass Zulieferer aus Osteuropa wegfallen, konkret aus der Ukraine – zum Beispiel für Isolationsmaterial.

Das bedeute, dass Lieferketten neu geknüpft werden müssten und dass sich die Branche nicht mehr von einzelnen Lieferanten abhängig machen dürfe. Für Holt mündet das alles „in der Erkenntnis, dass die Kosten für Energieprojekte steigen werden. Das wird in den nächsten Monaten eine der wichtigsten Diskussionen werden. Und letztlich kann das auch dazu führen, dass Strom teurer wird.“

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