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Mehr Impfstoff, aber zu wenig Spritzen

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Von: Johannes Dieterich

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Einwegspritzen könnten knapp werden.
Einwegspritzen könnten knapp werden. © Isabel Infantes/dpa

Bis heute haben lediglich 77 Millionen Menschen in Afrika die Corona-Impfung bekommen – weniger als sechs Prozent der 1,3 Milliarden Bewohner:innen des Kontinents. In Afrika mangelt es vielerorts an Kanülen.

Kaum bahnt sich bei der Verfügbarkeit von Corona-Impfstoffen in Afrika eine Entspannung an, kündigt sich ein neuer Notstand an. Inzwischen drohe ein akuter Mangel an Einwegkanülen, die Impfkampagnen in den 54 Staaten des Erdteils zum Erliegen zu bringen, sagte die Afrika-Direktorin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Matshidiso Moeti. Ein Defizit von bis zu 2,2 Milliarden Einwegspritzen sei zu erwarten. „Drastische Maßnahmen zur unverzüglichen Produktion von Kanülen müssen ergriffen werden“, sagte Moeti am Donnerstag. „Davon hängen unzählige afrikanische Leben ab.“

Die Zahl geht auf Berechnungen des Kinderhilfswerks Unicef zurück. Davon betroffen sind sowohl die 0,5 Milliliter großen Kanülen, die für die meisten Corona-Vakzine und andere Impfungen nötig sind, sowie die 0,3 Milliliter fassenden Spritzen, die für das Pfizer/Biontech-Produkt verwendet werden. Letztere werden derzeit offenbar besonders knapp: Von ihnen gebe es keine größeren Lagerbestände, heißt es. In einigen Staaten wie Kenia, Ruanda und Südafrika komme es wegen des Spritzenmangels bereits heute zu Verzögerungen, sagte Moeti: Wenn die Produktion nicht schleunigst gesteigert werde, sei in den kommenden Monaten mit akuten Engpässen zu rechnen.

Bis heute haben lediglich 77 Millionen Menschen in Afrika die Corona-Impfung bekommen – weniger als sechs Prozent der 1,3 Milliarden Bewohner:innen des Kontinents. Dagegen sind rund 70 Prozent der Bevölkerung der Industriestaaten geimpft. Der Vakzinmangel in afrikanischen Staaten wird dazu führen, dass lediglich fünf Länder das von der WHO gesetzte Ziel erreichen, bis Ende dieses Jahres mindestens 40 Prozent ihrer Bevölkerung zu impfen. Dabei handelt es sich vor allem um kleinere Inselstaaten wie die Seychellen, Mauritius und die Kapverden, außerdem Marokko und Tunesien. Bislang gingen nur 2,5 Prozent der weltweit hergestellten Vakzine nach Afrika, während die Industrienationen auf riesigen Reserven sitzen und derzeit dazu übergehen, ihre Bevölkerung mit einer dritten Impfung zusätzlich zu schützen.

Einem Bericht der People’s Vaccine Alliance zufolge haben die Industrienationen ihre Versprechen, Entwicklungsländern insgesamt 1,8 Milliarden Impfstoffdosen zukommen zu lassen, bei weitem nicht erfüllt. Bislang seien dort nur gut 260 Millionen Portionen angekommen. Auch die westlichen Pharmakonzerne hätten lediglich zwölf Prozent der ursprünglich versprochenen Dosen an die Covax-Initiative geliefert, die eine gerechte Verteilung der Impfstoffe sichern soll.

Jetzt bahnt sich das Problem an, dass Teile der in den Industriestaaten gebunkerten Vakzine ihr Verfallsdatum überschreiten – ohne rechtzeitig in die südliche Erdhalbkugel transportiert werden zu können. Am Freitag riefen 160 ehemalige Regierungschef:innen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens die Industrienationen daher dazu auf, Impfstoffe nach Afrika zu schicken, bevor sie verfielen.

Dass der Mangel an Impfstoffen in Afrika bald vorbei sein könnte, liegt vor allem an der Produktion von 250 Millionen Dosen des Johnson&Johnson-Vakzins in Südafrika sowie am Erwerb von 110 Millionen Dosen von Moderna seitens der Afrikanischen Union.

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